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Masterstudiengang »Sozialethik im Gesundheitswesen« bereitet auf die ethischen Anforderungen im Gesundheitswesen vor

Der neue duale Masterstudiengang »Sozialethik im Gesundheitswesen« ist im vergangenen Wintersemester gestartet. Das neue Studienangebot wendet sich an Studierende aus den Sozialwissenschaften, der Soziologie, Theologie und Medizin.

Victoria Dichter wollte nach ihrem Bachelor in Soziologie/Philosophie eigentlich den Master in Soziologie machen. Eher zufällig stieß sie bei der Recherche auf die Beschreibung eines neuen Studienangebots, das sie von Anfang an beeindruckt hat: „Ich hatte vorher noch gar nicht von dem neuen dualen Studiengang ‚Sozialethik im Gesundheitswesen‘ gehört. Ich war wirklich angetan von der breiten Palette an Themen und Bezügen zu unterschiedlichen Feldern im Gesundheitswesen. Vor allem die Interdisziplinarität hat mich gleich angesprochen. So entschied ich mich für den Studiengang“, erzählt Victoria Dichter, die als Sprecherin des Studiengangs fungiert. Ihr gefällt auch das persönliche Verhältnis zwischen Studierenden und Dozierenden – über gerade einmal 15 Studienplätze verfügt der Studiengang, was den Unterschied zu einem Fach wie der Soziologie deutlich macht.

Zum Wintersemester 2021/22 ist der Studiengang gestartet, in einer wegen Corona-bedingter Auflagen nicht einfachen Zeit. Aber die beteiligten Institutionen zeigen sich gleichermaßen überrascht und erfreut über eine sehr diverse Studierendengruppe, die mit unterschiedlichen Vorkenntnissen und Vorerfahrungen für lebendige Diskurse in den Veranstaltungen des Studiengangs sorgen.

Gesellschaftliche Herausforderungen

Prof. Christof Mandry, Dekan des Fachbereichs Katholische Theologie, Studiengangsverantwortlicher und auch Dozierender, erläutert, inwiefern der Studiengang auf Veränderungen im Gesundheitssystem und damit der Gesellschaft reagiert: „Mit diesem neuen Studienangebot reagieren wir auf durchgreifende soziale Herausforderungen: auf die demographische Entwicklung und Alterung der Gesellschaft, in der wir mehr chronische Erkrankungen und Alterserkrankungen verzeichnen, ebenso auf einen erhöhten Pflegebedarf. Ferner vollzieht sich ein technisch-medizinischer Fortschritt, der zugleich aber auch die Kosten im Gesundheitswesen ansteigen lässt. Damit sind dann auch Verteilungs-, Fairness- und Gerechtigkeitsfragen angesprochen: Wie kann man eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung sichern? Ethische Fragen entstehen auch im Zusammenhang mit der Digitalisierung.“ Die hohe Belastung des Gesundheitssystems durch die Corona-Pandemie habe Fragen der Gesundheitsvorsorge und des Gesundheitsschutzes bis hin zur Frage nach einer einrichtungsbezogenen oder allgemeinen Impfpflicht virulent werden lassen.

Mandry unterstreicht, dass der neue Studiengang den Studierenden der Sozial- und Geisteswissenschaften mit dem Gesundheitswesen ein weiteres Berufsfeld eröffnen soll. Vielfalt wird auch dadurch großgeschrieben, dass zwei Institutionen mit ihren jeweiligen Expertisen den Studiengang gemeinsam anbieten: Die Goethe-Universität, mit der Klinikseelsorge des Universitätsklinikums als einer unter mehreren Praxispartnern, und die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen.

Der Studiengang Sozialethik im Gesundheitswesen umfasst vier Semester; der Abschluss ist ein Master of Arts. Der Studiengang startet jeweils im Wintersemester. Voraussetzung ist ein Bachelorabschluss; die Bewerbung für das Wintersemester 2022/23 ist noch bis zum 31. Juli 2021 möglich. Der Studiengang ist zulassungsbeschränkt.

Eine Infoveranstaltung für den Master findet am 17. Mai 2022 um 16.15 Uhr digital statt. Die Zugangsmodalitäten werden auf der Masterwebsite veröffentlicht. Website des Studiengangs | Master-Portal der Goethe-Universität

Hoher Praxisanteil

Prof. Dr. Edeltraud Koller, Professorin für Moraltheologie an der Hochschule Sankt Georgen, betont, dass die Kooperation mit der Goethe-Universität ein Glücksfall für ihre Hochschule sei; die Studierenden würden so an unterschiedlichen Lernorten mit einer großen Themenbreite in Berührung kommen. In vielen Bereichen des Gesundheitswesens habe der Beratungs- und Kommunikationsbedarf zu ethischen Fragen deutlich zugenommen, betont die Theologin. Nicht nur im Gesundheitswesen im engeren Sinne, auch im Bereich Sozialer Arbeit werden die Mitarbeiter* innen zunehmend mit gesundheitsethischen und -politischen Fragen konfrontiert. Im Studium werden die Studierenden mit sozialethischen, sozialwissenschaftlichen und auch medizinischen Fragestellungen vertraut gemacht; dabei werden 30 Prozent der Studienleistungen in Partnereinrichtungen im Medizin- und Pflegebereich erbracht.

Marita Cannivé-Fresacher ist als Krankenhausseelsorgerin im Universitätsklinikum tätig. „Wir sind ein großes Team in der Klinikseelsorge und können den Studierenden eine breite Palette an praktischen Beispielen anbieten: zum Beispiel Exkursionen in die Psychiatrie, die Begleitung von onkologisch erkrankten Kindern und Gespräche über die Rolle der Ethik in der Klinikseelsorge. Wir mussten dabei auch schauen, was wir den Studierenden am Anfang zumuten können, denn die persönliche Betroffenheit muss man im Blick haben. Klinikseelsorge ist eben viel mehr, als nur ans Krankenbett zu gehen und tröstende Worte zu spenden“, betont sie. Der Kontakt zu den Studierenden habe sich auch für die Klinikseelsorge als wichtige Erfahrung herausgestellt: „Die Studierenden geben uns wichtige Rückmeldungen.“

Berufsqualifizierend

„Die Vielfalt der Studierendenschaft hat uns selber sehr überrascht“, berichtet Julia Westendorff, Studiengangskoordinatorin der „Sozialethik im Gesundheitswesen“. „Dabei sind Studis aus der Medizin, Soziologie, Theologie, aber auch welche aus dem Gesundheitsmanagement, der Sozialen Arbeit und sogar der Osteopathie.“ Über sozialwissenschaftliche Vorkenntnisse verfügten die meisten Studierenden; verstärken müsse man aber noch, so Westendorff, die Studieninhalte im Bereich Wirtschaft und Institutionenethik.

Alle beteiligten Institutionen betonen, dass der Studiengang zum einen berufsqualifizierend konzipiert sei, was aber zum anderen nicht bedeute, dass es bereits ein klares Berufsbild Sozialethiker*in gebe. „Wir gehen erst einmal vom gesellschaftlichen Bedarf aus: Im Gesundheitswesen ist der Reflexions-, Argumentations- und Erklärungsbedarf in ethischen Fragen signifikant gestiegen. Unsere Studierenden erwerben ein ganzes Bündel an Kompetenzen. Die wissenschaftliche Ausrichtung bedeutet, dass sich die Lernenden in einem sich noch entwickelnden Berufsbild mit entwickeln können“, unterstreicht Christof Mandy. „Das ganze Feld ist noch in Bewegung. Wichtig ist, dass die Studierenden während des Studiums eigene Interessen entwickeln, Fähigkeiten ausbilden und Netzwerke knüpfen“, sagt Edeltraud Koller. Victoria Dichter gefällt dieser Aspekt des Studiengangs besonders gut: „Ich kann im Studium meinen vielfältigen Interessen nachgehen.“ Und Christof Mandry ergänzt: „Wir sind permanent dabei, unser Netzwerk zu Partnern im Gesundheitswesen weiter auszubauen“; dies diene auch dem Zweck, die Berufsbildorientierung noch weiter zu stärken.

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