Ausstellung »tinyBE • living in a sculpture« zeigt im Frankfurter Metzlerpark und an weiteren Standorten in Darmstadt und Wiesbaden bewohnbare Skulpturen international renommierter Künstler*innen. Partner und Mitgestalter des wissenschaftlich-künstlerischen Rahmenprogramms ist der Forschungsverbund »Normative Ordnungen«.

MY-CO-SPACE, 2021, von der Künstlergruppe MY-CO-X ist eine der bewohnbaren Skulpturen im Frankfurter Metzlerpark (©Sven Pfeiffer, MY-CO-X). Inspiriert von einer Raumfahrtkapsel hat das aus Künstler:innen, Architekt:innen und Wissenschaftler:innen bestehende Kollektiv einen pflanzlichen Ort aus Pilzbiotechnologien entwickelt.

Seit dem 26. Juni können erstmals neun temporär bewohnbare Skulpturen von internationalen Künstler* innen in der Metropolregion Frankfurt Rhein-Main bei Tag und Nacht erlebt werden. Die gemeinnützige tinyBEGesellschaft bringt Kunst, Wissenschaft und Architektur zusammen und bietet „day and night experiences“. Die Werke, die extra für die jeweiligen Orte angepasst und baulich umgesetzt wurden, sind von renommierten internationalen Künstler*innen geschaffen worden und werden noch bis zum 26. September 2021 zu besichtigen sein. Im Metzlerpark ist auch ein Ausstellungspavillon entstanden, der von Studierenden der Hochschule für Gestaltung Offenbach entworfen wurde und als Gartentheater und Besucherzentrum dienen soll. Kuratorin und Initiatorin Cornelia Saalfrank erklärt das Ausstellungskonzept von „tinyBE • living in a sculpture“: „Die Skulpturen sind öffentlich zugänglich; man kann sie auch im Rahmen einer Führung innen besichtigen und zusätzlich auch – wir nennen das walk-in sculptures 24/7 – für nachts buchen und die künstlerischen Projekte über mehrere Stunden ausprobieren. Man kann also tatsächlich in der Skulptur wohnen.“ Die wissenschaftlichen Videobeiträge für die tinyBE-Info-Box, die bis Ende Juni noch auf dem Campus Westend der Goethe-Universität stand und nun im Metzlerpark zu finden ist, stammen von den Mitgliedern des Forschungsverbunds Normative Ordnungen und setzen sich mit einzelnen Skulpturen auseinander.

Bewahren und erneuern

Das Kollektiv MY-CO-X aus Künstler*innen, Architekt*innen und Wissenschaftler*innen entwickelt Pilzbiotechnologien als nachhaltigen Rohstoff im Bereich Kunst und Wohnen (s. Abb.). MY-CO-SPACE ist für zwei Bewohner* innen konzipiert und wird während der Ausstellungszeit als Schlaf- und Lernstation und Ausstellungsraum genutzt. Alle Bedürfnisse des Lebens der Bewohner werden durch Pilzprodukte abgedeckt. Um den Begriff der Nachhaltigkeit geht es auch im darauf bezogenen Videobeitrag von Prof. Moellendorf, Professor für Internationale Politische Theorie und Philosophie der Goethe-Universität. Das Konzept der Nachhaltigkeit trage prinzipiell konservative Züge, da wertvolle Dinge für die Nachwelt erhalten bleiben sollen. Zu fragen wäre aber, so Moellendorf, ob etwas deswegen erhalten bleiben soll, weil man es um seiner selbst willen für wertvoll erachtet, oder damit die Nachwelt es als wertvoll erfahren kann. Das markiert für Moellendorf den Unterschied zwischen einer anthropozentrischen und einer nicht-anthropozentrischen Nachhaltigkeit. In beiden Fällen sei Nachhaltigkeit eine uneigennützige Sorge – entweder um das wertvolle Objekt oder um andere Menschen, für die die Erfahrung dieses Objektes wertvoll ist. Nachhaltigkeit sei anti-egoistisch, denn es verlange uns ab, für etwas anderes oder für andere Menschen etwas zu tun. Nachhaltigkeit müsse aber nicht grundsätzlich als konservativ-bewahrend verstanden werden. Denn der Grund, etwas zu bewahren, könnte auch darin liegen, die Menschen von morgen mit einer materiellen oder organischen Grundlage auszustatten, sodass sie damit experimentieren, etwas erneuern oder selbstentwickeln können.

„The House of Dust“ war ursprünglich ein Poesieprojekt, das 1967 von der Fluxus-Künstlerin Alison Knowles mit dem Komponisten James Tenney und dem Siemens-Computer 4004 entwickelt wurde. Bereits 1968 wurde dieses computergenerierte Gedicht in eine physische Struktur übersetzt. Für tinyBE hat die Künstlerin das Originalmodell aus den 1960er-Jahren wieder aufgegriffen und die bewohnbare Skulptur in zeitgenössischer Technologie kontextualisiert. Das neue Gebäude ist von einem Roboter gebaut worden. Dabei handelt es sich um einen automatisierten Bauprozess, der von einem Computerprogramm gesteuert und von einer Betonmaschine ausgeführt wurde. Prof. Dr. Indra Spiecker gen. Döhmann, LL.M., Professorin für Öffentliches Recht, Umweltrecht, Informationsrecht und Verwaltungswissenschaften der Goethe-Universität, sieht in dem „Tiny House of Dust“ die Grundproblematik des Menschen in der automatisierten Welt des Jahres 2021: „Spricht ein Bot zu uns? Ist das ein Roboterhund, der uns im dementen Zustand tröstet? Therapiert uns der Arzt oder eine Telemedizin? Ist für den Menschen überhaupt noch Platz, wenn die Maschine denkt und lenkt?“, fragt Döhmann. Die hinter der Aufbereitung von Daten stehenden, in Sekundenschnelle nach fremden, in Algorithmen niedergeschriebenen Wertvorstellungen durch Computer und KI können Menschen nicht nachvollziehen. Daher bräuchten sie das Recht und die Rechtswissenschaft, um dies zu übernehmen: Sie bräuchten ebenfalls das Recht, um solche technischen Entwicklungen so zu formen, dass sie dem Menschen dienen.

Landschaft als Körper

Dr. Tatjana Sheplyakova, Postdoktorandin des Forschungsverbunds Normative Ordnungen, spricht in ihrem Videobeitrag über „Boobs Hills Burrows“ von Laure Prouvost. Die Künstlerin führt die inhaltlichen Stränge und Fragestellungen ihres bisherigen OEuvres in der ersten von ihr realisierten bewohnbaren Brusthügelskulptur „Boob Hills Burrows“ im Metzlerpark zusammen. Mit Betreten der zum Teil unter der Erde liegenden Skulptur sollen die Betrachter*innen mit der eigenen Geburt und Endlichkeit konfrontiert werden. „Prouvost zeigt nicht Körper in der Landschaft, sondern inszeniert umgekehrt die Landschaft als Körper“, erklärt Tatjana Sheplyakova. Fragen der Geschlechterdifferenz würden in der bewohnbaren Skulptur nicht thematisiert; stattdessen gehe der Blick auf die Conditio Humana. Die „Brustlandschaft“ spiele mit dem Motiv Mutter Erde, mit dem Prinzip des Nährens und der Fürsorge. Die Künstlerin erläutere aber, dass die Mutter nicht nur Nahrung, sondern auch ein Medium der Übertragung von Wissen, Werten und Einstellungen sei, so Sheplyakova. Sie schicke die Besucher*innen in die Höhle, wo die verschütteten Grundlagen des individuellen und kollektiven Lebens über Träume, sinnliche Wahrnehmung und Gefühle wieder erfahrbar gemacht werden sollen.

Der Künstler Onur Gökmen hat in Kooperation mit dem Landesmuseum Darmstadt eine bewohnbare Lehm-Skulptur namens „FIRST“ errichtet, die der Verbindung von Vergangenheit und Zukunft nachspürt. Die Skulptur steht in Bezug zur ältesten untergegangenen Stadt der Welt, dem UNESCO-Weltkulturerbe Çatalhöyük. Die in der heutigen Türkei ausgegrabene Siedlung aus der Jungsteinzeit wurde erst Ende der 1950er-Jahre wiederentdeckt und gilt gegenwärtig als eine der ersten Prototypen urbaner Gemeinschaften. Franziska Fay, Juniorprofessorin für Ethnologie mit dem Schwerpunkt Politische Ethnologie der Johannes Gutenberg- Universität Mainz und ehemalige Postdoktorandin des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“, hat sich in ihrer Arbeit als Ethnologin mit Migrationsbewegungen zwischen Sansibar und Oman beschäftigt. 20 bis 35-jährige der Swaheli-sprachigen Gemeinschaft, deren Vorfahren aus Sansibar stammen und die heute in Oman oder Sansibar leben und arbeiten, waren für die Ethnologin interessante Gesprächspartner: „Diese jungen Menschen machen sich geschichtliche Verbindungen, die sie in sich tragen, zu eigen“, sagt Fay. Diese Nichtsichtbarkeit sieht sie auch in Gökmens Skulptur verwirklicht, die nur über eine Leiter zu besteigen ist, deren Innenleben von außen aber nicht zu sehen ist.

Das Gesamtprojekt tinyBE wird gefördert vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain und unterstützt von der Stiftung Flughafen Frankfurt/Main für die Region, den Städten Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt, dem Land Hessen und weiteren Stiftungen und Sponsor*innen. Schirmherrin ist Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt a. M. Der Forschungsverbund „Normative Ordnungen“ ist Partner und Mitgestalter des wissenschaftlich-künstlerischen Rahmenprogramms. Unter anderem hat der Forschungsverbund am 5. Juli einen Dialognachmittag zum Thema „Von großen und kleinen Räumen. Das Zusammenleben auf globaler Ebene“ veranstaltet. In Podiumsdiskussionen und Impulsen wurden Antworten auf die Frage gesucht, wie Individuen und Gesellschaft das zukünftige Zusammenleben mitgestalten können. https://www.normativeorders.net/de

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4/2021 (PDF) des UniReport erschienen.