PD Dr. Jens Amendt arbeitet als Entomologe in der Rechtsmedizin der Goethe-Universität. Er ist Präsident des DWCFE (Digital World Congress of Forensic Entomology). (Foto: Privat)

Jens Amendt hat die internationale Konferenz der Forensischen Entomologie von seinem Rechner aus in Frankfurt geleitet. Sein Resümee: Die virtuelle Veranstaltung mit 260 Teilnehmenden hat insgesamt sehr gut geklappt, aber Mikrofon und Kamera sollte man gerade als Organisator immer gut im Auge behalten.

Auf der Konferenz Mitte September ging es um das Thema Forensische Entomologie, also die Verwendung insektenkundlicher Spuren bei der Lösung von kriminalistischen und rechtsmedizinischen Fragestellungen wie etwa der Eingrenzung des Todeszeitpunktes. Diesem interdisziplinaren Ansatz entsprechend waren die Teilnehmer bunt gemischt mit z. B. Biologen aus Australien und China, Kriminaltechnikern aus Rio de Janeiro, Rechtsmedizinern aus Rumänien, Biostatistikern aus Kanada und Insektenkundlern aus Thailand. Corona spielte KEINE Rolle und wir waren alle froh, das Thema einmal hinter uns zu lassen.

Ich hatte mich im Frühjahr 2020 spontan dazu entschlossen, diese Veranstaltung durchzuführen, als klar war, dass ALLES, was an internationalen und nationalen Konferenzen geplant war, abgesagt werden würde. Als dann aber im Sommer die 200. Anmeldung in meiner Mailbox landete, fragte ich mich allerdings doch: Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht …? Mit der Universität habe ich die digitale Machbarkeit diskutiert und dann letztlich über den universitären Zoom-Account die einzelnen Tage organisiert. Offiziell waren dann das Institut für Rechtsmedizin der Goethe-Universität und der Fachbereich Biologie der Universität Campinas die Ausrichter. Aber ich war der „DJ“ und habe fast alle Sessions geleitet – das wäre mir zu dünnes Eis gewesen, die Sachen live von verschiedenen Orten aus zu starten und zu hosten. Wir hatten unterschiedliche Kategorien an Beiträgen von Workshops über geladene (längere) und normal eingereichte (kürzere) Vorträge bis hin zu „Postern“, die letztlich aus ein bis zwei Powerpoint-Folien bestanden.

Überraschende Einblicke

Bis auf die Workshops wurde fast alles im MP4-Format vorab zugeschickt und dann von meinem Rechner zur gegebenen Zeit live gestartet – das hat wirklich sehr gut geklappt und die wenigen echten Live-Events haben das ein wenig aufgelockert. Aber LIVE beinhaltet eben auch das eine oder andere Risiko: Ich habe einmal eine Präsentation vom Vortag erneut gestartet und wurde im Chat auf diesen Fehler hingewiesen; mein polnischer Kollege, der einen Workshop leiten sollte, ist mit den Zeitzonen durcheinandergeraten und wollte starten, als alle Teilnehmer schon wieder deprimiert den „Raum“ verlassen hatten (wir haben das dann einfach eine Woche später nachgeholt). Ich hatte einmal vergessen, den Ton meines Rechners auszustellen, als ich verzweifelt eine „verschobene“ Präsentation gesucht habe. Da ist mir das „F-Wort“ rausgerutscht – das ist mir dann klar geworden, als ich anschließend in die ganzen Gesichter auf meinem Bildschirm sah. Mein amerikanischer Kollege fragte dann, ob das Wort in Deutschland dieselbe Bedeutung wie in den Staaten hätte. Einem Kollegen musste ich Bild und Ton deaktivieren, der ist zwischendurch wohl mal auf die Toilette gegangen und hatte vergessen, seinen Handy-Zugang zu deaktivieren. Mein Kollege aus Hamburg musste zwischendurch nach Hause, wollte aber nichts verpassen und hat sein Handy inklusive Kamera auf der Lenkstange seines Rades fixiert. Es war spannend (und ein wenig ablenkend …), ihn auf seiner Heimfahrt mit wehenden Haaren durch Hamburger Schmuddelwetter zu begleiten. Unterschätzt habe ich den „Pausen-Faktor“. Zum einen wollte ich jedem eine Plattform zur Präsentation bieten, zum anderen hatte ich Sorge, dass Pausen zum (endgültigen ) Verlassen des Raums führen könnten. Aber drei bis vier Stunden nahezu ohne Pause war schon eine Ansage …

Kein Ersatz für eine Präsenzveranstaltung

Mit Sicherheit war das nicht die letzte Veranstaltung ihrer Art. Es hat Lust auf mehr gemacht. Die Präsenzveranstaltung, vor allem die kleine Fragerunde oder das persönliche Gespräch in der Pause oder am Abend in der Kneipe, das alles kann die digitale Form nicht ersetzen, es geht sicher auch Spontanität verloren. Darüber hinaus ist es ambitioniert, Menschen aus Brasilien oder China in ihren jeweiligen Zeitzonen gleichzeitig an den Bildschirm zu bekommen. Zugleich war es aber auch faszinierend für den wissenschaftlichen Nachwuchs, zwei bis drei große Namen beziehungsweise die dahinter sich versteckenden Menschen nicht nur mittels ihrer Publikationen, sondern endlich mal „live“ am Bildschirm zu Hause zu erleben. Ein Kollege ist über 80 und lebt auf Hawaii: Der wird nicht mehr nach Europa fliegen, aber digital kann er diese Reise unternehmen. Man kann plötzlich also in seinem Arbeits- oder Wohnzimmer Gespräche mit Kollegen aus Australien oder Kolumbien führen, die man sonst vielleicht nie persönlich kennengelernt hätte, und Forschungsprojekte planen.

Jens Amendt

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 6.20 (PDF) des UniReport erschienen.