Zum Selbstdenken gehört auch die Auseinandersetzung mit den Meinungen anderer

Der Kant-Experte Achim Vesper über die Bedeutung und Aktualität Immanuel Kants und die fragwürdige Inanspruchnahme seines Begriffs des kritischen Selbstdenkens seitens Querdenker

Dr. Achim Vesper ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Goethe-Universität; er vertritt momentan die Professur für Philosophie der Neuzeit (Marcus Willaschek). Die Einführung in »Kants Philosophie«, die er zusammen mit Gabriele Kava (Universität Turin) verfasst hat, erscheint am 14. März 2024 im Verlag C.H. Beck

UniReport: Herr Vesper, ihr Kollege Marcus Willaschek beginnt sein Kant-Buch mit der Aussage: »Kant ist der bedeutendste Philosoph der Neuzeit.« Sie schreiben im ersten Satz ihres eigenen, mit Gabriele Gava aus Turin verfassten Kant-Buchs ähnlich: »Immanuel Kant gilt zu Recht als einer der wichtigsten Philosophen in der Geschichte der westlichen Philosophie.« Woran kann man denn festmachen, dass Kant eine solche Bedeutung besitzt? Was sind seine vielleicht spektakulärsten Gedanken?

Achim Vesper: Kants Bedeutung lässt sich zum Beispiel darin erkennen, dass wir noch heute in der philosophischen Debatte immer wieder auf Kant zurückkommen. Historisch kann man sagen, dass sich die philosophischen Fragestellungen durch Kant einschneidend verändert haben.

Betrachten wir Kants theoretische Philosophie: Die Attraktivität seiner Erkenntnistheorie liegt darin, dass er eine Mittelstellung gegenüber den Extrempositionen des Konstruktivismus und des naiven Realismus einnimmt. Weder ist die Wirklichkeit ihm zufolge ein Produkt unseres Geistes, noch haben wir einen nackten Zugriff auf die Wirklichkeit. Stattdessen entwickelt Kant eine neue Auffassung von den menschlichen Erkenntnisfähigkeiten, indem er sich den basalen Strukturen des menschlichen Geistes zuwendet, durch die wir die von uns unabhängige Welt erschließen.

Aus dieser Untersuchung der menschlichen Erkenntnisfähigkeiten geht aber auch hervor, dass unseren Erkenntnismöglichkeiten eine Grenze gezogen ist. So sind wir nicht in der Lage, ein Wissen darüber zu erlangen, ob es Gott gibt oder die Seele unsterblich ist. Vielleicht überraschend ist Kant aber der Meinung, dass wir aus moralischen Gründen dennoch an den Überzeugungen festhalten müssen, dass es Gott und Unsterblichkeit gibt. Wie stichhaltig diese Argumentationen im Detail auch immer sein mögen – was man gut erkennt, ist Kants Bestreben, Untersuchungen auf verschiedenen Feldern der Philosophie in einen Zusammenhang zu bringen und dabei der moralischen Orientierung besonderes Gewicht zu geben.

In der Ethik etabliert Kant mit dem kategorischen Imperativ ein Moralprinzip, das wir auch heute noch als richtungsweisend verstehen. Ihm zufolge sollen wir unsere Handlungsvorsätze darauf prüfen, ob sie als ein Gesetz für alle infrage kommen. Kant macht auch klar, dass sich daraus ein Instrumentalisierungsverbot ergibt, nach dem wir andere nicht als bloße Mittel zum Erreichen unserer eigenen Ziele behandeln dürfen – was unserem strategischen Umgang mit anderen Personen eine Grenze auferlegt. Denkt man an die politische Philosophie, so hält Kant vor allem eine Rechtsentwicklung für notwendig, in der sich Staaten eine republikanische Verfassung geben, zu einem Völkerbund oder sogar einer Weltrepublik zusammenschließen und ein Weltbürgerrecht achten, das einer jeden Person unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit zukommt.

Wichtig für Kant ist, dass sich alle diese Gesichtspunkte aus einer Reflexion auf die menschliche Vernunft ergeben. Der Mensch wird dabei als ein Wesen begriffen, das nicht nur aus Klugheit handelt und nach den richtigen Mitteln zum Erreichen seiner eigenen Ziele sucht, sondern aufgrund seiner Vernunft eine allgemeine Perspektive einnehmen kann.

Trotz der Bekanntheit und der Bedeutung Kants für die Philosophie haben kürzlich gleich zwei Magazine ein falsches Bild von ihm ausgewählt. Kants Kopf soll ja die Porzellanvasen seiner Zeitgenossen geschmückt haben, liest man, aber ist der Königsberger heute doch nicht mehr bekannt genug, zumindest visuell?

Soweit ich sehe, ist Kant ein Autor, den viele lesen und an dem viele interessiert sind. Sie spielen aber darauf an, dass in letzter Zeit in den Medien Artikel über Kant versehentlich mit einem Portrait von Jacobi bebildert wurden. Das ist deshalb witzig, weil Jacobi ein Kritiker Kants war und von Kant nicht gerade mit Sympathien wahrgenommen wurde. Wir haben nicht allzu viele zeitgenössische Kantporträts und vielleicht hat die Suche nach ungewöhnlichem Bildmaterial die Verantwortlichen in die Irre geführt.

Viele sagen, dass Kant schwer zu lesen sei – würden Sie das bestätigen? Auch wenn man den historischen Abstand außen vor lässt?

Man kann schon sagen, dass Kants Schriften voraussetzungsreich sind. Das sollte uns nicht wundern, da er sich mit den meisten seiner Schriften an eine Fachöffentlichkeit wendet. Viele der Schwierigkeiten ergeben sich auch aus den Themen, die er behandelt und für die er zum Teil erst eine neue Sprache finden musste. Es gibt jedoch auch kleinere Werke Kants, mit denen er sich an ein größeres Publikum wendet, nicht nur seinen Aufklärungsaufsatz. In diesen lernt man Kant als einen großartigen und gut lesbaren Schriftsteller kennen.

Wir leben in einer Zeit, in der hochproblematische Positionen oft auch mit einer Art des »kritischen Selbstdenkens« legitimiert werden. Wird Kants Maxime, sich auf den eigenen Verstand zu berufen, dadurch gewissermaßen pervertiert?

Das ist eine besonders interessante Frage, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass sich auch viele sogenannte Querdenker während der Pandemie auf den von Kant hervorgehobenen Wert des Selbstdenkens beriefen. Zunächst muss man aber feststellen, dass Kant den Meinungen anderer durchaus Gewicht gibt: Die Übereinstimmung mit den Meinungen anderer spricht ihm zufolge sogar für die Wahrheit der eigenen Meinung. Insbesondere in den Bereichen von Moral und Politik liegt die Verantwortung für unsere Meinungen aber bei uns selbst. Vor allem hier dürfen wir Meinungen nicht einfach übernehmen, sondern müssen nach Gründen für unsere Meinungen suchen – wobei nach Kant nur dann ein solcher Grund vorliegt, wenn er nicht nur für uns, sondern grundsätzlich auch für alle anderen einsichtig ist.

Manche Beobachter werfen die Frage auf, wie Kant wohl heute auf politische und gesellschaftliche Phänomene geblickt hätte. Ein abwegiges Gedankenspiel oder durchaus reizvoll – immerhin hat Kant auf das größte historische Ereignis seiner Zeit, die Französische Revolution, mit großem Interesse geschaut?

Wir können unser gegenwärtiges politisches Handeln durchaus an den Ansichten Kants prüfen. In Kants Perspektive müssen wir trotz aller Unterschieden zwischen uns am Ziel eines friedlichen Zusammenlebens festhalten, bei dem auch niemand Not leiden darf. Ganz allgemein kann man sagen, dass er den Blick darauf richtet, was wir als vernünftige Wesen gemeinsam haben und wodurch wir unsere Freiheit mit der anderer in Einklang bringen können. Nur wenn wir diese universalistische Perspektive beibehalten, können wir dem Zustand einer Welt entkommen, die durch Gruppenkonflikte gekennzeichnet ist.

Gleichwohl kann man die Frage stellen, welche historischen Erfahrungen uns von Kant trennen. In Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ stehen ihm Eroberungskriege vor Augen, nicht die Vernichtungskriege, die im 20. Jahrhundert auftraten. Unbekannt sind Kant auch die nationalistischen Ideologien, die Kriegsleidenschaft entfachen. Aber auch wenn wir im letzten Jahrhundert neue Dimensionen von menschlichem Leid kennengelernt haben, ist es richtig, dass wir auf eine positive Menschheitsentwicklung vertrauen müssen, um handlungsfähig zu bleiben.

Was interessiert Sie als Forscher besonders an Kant, welche Fragen stellen Sie an seine Texte, an welcher Stelle ist er noch nicht ausreichend oder zu einseitig interpretiert worden?

Mein Interesse an Kant geht auf meine Beschäftigung mit Kants Ästhetik zurück. Ich war gebannt davon, in welchem Ausmaß sich die Lektüre eines historischen Textes als augenöffnend für aktuelle Debatten erweisen kann. Heute beschäftige ich mich vor allem damit, worin die Grundlagen von Kants Ethik bestehen und wie er sich zu der Frage verhält, ob sich die Standards moralischer Bewertung aus menschlichen Einstellungen und Überzeugungen ergeben oder eine davon unabhängige Tatsache darstellen.

Insgesamt ist die Kant-Forschung ein sehr lebendiges Feld. Wir tendieren jedoch dazu, Kants intellektuelles Umfeld in der Aufklärung außen vor zu lassen. Hier wäre ich dafür, den Kanon zu erweitern und auch andere Autoren und Autorinnen der Aufklärung philosophisch zu erschließen.

In den letzten Jahren wurde durchaus auch Kritik laut hinsichtlich rassistischer und auch antisemitischer Tendenzen in Kants Schriften. Wie würden Sie das sehen, wie kann und muss die Kant-Forschung darauf reagieren?

Elemente von Rassismus und Antisemitismus lassen sich bei Kant in der Tat auffinden. In einigen Passagen zeigt sich Kant als ein Autor, der die Judenfeindlichkeit des Protestantismus übernimmt. Außerdem ist richtig, dass sich eindeutig rassistische Aussagen bei Kant nachweisen lassen. So kommt er an einigen Stellen auf eine Rassenhierarchie zu sprechen, mit der die nach Kant existierenden einzelnen Rassen nach dem Grad der Ausbildung ihrer Vernunft bewertet werden. Unklar ist aber, in welcher Verbindung diese Aussagen zum Kern seines philosophischen Denkens stehen. Das ist Gegenstand einer andauernden Debatte, die sich auch produktiv führen lässt. Aber wie tief oder weniger tief der Rassismus in Kants Denken verwurzelt sein mag – es bleibt deutlich, dass uns Kant auch wichtige Mittel an die Hand gibt, Rassismus zu kritisieren und zu überwinden.

Fragen: Dirk Frank

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