Prof. Ilonca Hardy; Foto: Uwe Dettmar

In den Frankfurter Klassenzimmern treffen oft Kinder mit ganz unterschiedlicher Herkunft aufeinander. Wie künftige Lehrkräfte an der Goethe-Universität fit gemacht werden für diese Herausforderung, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Ilonca Hardy. 

Kinder werden mit den unterschiedlichsten Lernausgangslagen, Sprachkenntnissen, emotionalen und sozialen Entwicklungsständen eingeschult. Diese und andere lernerbezogene Merkmale lassen sich unter dem Schlagwort »Heterogenität« fassen – ein Begriff, der derzeit in Bezug auf den Ausbau des inklusiven Schulsystems, aber auch die einwanderungsbedingte Mehrsprachigkeit von Kindern häufig verwendet wird.

Für Lehrkräfte bedeutet dies, den Unterricht an die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler anzupassen. Dies erscheint einerseits als eine pädagogische Selbstverständlichkeit, stellt aber angesichts der Vielzahl zu berücksichtigender Merkmale in Klassen, egal ob in Grund- oder weiterführender Schule, eine Herausforderung dar. Didaktisch gesehen sind ein sogenannter adaptiver Unterricht, Einsatz von Differenzierungsmaßnahmen und Maßnahmen der individuellen Förderung erforderlich. Diese Formen der Unterrichtsgestaltung bedeuten wiederum, dass Lehrkräfte neben methodischer Expertise auch die Kompetenzen dazu benötigen, die Lernausgangslagen ihrer Schülerinnen und Schüler zu diagnostizieren – und zwar nicht nur einmalig, sondern im besten Fall im Laufe jeder Unterrichtsstunde, durch informelle und situationsangepasste Möglichkeiten.

Wie kann ein solcher auf individuelle Förderung ausgerichteter Unterricht aussehen? Beispielsweise stellen Lehrkräfte Rückfragen zu den Lösungsprozessen bei einer Mathematikaufgabe, die individuell bearbeitet wurde, um die Begriffsbildung und Alltagsvorstellungen der Kinder zu verstehen. »Wie bist du darauf gekommen?« »Hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben?« »Warum/warum nicht?« »Hat deine Sitznachbarin noch eine andere Idee und wie passen die beiden Ideen zusammen?« Eine Lehrkraft kann auch schriftliche Verfahren einsetzen, um einen Blick auf die Verständnisentwicklung zu erhalten, beispielsweise indem sie alle Schülerinnen und Schüler bittet aufzuschreiben, was die wichtigste Erkenntnis der Stunde war und welche Fragen noch offen blieben. Sieht sie sich solche kurzen Einschätzungen innerhalb der Klasse wiederholt an, entsteht eine gute Grundlage, um weitere Entscheidungen der individuellen Förderung und Unterrichtsanpassung zu treffen.

Eine solche Diagnose, Rückmeldung und Anpassung des Unterrichtsangebots ist nicht nur zeitintensiv, sie erfordert auch ein fundiertes Wissen sowie entsprechende Einstellungen der Lehrkräfte hinsichtlich unterschiedlicher Lernermerkmale im Unterricht. An der Goethe-Universität wird deshalb das Thema Heterogenität im Rahmen des Projekts Level (Lehrerbildung vernetzt entwickeln) der Qualitätsoffensive Lehrerbildung als Querschnittsaufgabe für alle Lehramtsstudiengänge verstanden.

Das Projekt ist an der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL) angesiedelt und in vier sogenannte Fächerverbünde (mathematisch-naturwissenschaftlich, sprachlich, gesellschaftswissenschaftlich, bildungswissenschaftlich) mit den jeweils beteiligten Fachbereichen organisiert. In fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Lehrveranstaltungen, unter anderem im Blended-Learning Format, wird das Thema Heterogenität mit unterschiedlichen Schwerpunksetzungen bearbeitet. Beispielsweise werden Befunde und Theorien zur Fach- und Bildungssprache, fachlichem Leistungsniveau oder Behinderung in den Blick genommen, differenzierende Unterrichtsmethoden im Unterrichts(fach)kontext bearbeitet und der Erkenntnisgewinn durch die Analyse von Videobeispielen aus Einzelförder-, Gruppen- oder Klassenunterrichtssituationen unterstützt.

Eine solche Analyse von Unterricht hat sich in Studien als besonders vielversprechend für die Ausbildung einer professionellen Unterrichtswahrnehmung sowie das spätere unterrichtliche Handeln herausgestellt. Sie beinhaltet das Erkennen von lernrelevanten Aspekten wie den Praktiken der kognitiv aktivierenden Unterrichtsgestaltung oder der lernförderlichen Rückmeldungen und deren Erklärung mithilfe von erziehungswissenschaftlichen oder psychologischen Theorien. Die analytische Nutzung von Unterrichtsvideos bietet somit die Möglichkeit, eine Brücke zwischen den theoriebezogenen und den praxisbezogenen Elementen des Lehramtsstudiums zu bauen.

Neben den Lehrangeboten aus dem Projekt Level wird das Thema Heterogenität im Unterricht auch an der Didaktischen Werkstatt – Arbeitsstelle für Diversität und Unterrichtsentwicklung des Fachbereichs Erziehungswissenschaften behandelt. Insbesondere liefern Angebote des Service Learning eine solide Grundlage für den zukünftigen Lehrberuf im Umgang mit unterschiedlichen Schülergruppen: Studierende übernehmen die Förderung von einigen Schülerinnen und Schülern verbindlich für ein Schuljahr und werden zeitgleich in begleitenden universitären Lehrveranstaltungen im Aufbau ihres diagnostischen und fachdidaktischen Wissens unterstützt. Dadurch lernen Studierende, wie eine individuelle Diagnose und Förderung aufeinander abgestimmt werden können und wie sich Schülerinnen und Schüler in Einzelund Gruppenförderkontexten über ein Jahr entwickeln – ebenso wird reflektiert, wie sich ihre eigenen Kompetenzen im Zeitraum des Begleitseminars entwickelten.

Zukünftig soll es auch der vermehrte Einsatz von digitalen Prozessportfolios den Studierenden erleichtern, die Verknüpfung von fachbezogenen Komponenten für die eigene Unterrichtsgestaltung herzustellen. Denn die Reflexion der eigenen Unterrichtsversuche im Praktikum, in individuellen Förderkontexten und im Referendariat stellt eine wichtiges Element des Professionalisierungsprozesses dar – und dieses insbesondere für den produktiven Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht.

[Autorin: Ilonca Hardy]

MentorInnentag 

Die Lehramtsstudierenden der Goethe-Universität Frankfurt werden bereits im Studium durch verschiedene Praxisphasen auf das Berufsfeld vorbereitet. Um die theoriegeleiteten Seminarinhalte mit der Schulpraxis sinnvoll zu verbinden, bedarf es einer engen Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Institutionen. Der jährlich stattfindende MentorInnentag bietet dabei einen wichtigen Begegnungsraum. Schulische und universitäre Betreuerinnen und Betreuer können sich persönlich kennenlernen und inhaltlich austauschen, eingebettet in eine thematisch wechselnde Vortrags- und Fortbildungsreihe zu aktuellen Thematiken der Lehrerprofessionalisierung. Organisiert wird die Veranstaltung vom Büro für Schulpraktische Studien der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung und dem Interdisziplinären Kolleg Hochschuldidaktik.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.18 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.