Vanessa Eileen Thompson, WISAG-Preisträgerin 2017; Foto: privat

Vanessa Eileen Thompson erhält den WISAG-Preis für die beste geistes- oder sozialwissenschaftliche Dissertation.

»Philosophisch fundierte Anerkennungstheorie mit Feldforschung in Pariser Banlieues und eigener ethischer Reflexion zu verbinden, das bedarf schon besonderer Qualitäten«, so die Soziologin Prof. Dr. Kira Kosnick über Vanessa Eileen Thompson. Die Nachwuchswissenschaftlerin wird in diesem Jahr mit dem WISAG-Preis für die beste geistes- oder sozialwissenschaftliche Dissertation ausgezeichnet.

Der Titel ihrer englischsprachigen Arbeit: »Solidarities in Black. Anti-Black Racism and the Struggle beyond Recognition in Paris«. Mit ihrem Magister in Philosophie und Kulturanthropologie im Nebenfach sowie ihrer Promotion in Soziologie ist die 34-Jährige im besten Sinne interdisziplinär unterwegs.

Das Preisgeld, das in diesem Jahr einmalig auf 10.000 Euro verdoppelt wurde, verschafft der Nachwuchswissenschaftlerin, die gerade von einem neunmonatigen Fellowship am Department of Black Studies, University of California, Santa Barbara, zurückgekehrt ist, neben der großen Freude über die Wertschätzung ihrer Arbeit auch Luft.

Denn es dauert noch, bis sie nach einem langwierigen Prüfungsverfahren eine Post-Doc-Stelle bekommen kann. Sie nutzt die Zwischenzeit, um sich weiter international zu vernetzen. Und wenn es um Rassismusforschung, Gender und Postcolonial Studies geht, sind die Universitäten an der amerikanischen Westküste führend. Wo sonst kann man an einem Abend Angela Davis und Judith Butler gemeinsam auf dem Podium erleben – wie im Mai auf dem Oakland Book Festival?

„Leider war es so voll, dass ich nur die Videoübertragung im Nachbarhörsaal sehen konnte“, berichtet Thompson, die sich noch lebhaft an ihre Begegnung mit Angela Davis erinnert, als die antirassistische Frauenrechtlerin 2013 die Goethe-Universität besuchte und als erste Referentin der nach ihr benannten Gastprofessur zur Erforschung der Geschlechterverhältnisse im vollen Festsaal sprach. Notizen nach einem sehr anregenden zweistündigen Skype- Gespräch mit der Preisträgerin in Santa Barbara, Nachrecherchen im Internet – und dann Ernüchterung: Wie lässt sich daraus ein überschaubarer Beitrag formen?

Ohne Hegels Denkmodell und Honneths Theorie der Anerkennung in aller Knappheit zu erwähnen, geht das auf jeden Fall nicht: Auf Hegels Gesellschaftstheorie aufbauend entwickelte der Frankfurter Philosoph Axel Honneth, der wie seine Berliner Kollegin Rahel Jaeggi Thompson während ihrer Magisterarbeit betreute, seine „moralische Grammatik sozialer Konflikte“. Wird gesellschaftlichen Gruppen von anderen Anerkennung verweigert, führt dies zu Konflikten, die nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen bewirken können.

Soziale Ungleichheiten in der Französischen Republik

Wie sieht die Realität der französischen Gesellschaft aus – insbesondere in der Auseinandersetzung zwischen den jungen Bewohnern der Vororte von Paris, deren Vorfahren meist aus ehemaligen französischen Kolonien in Afrika oder der Karibik kamen, und den staatlichen Institutionen? Bevor Vanessa Thompson ihre Feldforschung begann, hat sie sich angeschaut, wie die Französische Republik – seit der Revolution 1789 Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verpflichtet – gerade durch den republikanischen Universalismus soziale Ungleichheiten reproduziert. Dies gilt auch für den Wandel in der staatlichen Erinnerungs- und Anerkennungspolitik, wenn es um den Sklavenhandel, die Versklavung und ihre Abschaffung geht. Zwar gab es 1998 erstmalig eine nationale Gedenkfeier aus Anlass der 150 Jahre zurückliegenden Abschaffung der Sklaverei.

Aber zu einer echten nachhaltigen Auseinandersetzung mit der Versklavungs- und Kolonialpolitik, deren Folgen für viele bis heute zu spüren sind, habe das offizielle Motto „Wir sind alle 1848 geboren!“ wenig beigetragen, merkt Thompson an. „Diese universalisierenden Tendenzen vermischen die Täter-Opfer-Dimension und laufen Gefahr, die gegenwärtigen postkolonialen Ungleichheitsproduktionen zu vernachlässigen.“

Faktisch gab es bei den folgenden Feiern auch extreme Sicherheitskontrollen (nach dem diskriminierenden Muster des „racial profiling“) für schwarze Menschen aus den deprivilegierten Vorstädten. Sie mussten ihre T-Shirts mit dem Aufdruck „Collectif Anti-Négrophobie/ Brigade Anti-Négrophobie“ („Kollektiv/Brigade gegen Anti-Schwarzen Rassismus“) ausziehen und wurden zudem gewaltsam von der nationalen Gedenkveranstaltung entfernt.

„Sie werden vom Raum der Anerkennung förmlich ausgeschlossen, was die gesellschaftlichen Spannungen erhöht und die Frage nach den Machtverhältnissen im Rahmen von Anerkennung in den Fokus stellt“, so die Frankfurter Wissenschaftlerin. In ihrer sozialwissenschaftlichen Analyse bezieht sich Thompson auch auf Frantz Fanon, er gehört zu den Vordenkern der Postcolonial Studies und hat eurozentrische Universalitätsideale stets nach ihren Leerstellen befragt, ohne jedoch in einen Partikularismus oder hinter die Ideale der Aufklärung zurückzufallen.

Von ihm stammt der Satz: „Wir [Schwarzen] weigern uns, Außenseiter zu sein, wir nehmen voll und ganz teil am Schicksal Frankreichs.“ Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Pariser Banlieues sind in ihrem Kampf um soziale Gerechtigkeit inzwischen weiter. „Denn dieser Kampf geht sowohl über Anerkennung als auch über Identitätspolitiken hinaus“, sagt Thompson. Das öffentliche Statement der jungen Generation: „Ich bin schwarz, weil ich dazu von der Gesellschaft gemacht werde!“

Institutioneller Rassismus

Thompson hat bei ihrer Feldforschung teilnehmend beobachtet, wie viele dieser Gruppen aus den deprivilegierten Pariser Banlieues Räume einfordern, sich zu Wort melden, sich gegenseitig im Alltag unterstützen und wie sie sich spontan für Protestaktionen zusammenfinden. Diese richten sich gegen institutionellen Rassismus, den sie besonders Polizeiaktionen vorwerfen, und gegen soziale Ungleichheit. „In der Öffentlichkeit existiert überwiegend das Bild von marodierenden kleinkriminellen Banden und Politikverdrossenheit, selten wird über die Formen von sozialräumlichem Rassismus gesprochen, der auch von staatlichen Institutionen ausgeübt wird.

Aber vor allem werden die Jugendlichen und jungen Erwachsenen stets als unorganisiert, gewalttätig oder mit mangelndem politischen und sozialen Engagement dargestellt“, stellt die Soziologin mit kulturanthropologischem Hintergrund fest. Jenseits krimineller Strukturen haben sich über „Race“-Grenzen und dadurch bedingte Gruppenzugehörigkeiten hinweg „kollektive urbane Solidaritäten“ entwickelt, die Tag für Tag gelebt werden.

Für die Zukunft ist Thompson nach ihren acht Monaten in den Pariser Vorstädten etwas optimistischer als viele französische Politiker und Journalisten: „Ich sehe durchaus Potenziale, dass sich hier antirassistische Praxen und Strategien entwickeln, mit denen sich die Bewohner dieser Vorstädte im gesellschaftlichen Diskurs auch ohne Gewalt Gehör verschaffen und zudem auf die Möglichkeiten von Solidarität jenseits von kollektiven Identitäten einerseits und abstrakten Universalismen andererseits verweisen.“

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.