Das Adorno-Projekt "Wut und Gedanke" von Christian Franke; Foto: Dettmar

Das Adorno-Projekt „Wut und Gedanke“ von Christian Franke; Foto: Dettmar

Von Rolf Wiggershaus.

Die Frankfurter Goethe-Universität ist stolz darauf, seit langem Sitz und Wirkungsstätte von inzwischen mehreren Generationen „kritischer Theoretiker“ der „Frankfurter Schule“ zu sein. Die beiden unumstrittenen intellektuellen Häupter der frühen Jahrzehnte sind inzwischen offiziell auf dem Campus Westend angesiedelt, in Form einer Max-Horkheimer-Straße und eines Theodor W. Adorno-Platzes.

Größer als der Glanz Horkheimers, des Begründers der Frankfurter Schule und Ehrenbürgers von Frankfurt, ist längst der Adornos, den man gern als Jahrhundert-Größen geltenden Philosophen wie Heidegger und Wittgenstein an die Seite stellt. 2003 wurde Adornos 100. Geburtstag zum Anlass für ein Adorno-Jahr, nicht nur in Frankfurt. Mehrere Biographien erschienen, die bisher letzte kam auf über 1000 Seiten. War da noch etwas Überraschendes möglich, als Goethe-Universität und Schauspielhaus Frankfurt anlässlich des 100. Jubiläums der Stiftungsuniversität ein „Adorno-Projekt“ vereinbarten?

Glasauge als Vorteil

Es wurde möglich durch eine großartige Idee: Adorno, den kurz vor der Emeritierung stehenden und von vielen Seiten als Aufrührer der Jugend angegriffenen Ordinarius, zu zeigen, wie ein 40 Jahre jüngerer genialischer Doktorand ihn zu Zeiten der Studentenbewegung sah und erlebte. Das Ein-Mann-Stück „Wut und Gedanke“, verfasst von Christian Franke und gespielt von Vincent Glander, beginnt mit einer furiosen 10-minütigen Eingangssequenz, in der Adornos Doktorand Hans-Jürgen Krahl sich selbst vorstellt – so, wie er es am 16. Oktober 1969 vor dem Frankfurter Landgericht im sogenannten Senghor-Prozess in seinen „Angaben zur Person“ tat.

In freier Rede schilderte der 1943 in der niedersächsischen Provinz Geborene mit gelegentlicher poetischer Drastik seine „Odyssee durch die Organisationsformen der bürgerlichen Klasse“, bis er im SDS erstmals Solidarität erfuhr und ihm klar wurde, worauf es ankam: eine Organisation von Intellektuellen zu schaffen, die sich in den Dienst des Kampfes gegen „die Allgegenwart eines autoritären Staats und die Abhängigkeit vom Kapital“ stellt, die trotz des erreichten hohen Niveaus der Zivilisation die Massen zwängen, „ihre Arbeitskraft als Ware zu verkaufen“, statt schöpferisch tätig zu werden.

Nach dieser Selbstdarstellung, in der schon bald das „Ich“ durch ein „Wir“ abgelöst wird und in der der einige Wochen zuvor am 6. August gestorbene Adorno keine Rolle spielt, zitiert der Autor des Stücks Krahl vor Adornos offenes Grab mit dem Sarg darin, lässt er ihn dort nachdenkend nachholen, was er vor Gericht überschlug. Adornos wegen war er als Student von Göttingen nach Frankfurt gekommen. Ein Student hatte ihm die „Minima Moralia“ gegeben, und von diesen „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“, die der Emigrant Adorno Mitte der 1940er Jahre im US-Exil verfasst hatte, fühlte Krahl sich verstanden und angesprochen.

„Mein Glasauge als Vorteil“ lässt der Autor Krahl, der in der Kindheit durch Bombensplitter ein Auge verlor, denken angesichts des Aphorismus „Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas“. Das Horkheimer gewidmete Buch war reich an Aphorismen, in denen die von Adorno zitierte Einsicht Hegels praktiziert wurde, die Macht des Geistes erweise sich darin, dass er dem Negativen ins Angesicht schaut. Von der Lektüre der „Minima Moralia“ führte der Weg dann bald weiter zurück zur „Dialektik der Aufklärung“.

Lust und Schrecken der Erkenntnis

Und damit beginnt eine zweite furiose fast 10-minütige Sequenz des Stücks. Was die Emigranten Horkheimer und Adorno in der ersten Hälfte der 1940er Jahre im US-Exil als kritische Zeitdiagnose gemeinsam verfasst hatten, aber, nach Deutschland zurückgekehrt, aufs Neue zu veröffentlichen zögerten, was aber inzwischen zum Kanon politischer philosophischer Werke gehört – das wurde damals für die auf Raubdrucke angewiesenen Studenten des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, zum Schlüsselerlebnis und für Krahl zu einem von existenzieller Bedeutung.

Das wird im Stück sinnfällig gemacht durch einen immer mehr beschleunigten, sich überschlagenden Vortragsstil – Ausdruck atemlosen Begreifens, hin und her gerissen zwischen Lust und Schrecken der Erkenntnis. „Und es gibt Genossen“, lässt der Autor des Stücks Krahl denken, „die nach solchen Diskussionen nach Hause gehen oder mit ihrer Freundin auf den Rummel. […] Ich bin nie nach Hause gegangen. […] Und dann bin ich ganz schnell allein.“

So wird mit poetischen Mitteln die existenzielle Nähe zum „alten Neinsager“ Adorno unterstrichen, die der nomadisierende Doktorand empfindet, der Adornos wegen 1965 von der Göttinger Universität zur Frankfurter wechselte. Die für das Stück gewählte Perspektive verwehrt konsequenterweise den Blick auf manches, was sich auf Seiten Adornos abspielte. Fragen danach haben die Komik Beckett’scher Stücke, etwa wenn Krahl mit raunender Stimme fragt:

„Was sagt Adorno?“ oder „Warum sagt Adorno nichts?“, oder wenn auf seine verzweifelte Bitte um eine konkrete Utopie hin Zitatfetzen aus der „Ästhetischen Theorie“ ertönen, an der Adorno zuletzt arbeitete, und Krahl darauf mit wachsender Ungeduld und in immer rascherer Folge unterbricht mit der flehenden Bitte um „etwas Gesellschaftliches, etwas Politisches“. Er, der in der Organisation sein Zuhause sah und im SDS einen Vorgriff auf kommende solidarische Verkehrsformen zwischen den Menschen, konnte sich für Adorno nur die Alternative vorstellen:

„Bekenntnis zu uns“ oder, wenn er das verweigerte, „Bekenntnis zum Spätkapitalismus“. Wie Adorno die Situation sah, blieb ihm verborgen. Adorno wollte weder denen recht geben, die schadenfroh meinten, die kritischen Theoretiker hätten Ideen in die Welt gesetzt, die sich, zu Taten geworden, gegen sie wandten, noch wollte er sich dem Solidaritätszwang der Aktionisten beugen.

Adornos Angst

„Wut und Gedanke“ lautet der Titel des Stücks. Er ist inspiriert durch einen der letzten Texte Adornos: „Resignation“. Von Resignation zeugte es für ihn, wenn Denken dem Handeln dienstbar gemacht wird und zu unerwünschten Erkenntnissen führendes unbeirrtes Denken Wut hervorruft. „Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert“ heißt es bei Adorno. Die Wut hat nicht aufgehört, doch sie ist sublimiert, kann das Denken nicht mehr beeinträchtigen. Vom Glück des Bestimmens und Aussprechens des Unglücks spricht Adorno sogar. In der Mitte des Stücks lässt der Autor Krahl den Kern des Konflikts mit Adorno formulieren.

Er werde am unterschiedlichen Umgang mit Ohnmachtserfahrungen deutlich. Die Angst vor einer Welt, in der es nach wie vor ein faschistisches Potential gebe, habe bei Adorno eine Angst vor allen Formen des Widerstandes zur Folge, denn seiner Überzeugung nach würde durch sie eben das freigesetzt, was sie bekämpfen wollten. Während Adorno betonte, wahres Denken habe die Wut sublimiert, meint Krahl: „Aber wer bei aller Kritik nicht wütend wird, denkt nicht.“ Er fürchtet um die ausreichende Kraft der Wut beim Denken.

Man könne den Übergang zu einer total verwalteten Welt nicht ohne einen Funken Irrationalität aufhalten. Diese Irrationalität könne man Wahn nennen, doch ob sie das wirklich sei, müsse sich noch zeigen. Am 31. Januar 1969 riefen Ludwig von Friedeburg und Theodor W. Adorno die Polizei zu Hilfe gegen 76 Studenten, die mit Krahl an der Spitze gegen den Willen der Institutsleiter einen Raum des Instituts für Sozialforschung ohne Angabe des Zwecks für sich okkupiert hatten.

Das machte an einem Ort mit symbolischer Bedeutung deutlich, wie schwer es fiel, im falschen Leben etwas vom richtigen vorwegzunehmen, beispielsweise weniger rigide und rollenbestimmte Verkehrsformen zu praktizieren. Der Vorgang stellte eine Ohnmachtserfahrung dar, bei der weder Denken noch ein Funke Irrationalität als Faktoren zum Zug kamen, die hoffen ließen, den Übergang zu einer total verwalteten Welt aufhalten oder gar abwenden zu können.

Das Stück schließt melancholisch, doch es macht eindringlich und nicht ohne Komik klar, was Denker und ihre Theorien alles in Gang zu setzen vermögen. Dr. Rolf Wiggershaus hat in Tübingen und Frankfurt Philosophie, Soziologie und Germanistik studiert. Seine große Studie zur Geschichte und Theorie der Frankfurter Schule ist zu einem vielfach übersetzten Standardwerk geworden. Zuletzt erschien von ihm in der Biografienreihe der Goethe-Universität „Gründer, Gönner und Gelehrte“ der Band über Max Horkheimer. [Autor: Rolf Wiggershaus]

WUT UND GEDANKE. Ein Adorno-Projekt von Christian Franke.
Das Stück ist eine Kooperation des Schauspiel Frankfurt mit der Goethe-Universität. Im Mai werden weitere Vorstellungen gegeben, außerdem wird das Stück voraussichtlich im Herbst wieder aufgenommen.

Mehr dazu unter:
www.schauspielfrankfurt.de/spielplan/stuecke-a-z/wut-und-gedanke