UniReport: Frau Dr. Hoppe, Herr Prof. Lemke, beim Begriff des Materialismus denken viele wahrscheinlich zuerst an eine philosophische Denkrichtung, die prinzipiell vom Primat des Materiellen ausgeht. Was unterscheidet den »Neuen Materialismus«, den Sie in Ihrem Buch vorstellen, aber nun von älteren Denkschulen und -traditionen?

Katharina Hoppe/Thomas Lemke: Die Neuen Materialismen gehen in der Tat von einem solchen Primat aus. Anders als in „älteren“ materialistischen Traditionen – wie etwa dem Marxismus – geht es aber nicht so sehr um eine Konzentration auf gesellschaftliche Verhältnisse im engeren Sinn, wie etwa die Produktionsverhältnisse, sondern darum, Materie als eine aktive Kraft zu verstehen, die wirkmächtig ist und die menschliches Leben überhaupt erst ermöglicht. Das bedeutet, die Neuen Materialismen problematisieren die Vorstellung, Materialität als etwas Passives aufzufassen, das „wir“ ausbeuten, auf das „wir“ zugreifen, das „einfach so“ da ist. Reizvoll an einer solchen Perspektive ist, dass die Verhältnisse zwischen Mensch auf der einen und Natur/Technik auf der anderen Seite weniger als Gegensatzpaar, sondern als ein Kontinuum in den Blick kommen können. Dann kann in einem zweiten Schritt untersucht werden, wie die konkreten Grenzziehungen funktionieren, die Menschen von Nicht-Menschen, Natur von Kultur, Materie von Geist unterscheiden und mit unterschiedlichen Wertigkeiten versehen. Auf diese Weise zeigen die Neuen Materialismen, dass unser Verhältnis zur materiellen Welt historisch und kulturell spezifisch ist – und es auch anders sein könnte.

Von einer »Handlungsfähigkeit jenseits des menschlichen Subjekts« ist öfter im Buch die Rede, auch davon, dass Materie nicht als »stumme Verhandlungsmasse« und »einfaches Objekt menschlichen Zugriffs« verstanden werden solle. Ergibt sich damit eine große Nähe zum ökologischen »grünen« Denken der heutigen Zeit oder wäre das eine zu simpel gedachte Verbindung?

Zunächst einmal sind die Neuen Materialismen eine Gegenbewegung, die die starke Fokussierung auf soziale Konstruktionen, kulturelle Praktiken und diskursive Prozesse in den Kultur- und Sozialwissenschaften kritisiert. Sie betonen, dass Materie zu häufig als passive Ressource oder einfacher Rohstoff menschlichen Handelns betrachtet werde, ohne dass deren Eigensinn oder Wirkmacht in den Blick komme. Hier ist ganz sicher eine Verbindung zu einem umfassenden Konzept von Ökologie zu beobachten, in dessen Mittelpunkt die Beziehungen zwischen Natur und Kultur, Gesellschaft und Technologie stehen. Daraus leiten manche Vertreter*innen der Neuen Materialismen ein anderes Naturverständnis und eine alternative Politik und Ethik ab. In dieser sind Politik und Ethik nicht auf menschliche Subjekte beschränkt, sondern es ist notwendig, auch nicht-menschliche Entitäten wie Tiere oder Flüsse als Akteure mit eigenen Interessen und Rechten zu berücksichtigen. Diese Dezentrierung des Menschlichen ist nicht so sehr ein Ignorieren des Menschen, sondern lädt dazu ein, darüber nachzudenken, welche vielfältigen Beziehungen, an denen Dinge, Tiere oder Mikroorganismen ebenso beteiligt sind wie menschliche Akteure, eigentlich ein gutes Leben ermöglichen. Das verändert die Sichtweise und kann auch ökologisches Denken informieren.

Große Herausforderungen für die Menschheit wie der Klimawandel oder ganz aktuell die Corona-Pandemie sprechen »natürlich« zuerst einmal Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften an. Besitzen diese damit eine gewisse Dominanz in dem Paradigma der Neuen Materialismen gegenüber den Sozial- und Kulturwissenschaften? Oder wie ist das Verhältnis zwischen den Disziplinen zu denken?

Eine wichtige Stärke der neuen Materialismen besteht sicher darin, traditionelle disziplinäre Grenzziehungen zwischen den Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften auf der einen und den Kultur- und Sozialwissenschaften auf der anderen Seite infrage zu stellen. Es geht ihnen um einen inter- oder transdiziplinären Austausch und darum, etablierte wissenschaftliche Kategorien und disziplinäre Routinen produktiv zu irritieren. Zentral ist dabei die Annahme, dass wir aktuellen Problemen und Herausforderungen wie der Klimakrise, dem Biodiversitätsverlust oder Digitalisierungsprozessen nur durch die Zusammenführung und den Dialog zwischen unterschiedlichen Wissensformen begegnen können. Die Einbeziehung kultur- und sozialwissenschaftlicher Expertise ist dabei von entscheidender Bedeutung.

Herr Lemke, Sie forschen selber zur Kryotechnologie – wie mit modernen Technologien des Einfrierens Lebensprozesse verändert und gestaltet werden. Inwiefern öffnen dabei die Konzepte und Methoden des Neuen Materialismus den Deutungshorizont?

Thomas Lemke: Grundlegend für unser Projekt CRYOSOCIETIES ist zunächst einmal die produktive Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen und medizinischen Wissensbeständen. Wichtig ist für mich dabei auch der neomaterialistische Impuls, Natur oder Biologie nicht als stabile oder statische Kategorien zu begreifen, sondern das mobile Zusammenspiel von stofflichen Entitäten auf der einen und Zeit- und Raumrelationen auf der anderen Seite zu untersuchen. Hier ist im Kontext unseres Projekts interessant, wie sich über die Möglichkeiten der Kryokonservierung Zeitregime verändern und neue Archive und Depots entstehen – die Kryobanken –, die Materie in einer bestimmten Form vorhalten und verfügbar machen. Das Einfrieren etwa von Eizellen, Nabelschnurblut oder von Zellen ausgestorbener Tiere unterbricht vitale Prozesse wie Altern und Fortpflanzung und verschiebt sie in die Zukunft, das Leben wird suspendiert oder aufgeschoben. Damit verlängert sich in gewisser Weise die Gegenwart, sie vergeht nicht. Gleichzeitig geht es bei den Kryobanken in der Regel nicht um die Dokumentierung oder Konservierung an sich, sondern darum, Handlungsoptionen für die Zukunft zu sichern –, selbst dann, wenn diese gegenwärtig vielleicht noch gar nicht absehbar sind oder momentan in den Bereich der Fiktion gehören.

Frau Hoppe, Sie haben sich unter anderem intensiv mit Geschlechterverhältnissen und Intersektionalität beschäftigt. Wo sehen Sie Schnittstellen zu den Neuen Materialismen?

Katharina Hoppe: Viele Positionen im Feld Neuer Materialismen kommen aus der feministischen Theorie und Wissenschaftsforschung. Insofern gibt es da von Beginn an wichtige Überschneidungen: Das Denken in Relationen statt in Substanzen ist ein im Kern feministisches Anliegen. Es ermöglicht, die Bedingungen und Verhältnisse in den Blick zu nehmen, die beispielsweise Geschlecht in jeweils historisch spezifischen Ausprägungen hervorbringen. Eine Erweiterung des Blicks auf nicht-menschliche Relationen ist für dieses Forschungsfeld versprechend, um Ungleichheitsverhältnisse umfassend in den Blick zu nehmen. Die Pandemie etwa hat unterstrichen, dass Gesellschaft sich nicht allein aus sozialen Beziehungen zusammensetzt, sondern dass auch Speichel und Atem uns aneinanderbinden, was zudem die feministische Einsicht geteilter Verwundbarkeit erfahrbar werden ließ. Das Virus, das ohne Sozialität überhaupt nicht fortbestehen kann, unterstreicht die neomaterialistische These, dass Biologisches und Soziales zusammenhängen. Allerdings sind eben auch vor dem Virus nicht alle gleich: Vielmehr sind (systemrelevante) Arbeiter*innen, häufig auch migrantisierte Personen Gefahren viel stärker ausgesetzt: Intersektionale Forschungen können – auch im Dialog mit Neuen Materialismen – dazu beitragen, ein besseres Verständnis dieser vergeschlechtlichten, rassifizierten und klassenspezifisch differenzierten ungleichen Verteilungen von Verwundbarkeit zu erlangen und dabei auch den bio-sozialen Verflechtungen Rechnung tragen.

Wo kann und sollte eine Kritik an den Neuen Materialismen ansetzen, welche blinde Flecken lassen sich benennen und auch überwinden?

Das Spektrum der Neuen Materialismen ist sehr heterogen, die theoretischen Referenzen sind ebenso unterschiedlich wie die empirischen Forschungsfelder. Allerdings lässt sich bei vielen Positionen eine zu starke Orientierung an naturwissenschaftlichen Wissensbeständen beobachten, die manchmal die Vorzüge sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung wieder verspielt. Ein weiteres Problem ist, dass einige Autor*innen sich auf eine Kritik des Anthropozentrismus beschränken und Handlungsfähigkeit einfach auf weitere Akteure wie Tiere oder technische Artefakte ausdehnen, ohne jedoch die strukturellen Asymmetrien und faktischen Ungleichgewichte zwischen den unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten (auch innerhalb menschlicher Gesellschaften) angemessen zu berücksichtigen.

Fragen: Dirk Frank

Katharina Hoppe, Thomas Lemke
NEUE MATERIALISMEN ZUR EINFÜHRUNG
Junius Verlag 2021


Seit etwa zwanzig Jahren findet in den Kultur- und Sozialwissenschaften eine wichtige Akzentverschiebung statt: Materialitäten, Objekte und Artefakte erfahren zunehmend wissenschaftliche Aufmerksamkeit und werden neu konzeptualisiert. Im Mittelpunkt stehen dabei die sogenannten Neuen Materialismen, die das dynamische Zusammenspiel von Bedeutungsprozessen und materiellen Gefügen untersuchen. Dieser Einführungsband bietet erstmals einen Überblick über zentrale Debattenstränge dieser Forschungsperspektive. Er stellt wichtige Vertreter*innen des Neomaterialismus wie Jane Bennett, Karen Barad, Rosi Braidotti und Donna Haraway vor und zeigt deren Innovationspotenzial ebenso auf wie analytische Inkonsistenzen und konzeptuelle Leerstellen. Katharina Hoppe ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt; Thomas Lemke ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Biotechnologie, Natur und Gesellschaft an der Goethe-Universität Frankfurt.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 3/2021 (PDF) des UniReport erschienen.