„Unforgettable Memory“, 2009. Video, 10’ 17”, Chinesisch mit englischen Untertiteln. Liu Wei, geb. 1965 in China, lebt in Beijing; Foto: Associação Cultural Videobrasil

„Unforgettable Memory“, 2009. Video, 10’ 17”, Chinesisch mit englischen Untertiteln.
Liu Wei, geb. 1965 in China, lebt in Beijing;
Foto: Associação Cultural Videobrasil

Wir wollen die Kunst und die Öffentlichkeit zu einem Dialog einladen“. So Klaus Günther, Rechtswissenschaftler an der Goethe-Universität und Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen von „Sense of Doubt. Wider das Vergessen“. Schauplatz dieses jüngsten wissenschaftlich-künstlerischen Projekts des Exzellenzclusters ist noch bis zum 11. Oktober das Museum Angewandte Kunst.

Dort präsentiert sich das Projekt seit rund vier Wochen mit einer Videokunstausstellung, realisiert in einem Containerparcours im Metzlerpark des Museums, und einem Programm aus Vorträgen, Diskussionen und Führungen. Für die Fortsetzung des Dialogs bietet sich der umfangreiche Ausstellungskatalog an. Er enthält einführende Texte, Informationen zu den Videos und Essays von Angehörigen des Clusters.

Der „Ort des eigentlichen Machtkampfes“ sei „der Kampf um die Vergangenheitsdeutung, der Kampf um Wahrheit und Wirklichkeit“, schreibt Rainer Forst, politischer Philosoph und Co-Sprecher des Forschungsverbundes, in seinem Katalogtext. Zusammen mit Klaus Günther und der Clustergeschäftsführerin Rebecca Caroline Schmidt bildet er das Kuratorenteam des Ausstellungsprojekts, das als Teil der diesjährigen B3 Biennale des bewegten Bildes stattfindet.

Als Wissenschaftler hat sich Forst mit dem Video „Unforgettable Memory“ des chinesischen Regisseurs Liu Wei auseinandergesetzt. In seinem Film aus dem Jahr 2009 konfrontiert Liu Wei Passanten auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ mit einem Foto, das um die Welt ging: Ein einzelner Mann steht einem Konvoi von Panzern gegenüber. Die Aufnahme stammt aus dem Juni 1989, als das Militär die Demokratiebewegung niederschlug.

20 Jahre später reagieren die Befragten mit Erinnerungsverweigerung. Manche geben sich ahnungslos, andere versuchen, sich mit dem Hinweis auf die sensible Thematik einem Gespräch zu entziehen. „Unforgettable Memory“ ist eines von insgesamt 18 Videos. Sie stammen aus der Sammlung Associação Cultural Videobrasil in São Paulo. Ein Schwerpunkt liegt hier auf der Welt des so genannten Globalen Südens, Lateinamerika, Afrika, Osteuropa, Asien und dem Mittleren Osten.

Bei den im Museumspark gezeigten Videos handelt es sich um die Auswahl „memó- rias inapagáveis“ („unauslöschliche Erinnerungen“) des spanischen Kurators Agustín Pérez Rubio. Hierzu zählen Filme über fernere Vergangenheiten wie den Sklavenhandel zwischen Afrika und Brasilien und jüngere wie den Militärputsch in Chile oder den Kampf von Ureinwohnern im Amazonasgebiet gegen den Ölkonzern Elf Aquitaine. Aber auch aktuellere Geschehnisse wie das Gefangenenlager auf Guantanamo, die Terroranschläge vom 11. September 2001 oder die weltweiten Migrationsbewegungen werden thematisiert.

Deutungskämpfe über Ereignisse

Die Videos zeigen Formen der Unterdrückung und des Widerstandes, die den geopolitischen Süden teilweise schon seit Jahrhunderten prägen, und versuchen, die Erinnerungen an Konflikte, Verfolgung und Gewalt vor dem Vergessen zu bewahren. Dabei nehmen die Videoarbeiten zugleich teil an den Deutungskämpfen über diese Ereignisse, vor allem gegenüber den „Meisterzählungen“ der Herrschenden.

Um diesen Erzählungen der Macht entgegenzutreten, braucht es einen ausgeprägten Sinn zum Zweifeln. Das wissenschaftlich-künstlerische Projekt will ihn wecken und schärfen. Auch im Dialog mit dem Publikum probieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Exzellenzclusters öffentlich ihren „Sense of Doubt“ aus, indem sie experimentell vorführen, was die Videos erzählen, was sie bewusst machen und wie sie unsere gewohnten Vorstellungen verändern könnten.

Die Auseinandersetzung mit den audiovisuellen Kunstwerken erscheint umso vielversprechender, da normative Ordnungen, das Kerninteresse des Clusters, nur zum Teil als explizite Normensysteme existieren. Sie sind zugleich eingebettet in Erzählungen, Rituale oder Bilder, die als Rechtfertigungsnarrative herrschende Ordnungen verteidigen und als gerechtfertigt erscheinen lassen. An solchen Rechtfertigungsnarrativen hat auch die Kunst als eine öffentlich wirkende Institution teil. Ihre „Narrative“ können wiederum neue Perspektiven auf scheinbare Gewissheiten eröffnen.

Bei Sense of Doubt. Wider das Vergessen kooperiert der Exzellenzcluster mit der brasilianischen Kulturorganisation Sesc in São Paulo, der Associação Cultural Videobrasil, dem Museum Angewandte Kunst und Dr. Paula Macedo Weiß Kulturproduktion im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes. Weitere Partner sind das Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, die Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main, die Städelschule Frankfurt am Main und das Goethe-Institut São Paulo. Das Projekt wird gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain. Den Katalog gibt es während des Ausstellungszeitraums kostenlos im und am Museum Angewandte Kunst. Danach kann er, ebenfalls unentgeltlich, über die Geschäftsstelle des Exzellenzclusters bezogen werden.

Ansprechpartnerin ist Claudia Gressler unter:
069-798-31546 (claudia.gressler@normativeorders.net) 
www.normativeorders.net/senseofdoubt

Der Eintritt zu allen Programmpunkten und auch den Videos ist frei. Veranstaltungsorte sind das Museumsgebäude und der angrenzende Metzlerpark (Schaumainkai 15, 60594 Frankfurt am Main).

Die kommenden Termine:

Donnerstag, 8. Oktober 2015, 18.30 Uhr
Podiumsdiskussion
Journeys
Prof. Dr. Günter Frankenberg Prof. Dr. Jens Steffek Mitarbeiterinnen u. Mitarbeiter von Pro Asyl
Vortragssaal

Donnerstag, 8. Oktober 2015, 20 Uhr
Podiumsdiskussion
Schwarz ist die Farbe. Ein Dialog über Sklaverei und Kunst
Prof. Dr. Vinzenz Hediger Prof. Dr. Juliane Rebentisch
Vortragssaal

Freitag, 9. Oktober 2015, 16 Uhr
Podiumsdiskussion
Imaginative Dokumentationen struktureller Gewalt
Prof. Dr. Angela Keppler Prof. Dr. Martin Seel
Vortragssaal

Samstag, 10. Oktober 2015, 16 Uhr
Kuratorenführung durch die Ausstellung Rebecca Caroline Schmidt

Samstag, 10. Oktober 2015, 19 Uhr
Avantgarde-Musik mit Bernhard Schreiner Veranstaltung der Städelschule Metzlerpark