Auch Tiere trauern und zeigen Mitgefühl

Philosophin Martha Nussbaum spricht im Interview über die Ähnlichkeit von Emotionen bei Menschen und anderen Tieren, die Inspiration zu ihrem neuen Buch Gerechtigkeit für Tiere und Donald Trump.

Lisa Czellnik: Die Bedeutung von Emotionen kann als eines der zentralen Themen in einem Großteil Ihrer Arbeit angesehen werden. Natürlich hat sich Ihr Ansatz im Laufe der Zeit weiterentwickelt, doch ist die Zuschreibung des Attributs kognitiv mit Blick auf Emotionen eine hervorzuhebende Konstante geblieben. Können Sie näher erläutern, was genau Sie damit meinen?

Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. 2013 nahm sie die Dagmar Westberg-Stiftungsprofessur an der Goethe-Universität wahr. Foto: Goethe-Universität

Martha Nussbaum: Ich verwende das Wort so, wie es von Biologen üblicherweise verwendet wird. Kognitiv meint hier sich mit Aufnahme und Verarbeitung von Informationen befassend. In der Biologie ist sich die Forschung inzwischen einig, dass sich Emotionen bei Tieren als Möglichkeiten entwickelt haben, Informationen zu wichtigen Zielen und Projekten auszutauschen. Die hier wegweisende Arbeit von Anthony Damasio im Bereich der Neurowissenschaften zeigt, dass Menschen, deren Gehirn insofern geschädigt ist, als dass sie keine Emotionen empfinden, in Tests immer noch eine hohe Intelligenz aufweisen können – jedoch können sie sich auf keine Ziele beziehen und nicht entscheiden, was sie tun sollen. Ohne das Empfinden von Angst wären wir beispielsweise alle tot.

Sie sind der Ansicht, dass einige Emotionen in bestimmten Fällen, beispielsweise bei Säuglingen, der Sprache vorausgehen – im Laufe des Lebens aber durch dieselbe gefärbt und geformt werden. Das weist auf eine kraftvolle Verbindung hin und könnte, wenn ich Sie richtig verstehe, gleichzeitig als ein Argument für das Aufkommen von Emotionen bei Tieren gelten?

Ja, Emotionen gibt es schon sehr früh im menschlichen Leben – nicht nur Angst, sondern auch Liebe, Wut, Neid und andere. Die Trauer kommt etwas später, wenn die Realität des Todes verstanden wird. Mitgefühl erfordert Verständnis für das Leiden anderer. All diese Emotionen finden sich auch im Leben anderer Tiere, wie Frans de Waal in seinem brillanten neuen Buch MOMMA’S LAST HUG zeigt. Im menschlichen Leben werden Emotionen durch Sprache und soziale Normen, aber auch durch andere Formen der symbolischen Aktivität wie Musik und bildende Kunst geprägt. Zurzeit schreibe ich ein Buch darüber, wie Musik Menschen nach einem Krieg zusammenbringen kann, um zu trauern und neue Projekte der Versöhnung zu schaffen.

In letzter Zeit beschäftigen Sie sich verstärkt mit Tierethik – welche Bedeutung messen Sie diesem Thema in Ihrem Gesamtkonzept und Lebenswerk zum guten Leben bei? Welche Anknüpfungspunkte sehen Sie zu anderen Tierethiken und wie grenzen Sie sich von diesen ab?

Mein neues Buch Gerechtigkeit für Tiere: Unsere kollektive Verantwortung, in Deutsch erschienen bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, ist ab Januar 2023 auf dem Markt erhältlich. Inspiriert wurde das Buch durch das tiefe Engagement meiner Tochter für das Wohlergehen der Tiere. Sie war Anwältin einer Nichtregierungsorganisation, die sich für die Rechte von Tieren einsetzt. Durch ihre Arbeit lernte ich viel über diese Themen und ich war bereits dabei das Buch zu schreiben, als sie tragischer Weise im Alter von nur siebenundvierzig Jahren verstarb. Meine Art und Weise, diesen schrecklichen Verlust zu betrauern, bestand also darin, mich noch stärker in das Buch zu vertiefen und alles daran zu setzen, dass es ihrem Engagement würdig erscheint und ihre Arbeit auf diese Weise am Leben erhalten wird. Ein großer Teil des Buches ist eine Konfrontation zwischen meiner eigenen Theorie der Tiergerechtigkeit, die auf meiner Version des Capabilities Approach basiert und drei anderen prominenten Ansätzen: einem anthropozentrischen Ansatz, der auf der Idee einer „Leiter der Natur“ basiert, dem utilitaristischen Ansatz und Christine Korsgaards kantianischem Ansatz. Ich versuche zu zeigen, dass man sich auf die gesamte Lebensform des Tieres konzentrieren muss, nicht nur auf den Schmerz, und dass man jedes tierische Leben als das respektieren muss, was es ist, und nicht, weil es unserem eigenen gleicht oder nicht gleicht.

In diesem Rahmen beziehen Sie auch Ihr Verständnis von Emotionen auf Tiere, was heutzutage glücklicherweise zunehmend in der Gesellschaft anerkannt und akzeptiert wird – gibt es in Ihrer Forschung generell bemerkenswerte Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren oder könnte man sagen, dass die Bedeutung von Emotionen im Leben dieser beiden Gruppen vergleichbar ist?

Der Mensch ist ein Tier, und wie auch die anderen Tiere finden wir uns auf einem ziemlich feindlichen Planeten wieder und müssen nach Wegen suchen, um zu leben und hoffentlich gut zu leben. Jedes Tier hat eine andere Nische in der Welt und andere Strategien, um zu gedeihen, aber es gibt sehr allgemeine Ähnlichkeiten. Alle Tiere (uns eingeschlossen) streben nach Leben, nach Gesundheit, nach der Unversehrtheit des Körpers, nach dem Gebrauch der Sinne und der Vorstellungskraft; alle streben nach emotionaler Gesundheit; alle versuchen, ihren eigenen Weg durch die Welt zu wählen; alle streben nach Verbindungen mit anderen Lebewesen, sowohl derselben als auch anderer Arten; alle streben nach einer guten Beziehung zur Natur; alle spielen gerne und genießen die Freizeit; und alle streben nach verschiedenen Formen der Kontrolle über ihre materielle und soziale Umgebung. Wie Sie feststellen werden, sind dies die großen Rubriken meiner bekannten Liste des Capability Approach. Aber natürlich gibt es auf einer spezifischeren Ebene viele Unterschiede. Einige Tiere verfügen über Sinne, die uns fehlen, beispielsweise die Fähigkeit, mithilfe von Magnetfeldern zu navigieren oder die Fähigkeit, das Innere eines Objekts durch Echoortung wahrzunehmen. Und ich glaube, dass es auch emotionale Unterschiede gibt. Aber nur auf einer sehr spezifischen Ebene. Die meisten der wichtigsten Emotionen spielen im Leben von Tieren eine Rolle – einschließlich Trauer und Mitgefühl, wie wir jetzt wissen.

Zum Abschluss eine Frage, die sich leicht außerhalb der Tierthematik befindet: Wie schätzen Sie Trumps Effektivität und seine Chancen bei den Wahlen 2024 ein?

Trump hat in Bezug auf Covid ein Chaos angerichtet und ist darin gescheitert, irgendetwas zu erreichen. Seine Besessenheit von seinem Ego und der Vergeltung an seinen Feinden hat sich als katastrophal erwiesen, und seine Wahlverweigerung hat die Republikaner bei den letzten Wahlen teuer zu stehen kommen. Ich glaube nicht, dass er die Nominierung der Republikaner gewinnen wird. Ich bin auch nicht mit den anderen Kandidaten einverstanden (De Santis, Pence), aber sie sind normaler und gesetzestreuer. Ich würde es gerne sehen, wenn sie Liz Cheney nominieren würden, ich verehre sie, obwohl ich auch mit ihr nicht einverstanden bin. Aber ich glaube, das ist unwahrscheinlich. Ich denke, wenn Trump nicht nominiert wird, wird er als Unabhängiger kandidieren und damit die Republikaner dem Untergang weihen.

Über die Interviewerin „Ich weiß nicht was das Morgen bringt, aber ihm stets mit einem hoffnungsvollen Glauben an das Gute lebensbejahend entgegenzublicken – das konnte ich mir in meinem bisherigen Studium und Leben zu eigen machen.“ Diese von dem Philosophen William James geprägte Weltanschauung führte die Masterstudentin Lisa Czellnik im November 2022 mit der FAZ nach Rom. Dort interviewte sie Prof. Martha Nussbaum kurz vor der Preisverleihung der Balzan Stiftung in Rom, wo die amerikanische Philosophin den Preis für ihr moralphilosophisches Wirken erhielt. Lisa M. Czellnik studiert gegenwärtig Religionsphilosophie an der Goethe-Universität. Während ihres Grundstudiums der Philosophie und Germanistik an der TU Darmstadt traf sie auf den Frankfurter Religionsphilosophen Prof. Dr. Thomas Schmidt. Nach Abschluss ihres Bachelorstudiums folgte sie ihm nach Frankfurt. „Die Verbindung von Philosophie, Religionswissenschaft und Theologie bietet hier eine einzigartige Interdisziplinarität und die Möglichkeit, sich von sehr unterschiedlichen Seiten und Ansätzen wissenschaftlich, aber auch persönlich, inspirieren zu lassen. Zusätzlich dazu zeigt mir auch die enge Zusammenarbeit mit den Lehrenden, dass die Wahl des Studiengangs Religionsphilosophie für mich die richtige war.“

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