Im Interview spricht Professorin Susanne Schröter, Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Goethe-Universität, über die Rolle von islamischen Bildungsangeboten bei der Integration von Muslimen. Die von ihr mitinitiierte Tagung „Islamic Organisations in Europe and their Notions of Education“, die heute in Wien beginnt, soll die Situation im europäischen Kontext beleuchten.

Die Tagung, die heute beginnt, dreht sich um islamische Bildungsangebote. Was gab den Ausschlag für dieses Thema?

Mein Wiener Kollege Ednan Aslan und und ich arbeiten seit vielen Jahren zu islamischen Organisationen in Europa, und natürlich sind wir auch immer wieder mit der Frage befasst, welchen Einfluss diese Organisationen auf die Bildung junger Musliminnen und Muslime haben. Bei einer fast vierjährigen Feldforschung in der hessischen Landeshauptstadt habe ich Moscheegemeinden mit einem Fokus auf Bildung untersucht. Folgende Fragen waren relevant: Welche Art von Bildung wird in Moscheen weitergegeben? Wer liefert die pädagogischen Konzepte? Welches Islamverständnis wird vermittelt, aber auch welches Verständnis der Welt – also welche Normen und Werte? Ednan Aslan arbeitet an ähnlichen Fragen. Zurzeit erstellt er eine Landkarte aller islamischen Organisationen in Österreich in Zusammenarbeit mit vielen islamischen Organisationen. In diesem Jahr entstand die Idee, sich im Rahmen einer Tagung anzuschauen, was wir im europäischen Vergleich über islamische Bildung lernen können.

Wer wird an der Tagung teilnehmen?

Wir haben Expertinnen und Experten aus den europäischen Ländern dabei, aber auch aus Pakistan, Israel, den VAE und Ägypten. Viele islamische Organisationen in Europa haben ihren Ursprung ja auf anderen Kontinenten und sind abhängig von ausländischen Mutterorganisationen. Ganz deutlich sieht man das bei türkischen Organisationen. Die größte islamische Organisation hier in Deutschland, die Ditib, ist ja letztlich nichts anderes als die Auslandsdependance der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Die Einflüsse sind ideologischer, finanzieller und personeller Art. Und das wollen wir uns mal europaweit anzuschauen.

Ist die Ditib die einzige Organisation für türkische Muslime?

Nein, wir haben noch andere türkeiorientierte oder türkeiabhängige Organisationen. Die Bewegung Milli Görüs mit ihren Einzelorganisationen gehört dazu, der sich Präsident Erdogan immer sehr verbunden gezeigt hat, aber auch der Verband der islamischen Kulturzentren. Aber es geht auf unserer Tagung nicht nur um türkische Organisationen, sondern um die Vielfalt der Vereinigungen in unterschiedlichen Teilen Europas. Wir haben z.B. mehrere Vorträge, die sich mit dem Balkan beschäftigen. Der Balkan ist eine besonders interessante Region. Er stand während der Zeit des Osmanischen Reiches unter osmanischer Herrschaft, doch gleichzeitig hat sich dort ein Islam entwickelt, der auf vielfache Weise als heterogen, teilweise sogar als moderat bezeichnet werden kann. In der kommunistischen Phase wurde der Islam stark staatlich reglementiert bzw. sogar verboten. Heute nehmen internationale islamische Organisationen durch spezifische Bildungsangebote und einen erheblichen finanziellen Input Einfluss auf die Muslime, die dadurch fundamentalistischer werden.

Welche Arten von Bildungsangeboten gibt es denn für junge Muslime?

Soweit ich das aus meinen eigenen Forschungen beurteilen kann, ist religiöser Unterricht Teil eines ganzen Pakets, das auch einen großen weltlichen Teil beinhaltet. Es gibt Filmabende, Spielabende, Hausaufgabenbetreuung, Sport. Auffällig ist, dass versucht wird, den Kontakt der Jugendlichen zur Außenwelt zu minimieren. Eltern und Moscheevorstände haben große Angst, dass die Jugend sich von den Werten, die man für gut und richtig hält, entfernt. Außer den Moscheen spielen bei großen Organisationen auch andere Bildungseinrichtungen wie Internate eine Rolle.

Auch die christlichen Kirchen machen weltliche Angebote. Ab welchem Punkt wird es problematisch?

Bildungs- und Freizeitangebote sind grundsätzlich überhaupt nicht zu beanstanden. Problematisch ist es erst dann, wenn die Integration junger Menschen behindert wird. Wir haben in vielen europäischen Ländern eine wachsende muslimische Bevölkerung, und Ziel der Politik muss sein, dass diese junge Bevölkerung sich als integrierter und selbstverständlicher Teil der Gesellschaft versteht. Hinderlich ist es, wenn sie in Distanz zur Gesellschaft erzogen und zwischen divergenten Normensystemen zerrieben werden oder die Außenwelt als tendenziell feindlich erleben. Leider ist es so, dass islamische Organisationen oder islamistische Akteuren häufig antiintegrative Botschaften aussenden. Die türkische Regierung unter Präsident Erdogan hat beispielsweise immer versucht, Integration zu diskreditieren und letztendlich zu verhindern. Auch darum soll es auf der Konferenz gehen. Wir schauen uns aber auch an, welche Erfahrungen mit Kooperationen zwischen Staat und islamischen Organisationen gemacht werden. Wie soll es künftig weitergehen? Worauf sollen wir setzen?

Wo gibt es in Deutschland Ansätze der Kooperation?

In Osnabrück werden jetzt erstmals in Deutschland in Kooperation mit einer islamischen Organisation, dem Zentralrat der Muslime, Imame ausgebildet. Das ist ein wichtiger Schritt, damit die Absolventen der islamischen Theologien auch Berufsperspektiven haben. Allerdings ist der Zentralrat keine unproblematische Dachorganisation, da mehrere seiner Einzelorganisationen vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Auch der Umstand, dass die großen türkeiorientierten Vereinigungen nicht dabei sind, zeigt, welche Probleme noch ungelöst sind. Kooperationen wurden auch im Bereich des bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterrichts geschlossen. Auch hier stehen die Kooperationspartner häufig in der Kritik, u.a. wegen ihrer fehlenden Unabhängigkeit. Das haben wir ja auch hier in Hessen gesehen, wo das Kultusministerium voriges Jahr die Kooperation mit der Ditib vorübergehend beendet hat, weil Gutachten Zweifel an ihrer Unabhängigkeit von der türkischen Religionsbehörde artikulierten.

Sie haben Ihre Studie in Wiesbaden erwähnt. Haben Sie auch untersucht, welche Einstellungen die Familien zu den Bildungsangeboten haben?

Muslime sind genauso heterogen wie andere Menschen auch. Es gibt fundamentalistische, traditionalistische, aber auch liberale oder säkulare Muslime, es gibt Einflüsse aus der Türkei, aus dem Iran oder anderen Ländern, die angenommen oder abgelehnt werden. Man sollte nicht vorschnell generalisieren. Die meisten Eltern, würde ich sagen, sind vor allem daran interessiert, dass ihre Kinder erfolgreich sind. Andererseits möchten die Eltern nicht, dass ihre Kinder sich allzu stark von ihrer Familie und den dortigen Gepflogenheiten entfernen. Gerade wenn es sehr religiöse oder traditionelle Eltern sind, haben sie oft Angst vor der umgebenden Gesellschaft. Dann glauben sie, dass ihre Kinder schädlichen Einflüssen ausgesetzt sind und dass sie die Werte verlieren, die man für richtig hält. Dass Mädchen beispielsweise einen Freund haben, dass sie ausgehen, dass sie tun, was andere junge Frauen auch machen und dann mit den familiären Ehrvorstellungen oder den religiösen Geboten in Konflikt geraten. Bei den Jungs ist das in dieser Hinsicht etwas lockerer, aber da hat man oft Angst, dass sie kriminell werden. Das wurde mir immer wieder erzählt, auch von Moscheevorstehern, die besorgt waren, dass Jugendlichen zu viel draußen auf der Straße sind, weil man dann nicht mehr weiß, was sie tun.

Kann man sagen: Die liberalen, gut integrierten Muslime finden gar nicht erst den Weg in die Moschee?

Das ist definitiv so. Der überwiegende Teil der Muslime in Europa geht nicht in die Moschee, gehört auch keiner der großen Organisationen an. Die großen Organisationen, die sich gern als Vertretung der Muslime nach außen präsentieren, repräsentieren in Wirklichkeit nur eine Minderheit. Viele Muslime wissen überhaupt nicht, welche islamischen Organisationen es überhaupt gibt, geschweige denn haben sie irgendein Interesse daran. Das sind säkulare Menschen, manche von ihnen sind Kulturmuslime, so wie es auch Kulturchristen gibt. Sie feiern das eine oder andere religiöse Fest mit, aber sie fasten nicht während des Ramadan und sie beten schon gar nicht fünf Mal am Tag. Daraus kann man allerdings nicht schließen, dass die Muslime in Deutschland automatisch säkularer werden. Bei Einstellungsforschungen lässt sich vielmehr ein gegenteiliges Phänomen beobachten: Junge Leute, die hier geboren sind, deren Eltern und Großeltern hier in Europa geboren sind, beginnen plötzlich, Elemente der Scharia in ihrem Alltag zu betonen und damit andere Jugendliche zu terrorisieren, indem sie fordern, jeder Muslim müsse sich streng an islamische Ge- und Verbote halten.

Suchen diese Jugendlichen die Identifikation mit ihrer Herkunftsgesellschaft, weil sie sich bei uns nicht akzeptiert fühlen?

Es ist richtig, dass Jugendliche, die sich nicht akzeptiert fühlen, sich eher an problematischen Ideologien orientieren. Und deshalb sollte man weiterhin Anstrengungen unternehmen, damit junge Menschen, ganz gleich woher sie kommen oder welcher Religion sie anhängen, gute Teilhabechancen in unserer Gesellschaft erhalten. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass dieser permanente Opferdiskurs, der gerade von den islamischen Organisationen bemüht wird, eher kontraproduktiv ist. Junge Menschen schon von Anfang an als Opfer der Gesellschaft zu bezeichnen, fördert keine Entwicklung zum Selbstbewusstsein. Aber darum geht es auf unserer Tagung nicht.

Welche Rolle spielt der Islamunterricht an staatlichen Schulen bei Ihrer Tagung?

Dazu haben wir mehrere Vorträge. Einer der Redner ist Abdel Hakim Ourghi, der seit kurzem im Fokus eines schockierenden Vorfalls steht: In Baden-Württemberg wurde vom Kultusministerium ein sogenannter Sunnitischer Schulrat mit weit reichenden Kompetenzen eingerichtet. U.a. erteilt er die Lehrerlaubnis auch für Hochschullehrer im Bereich der islamischen Pädagogik. Jetzt stellte sich heraus, dass er mehreren liberalen Dozenten mit fadenscheinigen Begründungen die Lehrbefugnis verweigert hat – unter anderem Abdel Hakim Ourghi. Ourghi ist im Fach islamische Theologie promoviert, hat ein Buch zu islamischer Pädagogik verfasst und unterrichtet seit zehn Jahren an der PH in Freiburg islamische Pädagogik! Da muss man sagen: Das Thema der islamischen Pädagogik an Hochschulen und Universitäten und des islamischen Religionsunterrichts, das ist noch eine große Baustelle.

Der Wille des deutschen Staates ist da, aber warum ist es trotzdem oft so schwer?

Die Politik orientiert sich an dem Modell, das mit den Kirchen als Partner praktiziert wird, doch dies lässt sich auf den Islam nicht übertragen, da es keine den Kirchen vergleichbaren Institutionen gibt. Die Kultusministerien der Länder haben sich deshalb Hilfskonstruktionen gebastelt. In jedem Land gibt es Probleme, aber noch keinen guten bewährten Weg. Wie wir jetzt in Baden-Württemberg sehen, kann ein Konzept auch vollkommen scheitern.

Wie sieht die Situation in anderen Ländern aus?

In Österreich zum Beispiel gibt es eine ganz etablierte, bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückgehende Kooperation staatlicher Einrichtungen mit islamischen Organisationen, die nahezu verkirchlicht sind. Es gibt eine Sammelorganisation, die IGGÖ, die den Körperschaftsstatus besitzt und als Ansprechpartner für den Staat fungiert. Auslandsfinanzierungen sind verboten, die Imame unterliegen strengen Regularien. Das ist eine ganz andere Ausgangslage als in Deutschland. In anderen Ländern gibt es andere Kontexte, in denen islamische Bildung stattfindet.

Man kann viel voneinander lernen, und das ist einer der Gründe, warum wir diese Konferenz organisieren: Damit wir im europäischen Maßstab schauen können, welche Probleme in den jeweiligen Ländern existieren, was gut funktioniert und wie eine positive Entwicklung gestaltet werden kann.

Interview: Anke Sauter