Fotos: Dettmar

Bibliotheken bieten ein vielfältiges Berufsfeld für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Es gibt spezielle postgraduale Ausbildungsoptionen für akademisches Personal aller Fachrichtungen. Einen besonderen formalen Rahmen dafür stellt das Bibliotheksreferendariat dar.

Von der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (UB JCS) werden – wie von den vier anderen hessischen Universitätsbibliotheken – nahezu jedes Jahr Stellen für das Referendariat an wissenschaftlichen Bibliotheken ausgeschrieben. Im Gegensatz zu Praktikant*innen und Volontär*innen sind Bibliotheksreferendar*innen im sogenannten Vorbereitungsdienst für den höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken nach dem Abschluss ihres Fachstudiums verbeamtet, während sie zwei Jahre lang bibliothekarische Kenntnisse und Erfahrungen in Theorie und Praxis sammeln.

Die praktischen Anteile des Referendariats werden in der UB Frankfurt und ausgewählten Praktikumseinrichtungen vermittelt. Der theoretische Input kommt vor allem durch das begleitende Studium für Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, das fester Bestandteil des hessischen Bibliotheksreferendariats ist.

Die Studiengebühren bezahlt hierbei die Ausbildungseinrichtung, zusätzlich zur monatlichen Besoldung der Referendar*innen (Vergütung der Stufe A13, halbiert).Was machen Bibliotheksreferendar*innen inhaltlich bzw. welche Aufgaben können sie nach erfolgreichem Abschluss der Staatsprüfung übernehmen? Ein mögliches Einsatzfeld sind die sogenannten Fachreferate. Diese sind in Bibliotheken (vor allem in wissen-schaftlichen) zuständig für die Auswahl der zu erwerbenden Medien oder zu lizenzierenden elektronischen Ressourcen in ihrem Fachgebiet. Um zielgerichtete Trefferlisten bei Katalogrecherchen zu ermöglichen, arbeiten Fachreferent*innen bei der inhaltlichen Erschließung der Dokumente für den Online-Katalog mit.

Sie stehen außerdem zur Verfügung, wenn sehr spezifische Nutzeranfragen an den Infotheken der Bibliothek gestellt werden. Gerade in Universitäts- und anderen Hochschulbibliotheken ist der enge Kontakt zu den Fachwissenschaftlern der eigenen Einrichtung wichtige Basis für die Fachreferentenarbeit. Während die genannten Funktionen wie auch die allgemeinen Managementaufgaben (z. B. Abteilungsleitung) eher als die traditionellen Aufgaben der Fachreferent*innen zu bezeichnen sind, kommen in den Bibliothe-ken immer neue Dienstleistungen und Aktionsbereiche hinzu, an denen wissenschaftliches Personal maßgeblichen Anteil hat:

Planung und Durchführung von Digitalisierungs- und anderen Projekten, Forschungsdatenmanagement, Fachinformationsdienste für die Wissenschaftsgemeinschaft, Bibliografie- und Datenbankproduktion, Open-Access-Beratung und -Unterstützung, Drittmitteleinwerbung und vieles mehr. In der zweijährigen Ausbildung sollen die Bibliotheksreferendar*innen konzentrierte Einblicke in die genannten Bereiche erhalten, aber auch aufbauend auf dem individuellen Fachwissen Flexibilität und Offenheit für neue Entwicklungen behalten bzw. entwickeln.

In der UB JCS wurde der Schwerpunkt der praktischen Referendarausbildung in den letzten Jahren stärker auf spezifische oder auch interdisziplinäre Themenbereiche verschoben. So hat sich eine Referendarin intensiv mit den Anforderungen und Möglichkeiten der Digital Humanities beschäftigt. Ein Ergebnis ihrer Arbeit ist die Entwicklung einer Transkriptionsplattform zu Arthur Schopenhauer, ein weiteres stellt die Gestaltung und die Durchführung einer rege besuchten Workshop-Reihe zu Methoden und Tools der Digital Humanities dar.

Der ihr nachfolgende Referendar hatte den Schwerpunkt Bestands- erhaltung (Restaurierung und Konservierung). Außer der generellen Einarbeitung ins Thema standen für ihn Vorbereitung, Beantragung und Umsetzung mehrerer Drittmittelprojekte zu Maßnahmen im Sinne des Originalerhalts im Fokus: alterungsbeständige Schutzverpackung, Entsäuerung von durch Papierzerfall bedrohten historischen Büchern und Dokumenten. Im Oktober 2019 starteten wieder zwei Referendarinnen in der UB.

Eine Sprachwissenschaftlerin wird sich mit Computerlinguistik befassen und eine Historikerin soll die Provenienzforschung in der Bibliothek voranbringen.Es ist zwar eine organisatorische Herausforderung sowohl für die Referendar*innen als auch für die Ausbildungsbibliothek, die Vermittlung der Ausbildungsinhalte und die Aufgaben des jeweiligen Schwerpunkts so miteinander zu verzahnen, aber auch voneinander abzugrenzen, dass keiner der beiden Bereiche in den zwei Jahren zu kurz kommt. Aber die bisherige Erfahrung bestätigt das Schwerpunktkonzept der UB JCS.

Die Referendar*innen schätzen die Vielseitigkeit des zwei-jährigen Referendariats und nehmen sehr gerne die Herausforderungen selbstständigen praktischen Arbeitens in ihrem Schwerpunkt an. Dabei bieten Erfolge ihrer Arbeit umgehend Bestätigung und fördern die Wertschätzung im Kollegium wie auch in der weiteren Fachwelt.Nach der Staatsprüfung, die aus schriftlichen Arbeiten, praktischen Anteilen und einer mündlichen Prüfung besteht, sind sie sehr gut vorbereitet sowohl auf Fachreferenten- oder Managementaufgaben als auch auf spezialisierte Stellen in ihrem Schwerpunktbereich.

Auch wenn nicht alle frisch gebackenen Assessor*innen von ihrer Ausbil-dungsbibliothek übernommen werden können, sind ihre Arbeitsmarktchancen durchweg als sehr gut zu bezeichnen. Die meisten Absolvent*innen finden direkt nach der Prüfung oder kurze Zeit später eine adäquate Anstellung.

Bernhard Wirth

Agnes Brauer:
»Am besten hat mir an meinem Referendariat an der UB Frankfurt gefallen, dass ich mich mit einem hohen Maß an Selbstständig-keit und Eigeninitiative einem innovativen Feld der Bibliotheks-arbeit widmen konnte. Das Referen-dariat an der UB Frankfurt ist durch die Loslösung von der klassischen Fachreferenten-Ausbildung weitaus fortschrittlicher und zeitgemäßer als an vielen anderen Einrichtungen. Das habe ich für mich als genau richtig empfunden.«

Jakob Frohmann:
»Die Ausbildungsleitung der UB JCS legt großen Wert darauf, die Referendar*innen auf die Querschnittsaufgaben vorzubereiten, die in großen wissenschaftlichen Bibliotheken immer wichtiger werden. Arbeitsfelder wie Digitali-sierung oder der Erhalt des schrift-lichen Kulturgutes sind Manage-mentaufgaben, bei denen ganz verschiedene Abteilungen und viele Kolleg*innen einbezogen werden müssen. Dieser Teil der Arbeit hat mir in der Ausbildung besonderen Spaß gemacht und ich habe viel dabei gelernt.«

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.19 des UniReport erschienen.