Am Frobenius-Institut gehen drei neue, von der DFG geförderte Projekte an den Start.

Die Felsbildkopie zeigt den Kopf eines für die Kimberley-Region typischen Wandjina-Wesens. Das originale Felsbild wurde während der Australien-Expedition 1938 in der Kimberley-Region bei Mount Hann von Douglas C. Fox gemalt.

Gleich drei neue, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekte starten in diesen Tagen am Frobenius-Institut. Sie beschäftigen sich mit so unterschiedlichen Themen wie der Forschungsgeschichte in Australien, mit findigen Strategien des Sparens in Äthiopien und der äthiopischen Diaspora und mit der Praxis des Hirseanbaus in Indien.

Hirse in Indien

Hirse? „Wir sprechen von Hirsen, denn es geht um viele verschiedene Sorten von Hirse“, erklärt Prof. Roland Hardenberg, Direktor des Frobenius-Instituts für kulturanthropologische Forschung an der Goethe-Universität. Getreidesorten und ihre kulturanthropologische Bedeutung sind einer seiner Forschungsschwerpunkte; an der Universität Tübingen war er Stellvertretender Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Ressourcenkulturen“ (SFB 1070). Die Hirsen in Indien hat Hardenberg schon seit mehreren Jahren im Blick. Gemeinsam mit der Universität Groningen in den Niederlanden hat er das „Groningen- Frankfurt Millets Network“ gegründet – Millets ist englisch für Hirse.

Doch was macht die Hirse so interessant? Nach dem Stand der Forschung ist Hirse eine bislang stark unterbewertete Nahrungsquelle. Da sie in Asien und Afrika vor allem von ärmeren Bevölkerungsschichten angebaut und verzehrt wird, gilt sie dort meist als eher „primitives“ Essen. Dabei handelt es sich in Wahrheit um eine Art Wundernahrung, die viele Ernährungsprobleme lösen könnte: Hirse ist nahrhaft, enthält viele Vitamine und Mineralien, ist glutenfrei. Beim Anbau braucht Hirse wenig Wasser, der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden ist nur begrenzt notwendig. Sie wächst schnell und hat einen hohen Ertrag. Und trotz alledem hat die Hirse dieses Imageproblem. Doch das ändert sich gerade.

„Die Regierungen haben erkannt, dass Hirsen helfen könnten, die Millenniumsziele zu erreichen und den Hunger zurückzudrängen“, sagt Hardenberg. In den Städten sei die Hirse, die man je nach Sorte zu unterschiedlichen Produkten verarbeiten kann, bereits im Trend. Und vor Kurzem wurde Hirse in das staatliche Verteilungssystem (PDS) für die arme Bevölkerung aufgenommen, sodass immer mehr Bauern nicht mehr nur für den eigenen Bedarf produzieren. Das neue Projekt soll nun am Beispiel der Region Odisha im Osten Indiens Erkenntnisse darüber erbringen, welche Auswirkungen diese Strategie auf diejenigen hat, die Hirsesorten produzieren, verteilen und konsumieren. Ein Teilprojekt betrachtet die Situation in der Hauptstadt Bhubaneswar, wo Hirse in immer mehr Geschäften und Restaurants angeboten wird. In einem zweiten geht es um die Auswirkungen des staatlichen Verteilungssystems auf die Anbaupraxis, in einem dritten um die Situation der Schwendbauern im Hochland, die als „Wächter der Hirse“ bezeichnet werden, weil sie mit ihrer extensiven Bewirtschaftung die Vielfalt des Saatguts bewahren helfen. In der Zusammenschau sollen die drei Feldstudien ein Bild ergeben davon, wie Menschen den Status von Hirse definieren, welches Wissen sie darüber haben, wie sie mit den Pflanzen und ihren Produkten umgehen, welche Technologien sie verwenden und welche Verbindungen zwischen Hirsesorten und sozialen Identitäten bestehen. Dabei kooperiert das Frobenius-Institut mit der Archäobotanik an der Goethe-Universität.

Informelles Sparen in Äthiopien

Wie kommen Menschen ohne Besitz zu einem Kredit? Und wer hilft ihnen in einer finanziellen Notlage? Äthiopier außerhalb ihrer Heimat haben einen Weg gefunden: Sie tun sich zusammen, um einander im Bedarfsfall unter die Arme zu greifen. Diese „informellen Spar- und Versicherungspraktiken“ untersucht ein weiteres neues DFG-Projekt am Frobenius-Institut mit dem Titel „On the saf(v)e side: Informelle Wirtschaftsvereinigungen und Zukunftsaspirationen in der äthiopischen Diaspora“. Geleitet wird das Projekt von Dr. Sophia Thubauville vom Frobenius-Institut gemeinsam mit Dr. Elias Alemu von der Universität Hawassa in Äthiopien. Das Projekt nimmt Äthiopier in der Diaspora in den Blick, also Menschen, die fern der Heimat versuchen, ein Auskommen zu finden. Die größten Diasporagemeinden finden sich in den USA (500 000 Menschen), in Israel (130 000 Menschen) und Südafrika (120 000 Menschen), diesen Gemeinschaften sind drei Teilprojekte gewidmet. Ein viertes Teilprojekt nimmt die Situation in Äthiopien selbst in den Fokus.

Was aber sind „informelle Wirtschaftsvereinigungen“? „Oft handelt es sich um Freundes- oder Kollegenkreise, die sich zu ganz unterschiedlichen Sparzielen zusammenfinden“, erklärt Sophia Thubauville. Diese Zusammenschlüsse gebe es in vielen Kulturen, in Äthiopien gehören ihnen alle Ebenen der Gesellschaft an, vom Schuhputzer bis zum erfolgreichen Geschäftsmann. Im Land selbst sei ein häufiges Sparziel die Finanzierung der Auswanderung, etwa nach Israel. In Israel wiederum werden die afrikanischen Einwanderer oft ausgegrenzt, viele wollen weiter emmigrieren in die USA. In den USA dann sparten die Menschen zum Beispiel, um sich ein Taxi kaufen zu können.

Auf einen Kredit von der Bank haben Migranten kaum eine Chance. Oft ergibt sich ein gewisser Ketteneffekt: Wer es geschafft hat, der schickt Geld an die Zurückgebliebenen. Beträchtliche Summen werden notwendig, wenn ein lieber Angehöriger stirbt. Die Trauerfeiern – meist verbunden mit einer Rückführung des Verstorbenen in die Heimat – kann nur finanzieren, wer zuvor Mitglied einer Versicherungsgemeinschaft geworden ist und regelmäßig eingezahlt hat.

Für Sophia Thubauville ist diese Praxis ein zukunftsweisendes Modell: „Hier tun sich Menschen zusammen, um sich gemeinsam für ein besseres Morgen einzusetzen“, sagt sie. Es sei faszinierend, wie dieses auf Solidarität beruhende System funktioniere, wie sich jeder auf diese Weise Träume erfüllen kann. Zudem helfe es dabei, kulturelle Identität zu bewahren. Erste Erkenntnisse hat eine Pilotstudie erbracht, die vor zwei Jahren in Israel und den USA durchgeführt wurde. Das nun angelaufene Projekt soll Unterschiede und Parallelen zwischen den Spar- und Versicherungsverbänden aufzeigen, die verschiedenen Bestrebungen und Ideen hinter der Praxis analysieren und so einen Beitrag zu einer „Ethnologie des guten Lebens“ und einer „Ethnologie der Zukunft“ beitragen. Das Projekt läuft bis zum März 2024.

Historische Expeditionen nach Kimberley

Welche Bedeutung hat eine historische Sammlung ethnografischer Objekte heute? Wie kann ihr Potenzial für indigene Gemeinschaften, Museen und die Öffentlichkeit neu bewertet werden? Diesen Fragen stellt sich das Projekt „Die deutschen ethnografischen Expeditionen in den australischen Kimberley. Forschungsgeschichtliche Bedeutung, digitale Repatriierung und gemeinsame Interpretation des indigenen Kulturerbes“. Im Zentrum des Vorhabens stehen zwei deutsche ethnografische Expeditionen in die Kimberley-Region im nordwestlichen Australien: 1938 bis 1939 fand eine Reise des Instituts für Kulturmorphologie, des heutigen Frobenius-Instituts, statt, 1954 bis 1955 schickte das Münchner Museum für Völkerkunde (heute Museum Fünf Kontinente) eine Forschergruppe in die Region auf der anderen Seite der Erdkugel. Diese Reisen sollen nun systematisch und aus der Perspektive beider Seiten gemeinsam bewertet werden.

Das vom Frobenius-Institut gemeinsam mit der University of Western Australia koordinierte Forschungsvorhaben geht auf eine Initiative mehrerer indigener Wanjina Wunggurr-Gemeinschaften aus Nordwest-Australien zurück. Zu den Materialien, die das Projekt in den Blick nimmt, gehören zahlreiche unveröffentlichte Fotos, Zeichnungen, Skizzen, Felsbildkopien und Tagebücher. Sie werden ebenso wie der direkte Input der beteiligten Aboriginal corporations, die die historischen Quellen ergänzen, korrigieren und bewerten, zu den Forschungen beitragen. Das Material aus den deutschen Archiven ist von großem Interesse für die indigenen Gemeinschaften und wird ihnen unter Rücksichtnahme auf kulturelle Gepflogenheiten und möglicherweise sensible Inhalte in den Bild- und Textdokumenten zur Verfügung gestellt, um eine gemeinsame Auswertung zu ermöglichen.

Mit seinem kollaborativen Forschungsdesign wird das Projekt zu einer Fallstudie kritischer Forschungsgeschichte und ethnologischer Wissensproduktion. Damit soll es einen Beitrag zur Debatte über die zentralen Herausforderungen leisten, vor denen heute ethnografische und ethnologische Archive, Museen und Sammlungen stehen. Das Projekt konzentriert sich dabei auf die Analyse der relevanten Materialien aus der Kimberley-Region, die sich in deutschen Institutionen befinden, diese werden aufbereitet, digitalisiert, übersetzt und kontextualisiert. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der gemeinsamen Bewertung der Materialien und ihrem zukünftigen Potenzial – sowohl für die deutschen Archive als auch für die indigenen Forschungspartner in Australien.

Das Projekt wird von der DFG mit einer Summe von 441 900 Euro gefördert und gemeinsam von Dr. Richard Kuba am Frobenius-Institut und Associate Professor Martin Porr (University of Western Australia) koordiniert. Kooperationspartner sind die Wunambal Gaambera, Dambimangari und Wilinggin Aboriginal Corporations, das Weltkulturen Museum in Frankfurt und das Museum Fünf Kontinente in München.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 3/2021 (PDF) des UniReport erschienen.