Die Lyrikerin Monika Rinck übernimmt im Wintersemester die Frankfurter Poetikdozentur. Die Vorlesungen mit dem Titel »Vorhersagen. Poesie und Prognose« können diesmal nur digital verfolgt werden. Der UniReport konnte Rinck vorab einige Fragen stellen.

Foto: Gene Glover

UniReport: Frau Rinck, die meisten Poetikdozenten sind im Bereich der Prosa zuhause. Ist das für Sie eine Herausforderung, als Lyrikerin in Frankfurt anzutreten?

Monika Rinck: Vielleicht verläuft die Differenz zudem entlang einer anderen Bahn: 65 Autoren, 17 Autorinnen (wenn ich mich nicht verzählt habe). Nun sind unter 17 Autorinnen 9 Lyrikerinnen oder Autorinnen, die auch Lyrik schreiben. Das ist die Mehrzahl. Gegenüber 65 Autoren (nicht generisches Maskulinum), unter denen schon auch einige Lyriker waren, aber zu einem geringeren Prozent, als dies bei den Autorinnen der Fall ist. Und da es sich bei der Poetikvorlesung ja eigentlich weder um Poesie noch um Prosa handelt, sondern um die hybride Gattung der Poetologie – denke ich über meinen Status als Autorin von Gedichten im Gegensatz zum Status von Autorlar* von Prosa eigentlich nicht nach.

Manche sprechen sogar vom Lyrikboom der letzten Jahre: Empfinden Sie das auch so, erfährt die Lyrik wieder eine größere Aufmerksamkeit, worauf könnte man das zurückführen? »Profitieren« davon aber die Lyrikerinnen und Lyriker?

Solange wir es mit Auflagen im niedrigsten vierstelligen Bereich zu tun haben, können wir nicht von einem Lyrikboom sprechen. Das ist einfach so. Vielleicht interessieren sich die Leute vermehrt für ganz unterschiedliche Schreibweisen, das betrifft auch den Essay, das Nature- und Life-Writing, die Ich-Fiktionen, Science Fiction, Mischformen, wie z.B. „Die Zuckerfabrik“ von Dorothee Elminger oder das fantastische Buch „made in china“ von Lea Schneider und mehr. Das ist erfreulich.

In »Risiko und Idiotie« schreiben Sie an den/die Leser/in: »Das Gedicht ermöglicht Ihnen, einem Gedanken Zeit zu geben.« Können Gedichte in einer von schnellen digitalen Medien zunehmend dominierten Welt eine Art Korrektiv sein und zum reflektiert(er)en Umgang mit Sein und Zeit animieren?

Mal so, mal so. Digital beschleunigte Gedichte sind ja auch eine interessante Sache. Schnelle Gedichte, die ich langsam oder hastig am Bildschirm lese. Ich würde nicht das Medium in den Mittelpunkt stellen, sondern die eigene Praxis, das heißt: wie man damit umgeht. Da kann man sich zum Glück immer wieder umentscheiden. Es ist ja nicht unbedingt das Medium, das beim Lesen das Tempo diktiert, sondern die eigene Aufmerksamkeit. Die Autorin und (E-)Book-Verlegerin Christiane Frohmann hat in den letzten zehn Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Opposition nicht weiterhilft. Ähnlich wie Sascha Michel kürzlich in seinem guten Essay über das Lesen die Gegenüberstellung von gutes altes Medium versus böses neues Medium generell infrage gestellt hat. Er schreibt darin: „Wir mögen uns ja nach mehr Ruhe sehnen, aber führt uns diese Sehnsucht zum Buch?“ Und: „Kultur- kritische Gegenüberstellungen dieser Art – hier die Konzentration auf das eine ,heilige‘ Buch, dort zerstreuende Sucht nach Serien oder schlechten Romanen – führen zu völlig falschen Bildern auf beiden Seiten. (…) Einen Ort jenseits der Unruhe gibt es auch beim Lesen nicht. Die alltägliche Herausforderung liegt darin, dass man sich – zumindest zeitweise – auf die Unruhe konzentriert.“

Der u.a. in Frankfurt lehrende Literaturwissenschaftler Christian Metz hat geschrieben, dass sich bei Ihnen zwei unterschiedliche Sprechweisen auf charakteristische Weise miteinander verbinden: Poesie und Theorie. Namen wie Niklas Luhmann und Michel Serres tauchen schon mal in Ihren Texten auf. Vermögen Gedichte Gedanken zu formulieren, die man selbst in der Wissenschaft so nicht findet? Braucht eine solche Metadichtung aber überhaupt noch den kritischen Kommentar »von außen«?

Es kann gut sein, dass ich im Vollzug des Gedankens gar nicht genau unterscheiden kann zwischen poetischen und theoretischen Denkverläufen. Der Begriff der Theorie steht ja wortgeschichtlich in Verbindung mit Gottesschau und Theater, er hat also einen sen- suellen Kern. Gedichte können vielleicht das Sensuelle im Analytischen wieder eintragen, da sie auf den unterschiedlichsten Ebenen der Sprache Verbindungen herstellen und vorzeigen. Warum solche Dichtung aber auf einen Kommentar von außen verzichten sollte, leuchtet mir nicht ein. Selbst in einem Sonderfall wie Elke Erbs Band „Kastanienallee“, in dem der Kommentar seinerseits bereits neben die Gedichte gestellt ist, können sich gut und gerne weitere Kommentare hinzugesellen.

Einige Poetikdozenten, zuletzt noch Christoph Ransmayr, kritisieren in ihren Vorlesungen das sogenannte »Sekundäre« des Literaturbetriebes und setzen dem die reine und unvermittelte Lektüre des Lesers entgegen. Können Sie mit einer solchen Position etwas anfangen?

Nein, damit kann ich nichts anfangen. Wer soll denn der reine Leser sein? Spritzt man dem die Sache? Und woher weiß ich das? Hab‘ ich in seine Leber geschaut? Man kann am Literaturbetrieb vieles kritisieren, was vor allem im Zusammenhang mit seinen Geschäftspraktiken und Ausschlusskriterien steht, aber doch nicht eine Position der reinen Lektüre, des reinen? naiven? unvoreingenommenen? Leserlers voraussetzen.

Sie werden wegen der coronabedingten Kontaktbeschränkungen nur virtuell zu Ihren Zuhörerinnen und Zuhörern sprechen können. Wie wird das die Kommunikation mit ihnen verändern?

Leider, leider. Das beeinflusst auch die Form meiner Vorlesungen. Ich denke über diese Vorlesung als eine Art Film, oder nein, bescheidener gesagt: literarischer Diavortrag nach. Und jetzt, nachdem Wien, wo ich im Oktober eine Professur antreten soll, gerade zum Risikogebiet erklärt worden ist, wird alles noch schwieriger.

Hätten Sie einen Tipp für eine/n geneigte/n Leser/in, sich vor den Poetikvorlesungen in Ihre Lyrik einzulesen, welches Werk wäre vielleicht besonders »geeignet?«

Das Lesebuch „Champagner für die Pferde“ (Fischer Verlag) gibt vielleicht den besten Überblick über die letzten 20 Jahre meiner Arbeit. Die jüngsten Gedichte finden sich in „ALLE TÜREN“, bei kookbooks erschienen und in der Nummer 27 der Schweizer Literaturzeitschrift DIE MÜTZE. Aber auch das Begriffsstudio (http://begriffsstudio.de – sozusagen umsonst und draußen… ) unterrichtet die Leserler über meine Schreibweise, meinen Umgang mit Fundstücken, etc. pp. Es wird in den Vorlesungen auch um den Band „Plage“ von Charlotte Warsen gehen, um „kommen sehen“ von Anja Utler, um „Orchidee und Technofossil“ von Daniel Falb, um Ulf Stolterfohts „Fachsprachen“ – auch dies können schöne vorbereitende Lektüren sein.

Fragen: Dirk Frank

DIGITALE POETIKVORLESUNG IM WINTERSEMESTER 2020/21

Unter dem Titel Vorhersagen. Poesie und Prognose wird Monika Rinck am 17. und 24. November sowie 1. Dezember 2020 die Frankfurter Poetikvorlesung halten. Wegen der Corona-Pandemie kann allerdings keine Präsenzveranstaltung stattfinden. Stattdessen werden zu den genannten Terminen Videos bereitgestellt.

Genauere Informationen werden noch zeitnah auf der Website der Frankfurter Poetikvorlesungen bekanntgegeben.

(*Autorlar / Leserler: türkisches Gendering. Zur Abbildung der Differenz wird das generische Maskulinum im Plural mithilfe der türkischen Pluralendungen -ler und -lar gebildet, die der so genannten kleinen Vokalharmonie gehorchen.)

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 5.20 des UniReport erschienen.