Gewächshaus im Frühjahr; Foto: Dettmar

Anne Hardy im Gespräch mit Robert Anton über das Wartenkönnen.

Robert Anton ist zuständig für die Pflege und Entwicklung der Außenanlagen aller Campi der Universität und Technischer Leiter des Wissenschaftsgartens am Riedberg. Mit seinem Team sorgt er nicht nur dafür, dass die Grünanlagen schön aussehen, sondern er stellt auch Pflanzen für Vorlesungen und Praktika bereit, unterstützt die Wissenschaftler bei Freilandversuchen und bildet Gärtner aus.

Diese Aufgaben füllen seine Zeit aus. Sein oberster Taktgeber ist dabei der Rhythmus der Natur. An diesem Wintertag hat er deswegen auch Zeit, sich mit mir zu unterhalten. »Im Winter geht alles etwas geruhsamer. Da räumen wir auf, spülen Blumentöpfe und bereiten die Aussaat im Frühling vor.« Den richtigen Zeitpunkt für die Aussaat, die Ernte, den Schnitt zu kennen, gehört zum Fachwisssen eines Gärtners.

Doch wirtschaftliche Interessen erlauben es ihm nicht immer, diesen Zeitpunkt auch abzuwarten. Bevor er an die Goethe-Universität kam, arbeitete Robert Anton als Landschaftsarchitekt in einem renommierten Gartenbau-Unternehmen. Er plante Gartenanlagen für reiche Leute, die gern sofort Ergebnisse sehen. »Sie wollten nicht akzeptieren, dass man Pflanzungen während einer längeren Regenperiode unterbrechen muss. Durch die Feuchtigkeit wird nämlich das Gefüge des Bodens zerstört. Wenn man nicht wartet, bis der Boden zur Ruhe gekommen ist, wachsen die Pflanzen nicht gut an«, erklärt er. An der Universität gibt es zwar auch Termindruck, jedoch mit der Möglichkeit, langfristig zu planen. Aber manchmal müssen seine Gärtner doch in die Trickkiste greifen; beispielsweise, wenn die Natur hinter dem Vorlesungsplan zurückbleibt.

In einem kalten Frühjahr müssen sie schon mal Tulpen aus dem Freiland ausgraben und im Gewächshaus vortreiben, damit für die Lehre rechtzeitig blühende Pflanzen zur Verfügung stehen. »Wir manipulieren dann doch«, erklärt Anton. Darauf warten zu können, dass etwas wächst, gehört zu den Tugenden des Gärtners. So manche fürstliche Gartenanlage wie in Potsdam, Schönbusch oder Pranitz hat der planende Landschaftsgärtner nie in voller Pracht gesehen.

Gewächshaus im Winter; Foto: Robert Anton

Das ist heute nicht anders als damals. Zwar gibt es heute die vergleichsweise teure Möglichkeit, größere Bäume zu verpflanzen, aber auch dann muss man drei bis vier Jahre warten, bis sie angewachsen sind und sich weiterentwickeln. »Diese Zeit kann man mit Geld nicht kaufen.«

Robert Anton weiß, dass er die Bäume auf dem Erweiterungsgelände des Wissenschaftsgartens am südöstlichen Hang des Riedbergs nicht mehr im ausgewachsenen Zustand erleben wird. Gärtner sein heißt auch, uneigennützig für kommende Generationen zu arbeiten. Das wussten schon unsere Großväter, als sie entlang der Landstraßen Bäume pflanzten, damit sie einst ihren Kindern Schatten spenden würden.

Obendrein ist das Warten nicht immer von Erfolg gekrönt, denn die Natur hat ihre Launen. Im Herbst hat das Team von Robert Anton 5 000 Frühlingsblumenzwiebeln auf der Wiese vor dem Wissenschaftsgarten gepflanzt: Narzissen, Tulpen, Krokusse, Iris, Schneeglöckchen. Wie viele davon im Frühjahr blühen werden, hängt von den Temperaturen und dem Niederschlag im Winter ab.

Ist der Boden von einer schützenden Schneedecke bedeckt, sind Minusgrade für die Pflanzen kein Problem, weil der Boden dann nicht durchfriert. Aber auch Kaninchen und Mäuse könnten sich über die Blumenzwiebeln hermachen. »Soweit ich das in der Literatur finden konnte, habe ich Sorten ausgewählt, die Kaninchen nicht schmecken. Aber es liegt nicht alles in unserer Hand«, sagt Robert Anton.

Genauso kann es passieren, dass Samen mit einer langen Keimzeit von einem Pilz befallen werden oder eine Aussaat von Wiesenblumen nicht aufgeht, weil es ein paar Tage zu trocken ist. Dennoch: Wenn ein Gärtner viel weiß, kann er vorbeugen. In diesem Punkt ähnelt er dem guten Arzt, der dafür sorgt, dass seine Patienten gar nicht erst krank werden.

So schützten die erfahrenen Gärtner die kälteempfindlichen Bäume im Herbst, indem sie sie mit einem Ring aus Hasendraht umgeben und diesen mit wärmendem Laub füllen. Die Setzlinge mediterraner Steineichen, die Prof. Wolfgang Brüggemann im Herbst für einen großen Freilandversuch gekauft hat, bewahrt Anton diesen Winter vorsichtshalber im Gewächshaus auf.

Robert Anton ist Technischer Leiter des Wissenschaftsgartens am Riedberg und der Außenanlagen aller Campi der Universität; Foto: Dettmar

Brüggemann will prüfen, ob die Wärme und Trockenheit liebenden Bäume sich den Bedingungen des Klimawandels in unseren Breiten besser anpassen können als die heimischen Buchen und Eichen. »Wenn die jungen Bäume gleich in ihrem ersten Winter erfrieren, verzögert sich das Forschungsprojekt um ein Jahr. Da ist es sicherer, sie erst im Frühjahr ins Freiland zu setzen«, meint Robert Anton.

Besondere Fürsorge benötigen die vielen Pflanzen von der südlichen Erdhalbkugel, die im Gewächshaus des Wissenschaftsgartens stehen. Ihre Rhythmen unterscheiden sich oft von den Bedingungen auf der Nordhalbkugel. Hier ist es für den gärtnerischen Erfolg wichtig, die gewohnten klimatischen Bedingungen für diese Pflanzen möglichst genau nachzuahmen – und zwar meist unabhängig von unseren Jahreszeiten.

Robert Anton und sein Team lieben die Arbeit im Rhythmus der Natur und den Wechsel der Jahreszeiten. Am Tag vor meinem Besuch hat der Riedberg noch unter einer Schneedecke gelegen. »Da haben wir uns alle gefreut wie die Kinder und sind draußen herumgelaufen, um Fotos zu machen«, berichtet Robert Anton. Er mag es auch, wenn auf die Kargheit des Winters die Fülle einer Kirschblüte folgt.

»Wir setzen uns für Besprechungen oft auf eine Bank ins Freie, damit wir die Natur in all ihrer Schönheit erleben können«, erklärt Anton. Er ist ein geduldiger Mensch. Und obwohl Warten zu seinem Metier gehört, hat er sich seit Jahren nicht mehr gelangweilt.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.2017 des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt erschienen.