Im Wintersemester 2017/2018 übernimmt die Schriftstellerin Silke Scheuermann die Stiftungsgastdozentur für Poetik an der Goethe-Universität. Am 23. Januar findet die erste von drei Vorlesungen statt. Wir haben Silke Scheuermann vorab interviewt.

Frau Scheuermann, Sie haben u. a. an der Goethe-Universität studiert, welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Abgesehen davon, dass ich mein freies Studentenleben nach dem ganzen Schulstress liebte – die Geisteswissenschaften waren ja nicht ansatzweise so verschult wie heute … – naja, die Gebäude in Bockenheim waren unglaublich heruntergekommen und hässlich, es roch in der Nähe der Mensa auch nicht nach Essen, sondern einfach eklig. Andererseits fand ich es damals auch okay, dass Obdachlose übernachteten – und ich mochte die Spuren der 68er, auf die man überall stieß. Die Germanistikassistenten saßen in winzigen Kellerlöchern … Ich glaube, im Poelzig-Bau hätte ich mir mehr Zeit gelassen mit dem Studium, so war ich schnell wieder weg. Und ich war immer bei den Poetik-Vorlesungen – heimlich habe ich mir schon mit zwanzig gewünscht, da auch mal zu stehen. Also: sehr heimlich, denn ich hatte bisher nur ein einziges Gedicht in der Zeitschrift „Van Goghs Ohr“ untergebracht.

Sie wohnen „in der Nähe von Frankfurt“, d. h. in Offenbach. Ist dieser Ort prägend? Viele Zeitgenossen werden ihn nicht unbedingt mit Literatur in Verbindung bringen, vielleicht eher mit HipHop/Techno oder mit sozialen Brennpunkten.

Ich wohne da gerne, obwohl es gerade arg gehypt wird. Aber noch ist es einigermaßen preiswert, und bisher steht nur vor einem italienischen Laden samstags eine Käuferschlange aus Frankfurt. Ich mag die Mischung. Es gibt zum Glück auch kaum irgendein erwähnenswertes kulturelles Angebot – da kann man gut selber etwas Produzieren. Allerdings: ohne Frankfurt so nahe wäre Offenbach für mich nichts.

Ihr letzter Roman „Wovon wir lebten“ ist ein Coming-of-Age- Buch und spielt in Offenbach. Haben Sie für die Geschichte des Helden Marten im Drogenmilieu recherchieren müssen?

Ja, da kommt Offenbach wirklich nicht gut weg – ich beschreibe aber die neunziger Jahre, das darf man nicht vergessen. Mir ist es wichtig gewesen, dass Marten die Welt als Koch gesellschaftlich als durchlässig erscheint, eben weil er eine Art „Naturtalent“ ist. Letztlich ist es auch ein, ja, Zufall, eine Kette von Zufällen, dass er es „schafft“ – an den Rändern seines Lebenswegs liegen durchaus ein Paar Versager und Drogentote. Er ist die Ausnahme, nicht die Regel. Das ist also nicht allzu optimistisch, nur ein bisschen.

Was halten Sie vom aktuellen Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro, was vom vorherigen Bob Dylan?

Zu Kazuo Ishiguro wiederum gibt es so viel zu sagen, ich liebe seine Bücher, die Art, wie seine Phantasie arbeitet, und ganz besonders die Perspektiven, die er einnimmt – er lässt ein Klonmädchen erzählen, wie in „Alles, was wir geben mussten“ oder den Butler wie in „Was vom Tage übrig blieb“. Wenn ich ein Buch von ihm gelesen habe, frage ich mich hinterher immer, wie die Leser zuvor ohne es auskommen konnten; er schafft ja fast schon neue Mythen, wenn er sich in diese „kleinen Leute“ verwandelt und aus ihrer Perspektive spricht. Literatur ist ein Medium der Verwandlung, um so über den eigenen, eingeschränkten Blick herauszukommen für mich. Bob Dylan den Literaturnobelpreis zu geben, das war bestimmt ein seltsames Versehen der Jury. Muss man also nicht kommentieren.

Sie sprechen im Text „Der Traum im anderen Körper“ davon, dass wir „Opfer der Übermacht an Anforderungen“ geworden seien: Ihr Gegenmittel ist die Sprache. Kann der Widerspruch mit/über Sprache gelingen?

Ich denke durchaus, dass Literatur das kraftvolle Medium zur Veränderung des Menschen sein kann. Wenn vielleicht nicht sogleich für die äußere, dann aber in jedem Fall für die innere Welt. Denn wer glaubt eigentlich wirklich noch, dass es Veränderung geben kann?

Was und welche Themen dürfen die Zuhörer in Ihrer Poetikvorlesung erwarten?

Ich erzähle von einem Tag und einer Nacht, wie sie sich in meinem Leben ereignen.

Wer Ihr Werk nicht kennt oder sich vielleicht vorbereiten möchte: Hätten Sie eine Empfehlung für den Einstieg?

Die Vorlesungen sind doch ein prima Anfang!

Die Fragen stellte Dirk Frank

Frankfurter Poetikvorlesungen im Wintersemester 2017/18

Silke Scheuermann: GERADE NOCH DUNKEL GENUG.

23.01.2018 – Nacht oder Sterne sind Mathematik
30.01.2018 – Tag oder Was Mrs Dalloway noch dachte
6.02.2018 – Zwielicht oder Träumen Zebras von karierten Löwen

Campus Westend, Hörsaalzentrum, Audimax (HZ1&2) Beginn jeweils um 18.00 Uhr c.t., Einlass ab 17.30 Uhr, Eintritt frei. Abschlusslesung im Literaturhaus Frankfurt am Mittwoch, den 7. Februar 2018, 19.30 Uhr.

Silke Scheuermann debütierte 2001 mit dem Gedichtband „Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen“ und wurde dafür mit dem Leonce-und-Lena- Preis ausgezeichnet. Nach einem weiteren Lyrikband erschienen 2005 die Erzählungen „Reiche Mädchen“ und zwei Jahre später ihr erster Roman „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“ (2007), für den sie den Grimmelshausen- Förderpreis erhielt. Neben einem Kinderbuch, weiteren Gedichtbänden (u. a. „Über Nacht ist es Winter“, 2007) und Romanen (u. a. „Die Häuser der anderen“, 2012) erschien 2015 „Und ich fragte den Vogel“. In diesem Band gibt Silke Scheuermann einen vielstimmigen Einblick in „Lyrische Momente“ und ihr poetologisches Verständnis. Ihre jüngste Veröffentlichung ist der Roman „Wovon wir lebten“ (2016). Neben zahlreichen Preisen und Stipendien erhielt sie für ihr bisheriges dichterisches Werk und insbesondere für das Gedichtbuch „Skizze vom Gras“ (2014) den Hölty-Preis für Lyrik. Zuletzt wurde Silke Scheuermann mit dem Bertolt-Brecht-Preis, dem Robert Gernhardt Preis (beide 2016) und dem Georg-Christoph-Lichtenberg- Preis (2017) ausgezeichnet.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.