Prof. Marcus Willaschek ist Professor für die Philosophie der Neuzeit an der Goethe-Universität. Foto: Lecher

UniReport: Herr Professor Willaschek, Sie sind Philosoph und Kant-Experte – empfinden Sie die Debatte um Kants Rassismus als fruchtbar im Hinblick auf die Kant-Forschung? Kam Neues ans Tageslicht, inwiefern waren Kants Positionen schon bekannt?

Marcus Willaschek: Grundsätzlich sind Kants Aufsätze über Menschenrassen und seine herabsetzenden Äußerungen über Menschen nicht-weißer Hautfarbe natürlich seit Langem bekannt und sie wurden in der Kant-Forschung untersucht und kritisch diskutiert. Doch auch in der wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema gibt es, von Ausnahmen abgesehen, die Tendenz, die sich nun auch in den Feuilletons zeigt, Kant entweder zu verteufeln oder pauschal zu entschuldigen. Weil die aktuelle Debatte das Thema Rassismus bei Kant in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt hat, habe ich die Hoffnung, dass wir nun zu einer differenzierteren Einschätzung als bisher üblich gelangen können.

Viele empfinden die öffentliche Debattenkultur der letzten Jahre als (zu) moralisch aufgeladen. Sehen Sie auch das Problem, dass mit heutigen Begriffen und Kategorien Vergangenes kritisiert und entwertet wird? Oder ist das eigentlich ein ganz übliches Vorgehen, Denker*innen und ihr Gedachtes innerhalb eines aktuellen Deutungsrahmens zu hinterfragen?

Kant ist seit über 200 Jahren tot; es wäre völlig sinnlos, ihm persönlich Vorwürfe zu machen oder ihn zu verurteilen. Aus einer rein historischen Perspektive kann man seine Äußerungen über die angebliche Überlegenheit der Weißen, Faulheit der Afrikaner etc. in den Kontext seiner Zeit einordnen und so ein Stück weit verständlich machen, ohne Kant moralisch zu verurteilen. Als Philosoph muss ich mich jedoch auch fragen, welche Thesen und Theorien Kants heute noch überzeugend und ein Anknüpfungspunkt für unser heutiges Denken sein können. Kant kann uns noch immer wichtige Denkanstöße geben, aber manche seiner Auffassungen haben sich auch als Irrtümer erwiesen. So ist Kants Raum-Zeit-Lehre durch Einsteins Relativitätstheorie widerlegt. Genauso verhält es sich mit seiner Theorie der Menschenrassen: Aus heutiger Sicht ist sie falsch, und das gilt erst recht für die von Kant vertretene Rassenhierarchie mit den Weißen an der Spitze. Da muss man klar sagen: Hier irrte Kant!

Können Sie im Rückblick (bzw. in der Vorschau) auf die Vorträge und Debatten der Diskussionsreihe sagen, an welchen Punkten die Forscherinnen und Forscher zu unterschiedlichen Einschätzungen des Rassismus-Vorwurfs kommen, wo gab und gibt es Dissenz?

Nach der Auftaktveranstaltung ist mein Eindruck, dass die meisten Diskussionsteilnehmer nicht bestreiten würden, dass es bei Kant Äußerungen gibt, die man als rassistisch bewerten muss, dass aber noch keine Einigkeit besteht, was das genau bedeutet: In welchem Sinn des vieldeutigen Wortes „Rassismus“? Sind diese Äußerungen von zentraler Bedeutung für Kants Philosophie oder eher marginal? Und was folgt daraus für unseren Umgang mit Kants Werk und den fraglichen Stellen?

Womit wird sich die Kant-Exegese zukünftig noch stärker beschäftigen müssen?

Aus meiner Sicht ist die wichtigste Frage diejenige, wie Kants Äußerungen über unterschiedliche Menschenrassen und deren angeblich unterschiedliche Kulturfähigkeit mit seinem moralischen Universalismus vereinbar ist, der besagt, dass alle Menschen eine absolute Würde und gleiche Rechte haben. Einige Kant-Forscher sehen hier kein Problem, weil Kant alle Menschen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführe und auch den nicht-weißen Rassen das Menschsein nicht abspreche. Das ist zwar richtig, löst aber nicht das eigentliche Problem, das darin besteht, dass Kant Menschenwürde und gleiche Rechte gerade nicht an die Zugehörigkeit zur biologischen Spezies Mensch bindet, sondern an Vernunft und Willensfreiheit. Das ist schon ein Problem, wenn man an kleine Kinder, geistig Kranke und Demente denkt; es wird noch gravierender, wenn bestimmten Menschengruppen qua „Rasse“ die Vernunftfähigkeit nur eingeschränkt zugestanden wird. Hier hat Kants moralischer Universalismus eine Schwachstelle, die ihn anfällig für Versuche macht, bestimmte Gruppen (Nicht-Weiße, Frauen, Juden) auszuschließen. Ich glaube nicht, dass dieses Problem unlösbar ist, aber es ist ein ernsthaftes Problem, dem die Kant-Forschung und eine an Kant anknüpfende Ethik sich stellen müssen.

Fragen: Dirk Frank

Alle Informationen zur online stattfindenden Diskussionsreihe „Kant – ein Rassist?“ sowie die Verlinkung zu den Mediatheken bzw. den Videos findet sich hier.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 6.20 (PDF) des UniReport erschienen.