Wann waren Sie das letzte Mal im Theater? Oder auf einem Festival? Und wie war die Performance? Hoffentlich waren mehr gute als schlechte Darbietungen dabei. Aber was genau macht eine gute Performance aus? Wie inszeniert man ein Theaterstück? Wie erzählt man eine Geschichte? Und wie schafft man es, dass das Theater zu einem Aushandlungsplatz gesellschaftlicher Prozesse wird? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Dramaturgen und Dramaturginnen. Sie sind diejenigen, die im Theater die Fäden in der Hand halten. Die theoretischen, politischen und ästhetischen Zusammenhänge im Blick zu behalten, ist dabei eine ihrer Hauptaufgaben. Und wie das geht, kann man sich in Frankfurt aneignen. Mit dem Master Comparative Dramaturgy and Performance Research wurde 2017 ein weltweit einzigartiges Programm ins Leben gerufen. Fünf europäische Universitäten sind beteiligt. Im Fokus stehen internationale und interkulturelle Theaterpraxis und -forschung. Gefördert wird außerdem die interdisziplinäre und praktische Auseinandersetzung mit dem Theater. Wenn alles gut läuft, haben die Studierenden nach zwei Jahren an zwei Universitäten zwei Abschlüsse in der Tasche. Was zwischendrin passiert, erzählen hier die Studiengangsleitung und eine Studentin.

Internationalisierung

Alles begann 2002 mit dem Frankfurter Master Dramaturgie. Damals der erste seiner Art an einer deutschen Universität, sollte er auch an anderen Hochschulen bald Einzug halten. Im Mittelpunkt stand die deutschsprachige Theaterlandschaft. Doch die Internationalisierung der Kulturszene schritt in den vergangenen Jahren weiter voran. Große Projekte, wie Festivals, Theaterinszenierungen, choreographische Arbeiten oder Installationen im Bereich der Bildenden Kunst, werden immer mehr international geplant und umgesetzt. Damit wachsen auch die interkulturellen Anforderungen an die Dramaturgie. Um diesen veränderten Anforderungen gerecht zu werden, wurde 2017 der Master CDPR konzipiert. „Unsere Leitlinien sind die Internationalisierung, die Auseinandersetzung mit dem experimentellen Gegenwartstheater und mit den Fragen der Kritischen Theorie“, so bringt es Nikolaus Müller-Schöll, Professor für Theaterwissenschaft und Leiter des Studiengags CDPR, auf den Punkt.

Vier Partneruniversitäten und Theaterakademien konnte Frankfurt für sein Programm gewinnen: Paris, Brüssel, Helsinki und Oslo. Diese Kooperation ging aus den internationalen Aktivitäten der Theaterwissenschaft hervor, die seit bald zehn Jahren pro Semester drei internationale Gastwissenschaftler und Gastwissenschaftlerinnen zu Vorträgen einlädt und mit Förderung des DAAD auf die Friedrich Hölderlin-Gastprofessur für Allgemeine und Vergleichende Theaterwissenschaft regelmäßig internationale Forschende nach Frankfurt holte. Der Studiengang CDPR ermöglicht nicht nur fachlichen Austausch, sondern auch einen obligatorischen Auslandsaufenthalt für die Studierenden, den sie mit einem Doppelmaster abschließen. Verbringen sie das erste Jahr noch in Frankfurt, geht es im zweiten Jahr ins Ausland. Das hieß bisher nach Paris oder Brüssel, doch im kommenden Herbst öffnen sich auch die Theaterakademien in Helsinki und Oslo für die Frankfurter Studierenden. „Ich war überrascht, dass ich mich in Brüssel gleich so wohlgefühlt habe“, erzählt Antonia. Sie stieg nach ihrem Bachelorstudium der Sprach- und Textwissenschaften in Passau in den Masterstudiengang ein. Neben der Brüsseler Universität, fesselte sie vor allem die Kulturszene der belgischen Hauptstadt: „In Belgien gibt es eine hoch entwickelte Zirkuskultur, die ich sehr inspirierend finde. Besonders weil ich den Zirkus vorher nicht als Kulturinstitution auf dem Schirm hatte.“ Doch nicht nur das erweiterte Kulturprogramm, sondern auch die Interkulturalität hat einen Eindruck bei Antonia hinterlassen: „Belgien und vor allem Brüssel sind sprachlich und kulturell divers und das sieht man auch vor allem auf den kleinen Bühnen.“

Spielen und netzwerken

„Wir ermutigen unsere Studierenden, neben der Universität auch praktische Erfahrungen zu sammeln“, erklärt Sophie Osburg, Koordinatorin des Studiengangs. Regelmäßig finden Exkursionen zu Kulturinstitutionen statt, wie den Münchner Kammerspielen. Gemeinsam mit Kooperationspartnern wie dem Künstlerhaus Mousonturm, der Wiesbaden Biennale oder der Ruhrtriennale bietet der Studiengang Workshops, Sommerakademien und Master Classes an. Antonia nahm im Rahmen ihres Auslandsaufenthalts u. a. an Workshops zu den Themen Filmische Inszenierung und Accessibility an der Beursschouwburg, einem multidisziplinären Kunstzentrum in Brüssel, teil. „Diese Veranstaltungen sind wichtig, um sich ein berufliches Netzwerk aufzubauen und vor allem mit Gleichdenkenden zu connecten“, findet Antonia. Ein wichtiger Teil des Studiums ist, dass die Studierenden auch mal selbst auf der Bühne stehen. „Wir laden regelmäßig internationale Künstler und Künstlerinnen ein, die mit den Studierenden Arbeiten auf unserer Probebühne oder in der Stadt auf die Beine stellen“, so Müller-Schöll. Für Antonia ist das ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sei die praktische Arbeit innerhalb von Seminaren wichtig, auf der anderen Seite würden die Studierenden aber auch zu kunstschaffender Praxis außerhalb der Universität angehalten werden, was viel Engagement und Zeit bedeutet. Sie findet, dass es nicht immer einfach ist, alles unter einen Hut zu bekommen: „Besonders wenn man einen Nebenjob hat, der nichts mit der Kulturszene zu tun hat, kann es schwierig sein, nebenbei noch ein oder sogar mehrere Theaterstücke zu begleiten.“

Das Masterprogramm ist beliebt bei den Bachelorabsolventen. „Wir erhalten jedes Jahr sehr interessante Bewerbungen“, erzählt Osburg. Bewerber und Bewerberinnen kämen auch aus dem außereuropäischen Ausland, wie z. B. dem Iran, Taiwan, den USA oder Israel. Erste praktische Erfahrungen im Bereich Theater werden erwartet, aber ein Bachelor der Theaterwissenschaft ist kein Muss. „Wir nehmen gerne auch Studis mit einem sprachlichen oder sozialwissenschaftlichen Abschluss auf“, sagt Müller- Schöll. Und auch Absolventinnen eines praktisch orientierten Studiengangs, wie z. B. Grafikdesign oder Regie, haben schon den Einstieg gefunden. Diese bunte Mischung fördere die Interdisziplinarität des Studiengangs. „Durch die fachlich und kulturell diversen Hintergründe unserer Studis lernen wir Lehrenden beständig noch einiges dazu, besonders wenn es um Fragen der Diversität und Inklusion geht“, erklärt Müller-Schöll.

Nach dem Abschluss gehen manche Absolventen klassisch ans Theater, auch international. Müller-Schöll erwähnt eine Studentin, die nun am Theater in Wien arbeitet. Viele arbeiten bei Festivals oder international produzierenden Künstlergruppen. Andere wiederum blieben der Universität treu und promovierten. Antonia hingegen möchte in die Filmbranche: „Ich habe einige Zeit lang bei arte gearbeitet und könnte mir vorstellen, dahin zurückzukehren. Auch spannend wäre die Arbeit in der Produktion und das dramaturgische Begleiten von fiktiven Filmen oder Dokumentationen.“ Die Studiengangsleitung blickt ebenfalls in die Zukunft und möchte die nationalen Strukturen der Dramaturgie weiter hinter sich lassen. Bereits assoziierte internationale Kooperationspartner in Afrika, den USA und im Nahen Osten sollen perspektivisch in das Masterprogramm integriert werden.

Natalia Zajić

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4/2021 (PDF) des UniReport erschienen.