Flurina Schneider fragt nach der Rolle des Wissens in sozial-ökologischen Transformationsprozessen. Inter- und transdisziplinäre Zugänge können ihrer Meinung nach Wege in einen nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen weisen.

UniReport: Frau Professor Schneider, im April haben Sie Ihre neuen Aufgaben in Frankfurt übernommen. Würden Sie einen Rückblick auf die ersten 200 Tage wagen wollen?

Flurina Schneider: Ich kam mitten im Lockdown an, das heißt, die Zusammenarbeit gestaltete sich anfangs vor allem virtuell. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich die Kolleg*innen auch „physisch“ kennengelernt habe. Ich denke aber, es ist für mich sehr gut angelaufen. Es gibt sehr, sehr viele Anknüpfungspunkte, sowohl hier am ISOE wie auch mit dem Fachbereich an der Goethe-Uni. Eine enge Zusammenarbeit mit der Uni findet in der Exzellenzanforderungsinitiative „Robust Nature“ oder auch im Masterstudiengang Umweltwissenschaften statt.

Wie kann man das junge Wissenschaftsgebiet der Sozialen Ökologie fassen?

Im Kern geht es um all die Bereiche, in denen Menschen mit der Natur und den Naturressourcen interagieren. Es geht um Ursachen, Auswirkungen und Regulationen dieser Beziehungen. Gleichzeitig, und das ist auch das Spezielle an der Sozialen Ökologie, geht es immer auch um die Frage von Wissen. Was ist eigentlich die Rolle von Wissen und der Wissensproduktion in diesen sozial-ökologischen Interaktionen? In anderen Worten: Was braucht es für eine Wissenschaft, um diese Interaktionen adäquat zu untersuchen? Im Kern ist diese Wissenschaft inter- oder transdisziplinär angelegt, nur ein disziplinärer Zugang reicht da nicht mehr.

Sobald Menschen mit ins Spiel kommen, kann es sicherlich schwierig werden. Manche sind bequem und bewegen sich nicht aus ihrer Komfortzone.

Natürlich, viele Menschen verändern sich nicht gerne. Wissen ist auch nicht der einzige Einflussfaktor, der Menschen zum Handeln bringt. Man könnte sogar sagen: Die meisten Handlungen basieren nicht nur auf unserem Wissen, sondern auf ganz anderen Motivationen. Es geht auch um Gefühle, um Interessen, Freude, Lebensqualität und so weiter. Nicht zuletzt auch um Gelegenheiten und Möglichkeiten.

Sehen Sie ein Zeichen für eine positive Wende in der deutschen Politik?

Ob es zu einer Wende kommt, muss sich erst zeigen. Der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zur Frage der Vereinbarkeit des Klimaschutzgesetzes mit den Grundrechten ist meines Erachtens jedoch sehr wegweisend. Damit wurde im Prinzip zum ersten Mal rechtsverbindlich definiert, dass wir den Rechten der zukünftigen Generationen mehr Gewicht geben müssen. Was dieser Beschluss nun für Auswirkungen hat, ist natürlich noch mal eine andere Frage. Wir brauchen jedenfalls Veränderungen auf ganz vielen Ebenen: in der Rechtsprechung, in der Wirtschaft, in der Politik, aber auch im Denken der Menschen, auch des Einzelnen.

Es gibt ja den Ansatz: Ich muss vor allem bei mir selber anfangen und mit meinem Konsumverhalten einen Beitrag leisten. Ist das möglicherweise zu kurz gedacht?

Die Debatte kreist ja eigentlich um die Frage, was ein Individuum tun kann und wo es strukturelle bzw. politische Lösungen braucht. Meine Position ist da ganz klar: Es braucht beides. Zum einen ist es ganz wichtig, dass jeder und jede wirklich bei sich selber anfängt und nicht alles auf die Politik schiebt – diese Haltung findet man momentan sehr stark im öffentlichen Diskurs. Wir stehen auch vor vielen Entscheidungen, wo das Individuum gar nicht die Entscheidungshoheit innehat. Beim Heizen in Wohnungen haben die Mietenden beispielsweise keinen Einfluss darauf, welches Heizsystem eingebaut ist. Umgekehrt haben die Vermieter auch nicht unbedingt ein Interesse daran, diese Heizsysteme zu erneuern, wenn das dann negativ auf ihre Rendite schlägt.

Angesichts der Komplexität dieser Fragen reicht also eine Lösung, die nur beim Einzelnen ansetzt, nicht.

Genau, hier braucht es politische Veränderungen in den Rahmenbedingungen. Oft ist es für den Einzelnen auch eine Überforderung, immer das Richtige zu tun. Ein Beispiel: Palmöl ist seit vielen Jahren in der Kritik wegen der damit verbundenen Abholzung von Regenwäldern. Von Konsumentenseite kam dann die Forderung, Palmölprodukte zu boykottieren, und Hersteller begannen einen beliebten süßen Brotbelag als „palmölfrei“ anzupreisen. Die Frage stellt sich aber: Was ist denn eine gute Alternative zu Palmöl? Wenn die Konsument*innen unbedingt Schokocreme wollen, braucht der Hersteller natürlich ein anderes Öl mit ähnlichen Eigenschaften. Man muss sehen: Palmöl ist viel flächeneffizienter als alle anderen Öle. Man benötigte also viel mehr Fläche, wenn man Palmöl beispielsweise komplett durch Sonnenblumenöl oder Rapsöl ersetzen wollte, was sich ebenfalls negativ auf die Biodiversität auswirkt.

Der wissenschaftliche Diskurs hat sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie teilweise in die Öffentlichkeit verlagert. Damit ist die Wissenschaft selber unter Beschuss geraten.

Ja, richtig. Wenn man sich jetzt als Forscher*in aus dem „Elfenbeinturm“ heraus in die Öffentlichkeit begibt, gerät man zwangsläufig in manchmal heftige gesellschaftliche Interaktionen. Das gehört ein Stück weit dazu, erfordert natürlich aber auch sehr viel Selbstreflexion darüber, was wir als Forscher*innen tun. Wie können wir auftreten? Was ist noch Wissenschaft, wo beginnt ein anderes Feld? Insgesamt ist das Vertrauen in die Wissenschaft in der Corona-Zeit aber gestiegen. Das belegen etwa die jüngsten Zahlen des Wissenschaftsbarometers.

Ich selber arbeite ja zu Nachhaltigkeitsthemen. Es geht hier um die Wichtigkeit von sozial-ökologischen Systeminteraktionen und die Berücksichtigung von verschiedenen Zieldimensionen wie Nahrungsmittelsicherheit und Biodiversitätsschutz: Zum Beispiel: Weshalb ist eigentlich dieses Corona-Virus entstanden?

Also reicht es nicht, einfach mit dem Finger auf die Wildtiermärkte in China zu zeigen.

Wildtiermärkte könnten ihren Anteil an dem Ausbruch haben, aber Wildtiere sind für viele Menschen auf dieser Welt auch eine wichtige Nahrungsgrundlage. Die Ursachen liegen viel tiefer. Menschliche Aktivitäten prägen heute auch die entlegensten Ökosysteme und haben die Interaktionen zwischen Wildtieren, Menschen und Pathogenen verändert. Forscher*innen fragen daher heute, inwiefern die Entwicklung von Zoonosen mit Landdegration oder mit Ausdehnung von Siedlungsflächen zu tun haben.

Zu Ihrem wissenschaftlichen Werdegang. Sie sind ursprünglich Geographin, haben daneben auch noch einige andere Fächer studiert.

Ich habe gleichwertig Human- und Physiogeographie studiert, meine Nebenfächer waren Biologie und Recht. Damit habe ich von Anfang an interdisziplinär studiert und später auch geforscht. Das sind nicht nur unterschiedliche Gegenstände, sondern auch unterschiedliche Denkweisen. Das war sicherlich ganz wichtig für meinen beruflichen Werdegang. Im Fachbereich Biowissenschaften, wo meine Professur angesiedelt ist, ist mein Profil auch komplementär. Da ich auch Biologie studiert habe, bringe ich eine Öffnung hin zu den Sozial- und Geisteswissenschaften ein.

Wie würden Sie Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre beschreiben?

Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Rolle von Wissen in Nachhaltigkeitstransformationen: Was sind die Mechanismen, wie sich Wissen in Handeln übersetzt? Und die zweite Frage, die mich sehr stark interessiert, ist die Frage der Gerechtigkeit: Gerechtigkeit zwischen den Generationen, heutigen, zukünftigen. Aber auch Gerechtigkeit zwischen den Menschen, die heute auf der Erde leben, vor allem eine Gerechtigkeit zwischen dem Norden und dem Süden. In der universitären Lehre ist für mich wichtig, dass die Studierenden, die aus einer bestimmten Disziplin kommen, durch die Seminare der Sozialen Ökologie die inter- und transdisziplinären Kompetenzen kennenlernen. Mein Seminar, das ich im kommenden Wintersemester anbieten werde, ist dem Thema Synergien und Trade-offs (Zielkonflikte) zwischen Biodiversität, Klimawandel und nachhaltiger Entwicklung gewidmet. Wir alle hätten gerne einfache Lösungen. Das wird aber der Komplexität nicht gerecht. So wurden zwar viele erneuerbare Energien im Zusammenhang mit Klimaschutz entwickelt, diese müssen aber nicht zwingend auch den Erhalt der Biodiversität fördern. Nehmen wir das Beispiel Wasserkraftwerke: Wenn viele Flüsse verbaut werden, um Wasserkraft zu generieren, hat das einen negativen Einfluss auf die Biodiversität. Mit dem jüngsten IPCC/IPBES-Bericht (The Intergovernmental Panel on Climate Change/Intergovernmental Science- Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) ist klargeworden, dass man diese Ziele von Anfang an zusammendenken muss. Das möchte ich auch mit den Studierenden gemeinsam erörtern, damit sie ihr kritisches Denken auf diesem Gebiet schulen.

Muss man als Forscherin eigentlich Optimistin sein, um sich mit ganzer Kraft dem Thema Nachhaltigkeit zu widmen?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich besonders optimistisch bin (lacht). Die bereits genannten Themen meiner Forschung sind für mich aber so fundamental, man muss einfach daran arbeiten. Dies zu tun, ist die Voraussetzung dafür, dass eine Transformation gelingen wird. In den letzten Jahren sind in der Debatte die Stimmen der jungen Menschen dazugekommen, die wirklich noch mal ganz anders von diesen Fragen der Nachhaltigkeit betroffen sind. Für sie tue ich das.

Fragen: Dirk Frank

Seit 1. April 2021 ist Flurina Schneider neue wissenschaftliche Geschäftsführerin des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung. Sie hat damit die Nachfolge von Thomas Jahn angetreten, der das ISOE 1989 mitbegründet hat. Zeitgleich hat Flurina Schneider eine Professur für Soziale Ökologie und Transdisziplinarität am Fachbereich Biowissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt angetreten. Damit wollen das ISOE und die Goethe-Universität ihre langjährige Kooperation in Forschung, Lehre und Transfer vertiefen. Die Professur ist die erste mit dieser Ausrichtung in Deutschland. Schneider hat sich 2016 zum Thema transdisziplinäre und transformative Forschung für Nachhaltige Governance von natürlichen Ressourcen mit Blick auf Generationengerechtigkeit an der Universität Bern habilitiert. Ihr wissenschaftliches Tätigkeitsgebiet erstreckt sich über weite Bereiche der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung: von bodenschonenden Anbausystemen und Qualitätssicherung von Öko-Produkten über Gerechtigkeit im Bereich Land- und Wasser-Governance bis hin zu Forschungsprojekten, welche sich mit der Rolle von transdisziplinärer Wissensproduktion in Nachhaltigkeitstransformationen beschäftigen.

Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Flurina Schneider: »Forschung für nachhaltige Entwicklung – von Wissensprozessen und Gestaltungsoptionen«

20. Oktober 2021, ab 13.00 Uhr, Hörsaal 2, Otto-Stern-Zentrum, Campus Riedberg


https://www.isoe.de


Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 5/2021 (PDF) des UniReport erschienen.