Marcel Beyer, Frankfurter Poetikvorlesungen; Foto: Dettmar

Marcel Beyer, Frankfurter Poetikvorlesungen; Foto: Dettmar

Adornos Tränen. Marcel Beyer sprach in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen unter anderem über die schleichende Emotionalisierung der Gesellschaft. Seine letzte Lesung an der Goethe-Universität findet am 9. Februar um 18 Uhr im Hörsaalzentrum 1&2 auf dem Campus Westend statt.

Das berühmt-berüchtigte Busen-Attentat muss wohl keinem Frankfurter erklärt werden. Marcel Beyer, Poetikdozent im Wintersemester 2015/16, nahm den Vorfall während der vorletzten Vorlesung Adornos am 22. April 1969 im Bockenheimer Hörsaal aber als Ausgangspunkt für einen anspielungsreichen Gedankengang über die Tränenkultur der Gegenwart. Ein prominenter Zeitzeuge des Attentats, den man wegen seiner ebenso bild wie emotionslastigen Geschichtssendungen kennt, behauptete über 30 Jahre später in einer Talkshow, dass Adorno ob der entblößten Studentinnen „aus der Lederjackenfraktion“ (Beyer) geweint habe: „Aus dem kalten Analytiker sollte ein Philosoph mit ‚Fernsehtränen‘ gemacht werden“, kritisierte Beyer. Mit zahlreichen Bezügen, von Mayröcker über Derrida, Shakespeare, Napoleon, Kleist, Heintje und Adamo bis hin zu Solti, garnierte Beyer seine erste Vorlesung am 12. Januar 2016. Als Medienprofi entließ der in Dresden lebende Schriftsteller seine Zuhörer mit einem richtigen ‚Cliffhanger‘: In der folgenden Vorlesung stehe dann der Besuch von Rilkes Grab an, in Begleitung von Helmut Kohl, versprach Beyer hintergründig lächelnd.

Frankfurter Poetikvorlesungen – Marcel Beyer: Das blinde (blindgeweinte) Jahrhundert.

Letzte Lesung an der Goethe-Universität am 9. Februar, 18 Uhr, Campus Westend, HZ 1&2.

Abschlusslesung im Literaturhaus Frankfurt: 10. Februar. Begleitausstellung im „Fenster zur Stadt“/Restaurant Margarete, Braubachstr. 18-22.