»Biodiversität stärker ins öffentliche Bewusstsein zu tragen – darin sehe ich meine Aufgabe«

Foto: Peter Kiefer

Prof. Karin Böhning-Gaese, seit 2010 Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums in Frankfurt am Main und Professorin an der Goethe-Universität, wurde in den Rat für Nachhaltige Entwicklung berufen. Das 15-köpfige Gremium berät die Bundesregierung, erarbeitet Beiträge zur Fortentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie, veröffentlicht Stellungnahmen zu Einzelthemen und soll zur öffentlichen Bewusstseinsbildung und zur gesellschaftlichen Debatte über Nachhaltigkeit beitragen.

UniReport: Liebe Frau Böhning-Gaese, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Berufung. Was sind Ihre Erwartungen, was können Sie als Wissenschaftlerin im Rat für Nachhaltige Entwicklung bewegen?

Karin Böhning-Gaese: Der Rat für Nachhaltige Entwicklung ist, anders als viele Beratergremien, transdisziplinär zusammengesetzt. Es ist also kein rein wissenschaftliches Beratergremium, wie zum Beispiel die Arbeitsgruppen der Leopoldina, in denen ich aktiv bin und die ich teilweise leite. Im Rat sind auch Personen aus ganz anderen Bereichen des Öffentlichen Lebens vertreten. Beispielsweise der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, der Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, eine Vorständin des Unternehmens BASF, aber auch aus dem städtischen Bereich, wie die Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn. Drei Wissenschaftler*innen bringen wissenschaftliche Erkenntnisse und Evidenz mit in den Rat. Schwerpunktmäßig geht es aber um die Umsetzung, sozusagen soll das Notwendige auf die Straße gebracht werden. Es reicht eben nicht, wenn wir Wissenschaftler*innen nur unter uns bleiben. Es braucht auch Expert*innen, die wissen, wie eine Stadt, wie ein Unternehmen oder ein Verband funktioniert.

Bei unterschiedlichen Interessen könnte es vielleicht auch eine Herausforderung sein, als Rat mit einer Stimme zu sprechen.

Auf jeden Fall. Ich hatte in der Vergangenheit schon mit dem Rat für Nachhaltige Entwicklung zu tun. In meiner Rolle als Leopoldina-Mitglied habe ich an einer Stellungnahme mitgearbeitet, mit den Mitgliedern des Rates, die sozusagen gespiegelt waren durch eine entsprechende Anzahl an Leopoldina-Mitgliedern. Da musste ich feststellen, dass die Diskussionskultur schon spannend ist. Man hat es mit sehr unterschiedlichen Perspektiven, Positionen, Expertisen und Erfahrungen zu tun. Das ist dann aber auch genau die Aufgabe des Rates: einen gesellschaftlichen Konsens herzustellen. Ideen für die Landwirtschaft entwickeln, die einerseits den Schutz der Natur ermöglichen, andererseits auch die Rahmenbedingungen berücksichtigen, unter denen heute Landwirtschaft funktioniert und die auch von den landwirtschaftlichen Betrieben umsetzbar sind. Ich erhoffe mir, dass die Positionen, die der Rat erarbeitet, dadurch auch besser in der Praxis aufgegriffen werden können, dass eben unterschiedliche Perspektiven darin zum Niederschlag kommen. Es gibt sehr viele beratende Gremien in Deutschland. Beim Rat für Nachhaltige Entwicklung nehme ich als Besonderheit die transdisziplinäre Sicht: weil eben auch ganz unterschiedliche gesellschaftliche Akteure dabei sind.

Das Thema Nachhaltigkeit hat, vielleicht auch mit und durch die Energiekrise, mehr Aufmerksamkeit bekommen. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Knackpunkte, was sehen Sie als Wissenschaftlerin als drängendstes Problem?

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung nimmt sich der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen an. Zwei davon sind „Leben an Land“ und „Leben unter Wasser“. Dahinter steht natürlich auch die ganze Biodiversitätsforschung, die ich vertrete. Ich habe den Eindruck, dass diese beiden Ziele unter den Nachhaltigkeitsthemen, gerade im Vergleich zum Klima, bislang etwas stiefkindlich behandelt wurden. Ich würde mir daher wünschen, dass das Thema Biodiversität stärker in der politischen Debatte wahrgenommen würde, weil es in seiner Bedeutung mindestens so groß ist wie die Klimakrise. Wenn wir in Zukunft von den großen Umweltkrisen sprechen, sollten wir von einer Doppelkrise sprechen: von Klimawandel UND Biodiversitätsverlust. Einige Maßnahmen, die im besten Wissen und Gewissen für den Klimaschutz unternommen wurden, haben ganz fatale Kollateralschäden für die Biodiversität gehabt.

Um hier ein konkretes Beispiel zu nennen: Der Ausbau der Bioenergiepflanzen war gut gemeint, weil man dachte, damit könne man die fossilen Energiequellen reduzieren. Aber nun wird ein nicht unbeträchtlicher Teil unserer landwirtschaftlichen Fläche genutzt, um Raps und Mais für Bioenergie anzubauen. Es wandert erstaunlich viel Getreide in den Tank statt auf den Teller. Das ist fatal vor dem Hintergrund der Ernährungssicherung. Zudem wird auf diesen Flächen gedüngt, Pflanzenschutzmittel kommen zum Einsatz. Die EU hat sich durchgerungen, dass 4 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche für die Artenschutzvielfalt ausgewiesen werden. Aber im Zuge der Ukraine-Krise und der Ernährungsunsicherheit ist das vom Landwirtschaftsministerium um ein Jahr zurückgestellt worden.

Oft fokussiert sich die Diskussion auf die Frage: Müssen andere Strukturen geschaffen werden oder muss der Einzelne (Bürger*in) sich stärker für Nachhaltigkeitsthemen engagieren. Eine Scheindebatte?

Man muss beides zusammendenken! Beim Weltnaturgipfel lautete die Überschrift für das deutsche Handeln: Man brauche einen „whole of government, whole of society approach“. Biodiversität ist nicht nur ein Thema des Umweltministeriums, sondern auch eines des Entwicklungshilfe- und Landwirtschaftsministeriums; auch eines der Wirtschaft und Finanzen. Man kann nicht Subventionen aus Brüssel für die Landwirtschaft so verteilen, dass sie nicht der nachhaltigen Landwirtschaft zugutekommen. Die Identifizierung von naturschädlichen Investitionen wäre wichtig. Ökolandbau ist definitiv wichtig, wie es im Koalitionsvertrag auch festgeschrieben ist, und zwar mit einem Anteil von 30 Prozent. Man muss sich aber auch bewusst machen, dass die Erträge im Ökolandbau um circa 25 Prozent niedriger sind, da gibt es massenhaft wissenschaftliche Untersuchungen zu.

Wir haben jetzt schon einen ökologischen Fußabdruck im Globalen Süden, der größer ist als hier in Deutschland. Wenn wir das nicht noch weiter ausdehnen wollen, heißt das, dass wir unseren Konsum und unsere Ernährungsgewohnheiten ändern müssen. Das ist durchaus der/die Einzelne gefragt! Wir dürfen Lebensmittel nicht weiter so verschwenden. Das findet bei uns in Deutschland zum großen Teil sozusagen zwischen Laden und Teller statt; aber natürlich müssen auch Großhandel und Restaurants stärker darauf achten. Wir müssen aus Gesundheitsgründen, aber auch aus Gründen der Biodiversität weniger Fleisch essen. Man könnte auch sagen: zurück zum Sonntagsbraten! Damit könnten wir die geringeren Erträge im Ökolandbau locker ausgleichen, weil es Flächen freisetzen würde. Für ein Kilogramm Rindfleisch brauche ich das 160-Fache der Fläche wie für ein Kilogramm Kartoffeln. Selbst mit der Halbierung des Fleischkonsums könnte man schon viel erreichen.

Auch die Universitäten haben da, als große Institutionen mit zahlreichen Mitarbeitenden und Studierenden, eine Verantwortung. Was ist da aus Ihrer Sicht wichtig?

Der Fokus müsste noch ausgeweitet werden: Man achtet heute schon an den Hochschulen auf Mülltrennung, Plastikvermeidung, Energieeinsparung, auf energieeffiziente Gebäude und noch einiges mehr. Was aber oft noch nicht gesehen wird: Auch das ganze Landwirtschafts- und Ernährungssystem muss umgebaut werden. Die Mensen und Cafeterien, die in der Regel vom Studierendenwerk betrieben werden, könnten noch viel mehr Biogerichte anbieten. Mehr vegetarische Speisen, weniger Fleischgerichte. Hühnchen ist schon besser als Rindfleisch. Regional einkaufen wäre auch wichtig. Infolge der Energiekrise und mit der hohen Inflation ist die Nachfrage in den Biomärkten eingebrochen. Daher sollten sich auf diesem Marktsegment die universitären Betriebe stärker engagieren. In diesem Winter könnte man beispielsweise mehr auf Lauch, Kartoffeln, Kohl, Rote Beete, Pastinaken, Sellerie und Karotten aus der Region setzen.

Fragen: Dirk Frank

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