Universitätspräsidentin Prof. Birgitta Wolff über Perspektiven für den Neubau der Universitätsbibliothek nach der 100-Millionen-Euro-Zusage der Landesregierung aus dem Verkauf des alten Polizeipräsidiums.

Frau Prof. Wolff, was war Ihre erste Reaktion, als Sie von den unverhofften 100 Mio. Euro für die Universitätsbibliothek hörten?

Wir hatten gehofft, dass es so kommt, aber nicht erwartet, dass es so plötzlich geschieht. Über diesen Anruf von Minister Boris Rhein habe ich mich extrem gefreut – bevor die Nachricht bald darauf ja auch veröffentlicht wurde.

Wie intensiv hat sich die Universität mit dem Thema Neubau der Bibliothek in letzter Zeit beschäftigt? Es sah ja nicht nach einer greifbaren Lösung aus.

Immer wieder haben wir darüber in verschiedenen Hochschulgremien gesprochen. Besonders der Hochschulrat hat sehr darauf gedrungen, dass wir diesen wichtigen Meilenstein für die Vollendung des Campus Westend nicht auf die lange Bank schieben. Bis vor kurzem hatten wir ja noch nicht einmal eine zeitliche Perspektive, wann wir überhaupt in die Planungen einsteigen können, und ob es dafür Planungsmittel gibt. Eines war jedoch immer klar: Das Thema musste auf jeden Fall in der Diskussion gehalten werden. Dazu haben wir verschiedene Initiativen gestartet: Zusammen mit Fachleuten, darunter auch die »Freunde« der Universität, haben wir überlegt, welche alternativen Finanzierungsmöglichkeiten es gibt und welche Rechtsformen für eine Realisierung in Frage kämen. Immerhin gingen die Gespräche dann so weit, dass eine machbare Lösung entstanden ist, die wir auch mit dem Ministerium kollegial besprochen haben. Die zweite Initiative war der Ideenwettbewerb in Zusammenarbeit mit der Frankfurt University of Applied Sciences. Mit den Abschlussarbeiten der Studierenden zur Unibibliothek der Zukunft wurden sehr originelle und durchdachte Modelle öffentlich präsentiert. Wir haben im wahrsten Sinne des Wortes Bilder produziert.

Gleichzeitig lief ja auch in der Stadt die Debatte um den Kulturcampus in Bockenheim.

Der Vorwurf lautete, die Goethe-Uni sei der Bremsklotz. Schnell konnten wir aber verdeutlichen, dass nicht wir der Bremsklotz sind, sondern die begrenzten Finanzmittel. Das wussten und wissen sowohl das Land als auch die Stadt. Wäre die Frage, wo die Universitätsbibliothek gebaut werden könnte. Der Grundstückstausch am Campus Westend ist ja noch nicht in trockenen Tüchern. Die Stadt hat kürzlich angekündigt, auf dem Baugrundstück nördlich der Philipp-Holzmann-Schule eine provisorische Schule für 55 Millionen bauen zu wollen. Die 10-jährige Nutzung dieses Provisoriums würde dann bedeuten, dass wir vor 2030 dort nicht bauen können. Das bedeutet, dass sich Stadt und Land bezüglich des Grundstückstausches endlich einigen müssen, damit Planungssicherheit besteht. Wenn ich den „Masterplan Campus Westend“ und die Baupolitik der Stadt richtig verstanden habe, soll hier doch ein zusammenhängender Universitätscampus entstehen. Ich finde, da sollte sich die Stadt an ihre eigenen Planungen halten.

Falls man doch auf das Grundstück jenseits der Hansaallee ausweichen müsste, wäre der Abriss des Seminarpavillons dort notwendig?

Ja, aber nicht ersatzlos. Wir würden dann schauen, dass man die entsprechende Raumkapazität woanders schafft.

Was lässt sich mit der zugesagten Summe von 100 Millionen Euro erreichen?

Das ist zum einen eine Frage der Konzepte und zum anderen eine für die Bauexperten. Nur so viel: Die Prognose, die der Landesbaubetrieb vor gut zwei Jahren erstellt hat, belief sich auf eine Bausumme in Höhe von ca. 165 Millionen, inflationsbereinigt lägen die Kosten heute wahrscheinlich eher bei 170 Millionen Euro. Nach der 100-Millionen-Euro- Zusage sind wir glücklicherweise an dem Punkt, dass wir mit dem Land in konkrete Planungen eintreten können. Noch im März haben wir das erste Treffen mit der zuständigen Abteilungsleiterin aus dem HMWK, bei dem es auch um die Roadmap für den Planungsprozess gehen wird. Das Land hat schon etliche Bibliotheken gebaut, u. a. in Marburg, von daher verfügt es über eine große Expertise auf dem Gebiet. Die Idee ist, den Planungsprozess gemeinsam und unter Einbeziehung breiter Expertise und innovativer Ideen voranzutreiben.

Universitätspräsidentin Prof. Birgitta Wolff

Was meinen Sie damit konkret? Wo können traditionelle Ansätze auf den Prüfstand gestellt werden? Und wie sieht eine zukunftsweisende Bibliothek aus?

Es ist wichtig, eine intelligente und breite Diskussion zu führen. Dafür sollten wir uns andere, gelungene Konzepte für moderne Bibliotheken anzuschauen; schließlich sind wir ja nicht die Einzigen, die ein solches Großprojekt planen und bauen wollen. Ein gutes Konzept ist entscheidend, bevor man in die Bauplanung einsteigt. Es müssen die Funktionalitäten geklärt werden: Was erwarten wir in 10 bis 20 Jahren an Nutzungsoptionen einer Bibliothek? Wir beobachten ja jetzt schon, dass zwar die Bedeutung physischer Bücher und Zeitschriften abnimmt, die von Bibliotheken jedoch nicht. Unsere Bibliotheken, auch die Bereichsbibliotheken, werden sehr stark genutzt. Die Studierenden wollen eben nicht nur alleine zuhause vor dem Computer in einer digitalen Welt lernen. Es entwickeln sich stattdessen neue Arbeits- und Kommunikationsformen, und darauf sollten Uni-Bibliotheken reagieren. So sollten Einzel- und Gruppenarbeitsplätze mit schnellem Internet vorhanden sein. Natürlich soll auch weiterhin der Zugang zu Büchern erhalten bleiben, auch zu analogen. Diese Entwicklungen müssen genau analysiert werden, und daraus werden dann die Planungsvorgaben für die Architekten abgeleitet.

An der Universität Witten-Herdecke ist einmal die gesamte Planung eines Gebäudes in einem kollektiven Verfahren entstanden. Wäre sowas auch für Frankfurt denkbar?

Kollektiv heißt, dass man eine Plattform schafft für die, die sich angesprochen fühlen, am Prozess zu partizipieren. Das wäre sicherlich auch in Frankfurt denkbar. In Witten-Herdecke hatten damals die Architekten nicht nur mit den Bauexperten der Uni, sondern auch mit der Vollversammlung zu tun. Durch die Einbindung der Nutzerinnen und Nutzer kann die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, dass bestimmte Missstände am fertigen Bau gar nicht erst auftreten. Das mag sich für die Planung vielleicht zuerst einmal mühsam anhören, ist im Endeffekt aber möglicherweise sogar kostengünstiger.

Was zeichnet eine Bibliothek der Zukunft eigentlich aus? Ein dänischer Bibliotheksexperte hat einmal gesagt: Bibliotheken sind so etwas wie Cafés, nämlich Kommunikationsorte in einer Stadt, wo sich Menschen begegnen, die ansonsten vielleicht gar keinen Ort hätten, um sich zu treffen.

Wir haben auf dem Campus Westend alle das Gefühl, dass hier ein zentraler Ort, eine Art Marktplatz, fehlt. Bockenheim hat so ein Flair wegen der vielen Geschäfte, Cafés und der Infrastruktur um den Campus herum. Wir haben bereits die Idee einer „Campus Mall“ diskutiert, die im Erdgeschoss eines Bibliotheksgebäudes angesiedelt sein könnte. Das wäre sicherlich unorthodox, aber damit könnte etwas „Dorfatmosphäre“ Einzug halten, die aufgrund der Lage des Campus Westend von alleine wohl nicht entstehen wird.

Wie ließe sich denn die veranschlagte Bausumme noch reduzieren?

Wir verfügen sicherlich über einige Hebel, die theoretische Finanzierungslücke noch zu vermindern, zum Beispiel mit dem Bauen in verschiedenen Abschnitten. Wir sollten uns auch fragen: Benötigen wir wirklich Platz für viereinhalb bis 5 Millionen Bücher auf dem Campus Westend? Kann man die Archivbestände, die ohnehin nicht oder kaum mehr angefasst werden, woandershin verlagern? Im Rahmen des studentischen Ideenwettbewerbes gab es dazu auch kreative Lösungen für die Lagerung der Bücher, z. B. in modernen Hochregallagern. Dann müsste man auch nicht so tief und so teuer bauen. Das HMWK hat die Idee eingebracht, dass sich Marburg als Außenlager anbieten würde, denn dort ist wegen des Neubaus der Bibliothek Platz frei geworden.

Warum bleibt man mit dem Archiv eigentlich nicht in Bockenheim?

Wenn wir das unterirdische Lager weiter betrieben, bräuchten wir auch weiterhin ein oberirdisches Outlet; damit würden wir faktisch das Grundstück nicht wirklich verlassen. Wenn sich aber eine brauchbare Lösung für einen dauerhaften Zugang zum dortigen Archiv fände, könnte auch das eine Lösung sein.

Was ist mit den Plänen zur Campus- Meile, wie wirken sich die neuesten Entwicklungen da aus?

Die neue Universitätsbibliothek war immer ein zentraler Bestandteil einer Campus-Meile. Dafür ist es dann auch egal, ob sie auf dieser oder der anderen Seite der Hansaallee steht. Ein besonders großer Meilenstein der Campus-Meile kann nun wirklich Gestalt annehmen, im wahrsten Sinne des Wortes. Angedacht war beispielsweise auch, eventuell noch enger mit der Frankfurt University of Applied Sciences (FUAS) zu kooperieren. Auch das kann man jetzt mit dem Ministerium zusammen diskutieren. Wäre doch schön, für die neue UB gute Partner zu finden.

Fragen: Olaf Kaltenborn, Dirk Frank

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.18 (PDF-Download) des UniReport erschienen.