Mit der Vorlesungsreihe »Whose Gender? Whose Sex? Zur Polyvalenz der Geschlechterverhältnisse im Islam« hat das Cornelia Goethe Centrum ein relativ neues, vielschichtiges und zudem auch aktuelles Themenfeld erschlossen. Helma Lutz, Marianne Schmidbaur und Meltem Kulaçatan über die Genese der Reihe, über neuere Debatten im Feminismus und über die aktuellen Bezüge zu den antimuslimischen Vorfällen in Hanau.

UniReport: Frau Professor Lutz, Frau Dr. Schmidbaur, Frau Dr. Kulaçatan, wie ist Ihr bisheriger Eindruck nach den ersten Vorträgen, findet das Thema Zuspruch?

Helma Lutz: Ich denke, dass wir auf ein sehr großes Interesse stoßen. Beim ersten Vortrag von Katajun Amirpur waren über 150 Zuhörer* innen anwesend! Was uns besonders freut: Auch viele unserer Studierenden, die Meltem Kulaçatan und ich aus dem Begleitseminar zur Vorlesung kennen, sind stark vertreten.

Marianne Schmidbaur: Die Vorträge sind einerseits sehr fundiert und breit angelegt, andererseits aber auch sehr verständlich und kommen weitgehend ohne Fachsprache aus. Das ist gerade für Studierende als auch für eine interessierte Öffentlichkeit sehr passend. Ich freue mich, dass wir die Vortragenden für die Reihe gewinnen konnten, das ist ja auch eine Vertiefung von bestehenden Kooperationen.

Meltem Kulaçatan: Wir hatten bei der Konzeption der Reihe die Idealvorstellung, dass wir Menschen erreichen können, die offen sind für eine interdisziplinäre Perspektive, unabhängig von ihrer Vorbildung und ihrer Anbindung an eine wissenschaftliche Einrichtung. Das ist uns wohl gelungen. Wir erreichen damit auch Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte, für die religiöse Praktiken und ästhetische Formen des Islam in ihrer Arbeit mit Schüler*innen und Klient*innen vertraut sind. Schön ist auch, dass das digitale Format bislang so gut angenommen wird – die Zuhörer*innen bleiben bis zum Schluss der Veranstaltung und nutzen den Chatkanal, um Fragen zu stellen.

Fehlte das Thema islamischer Feminismus bislang im universitären Kontext?

Marianne Schmidbaur: „Frauenrechte sind Menschenrechte“ ist in den Genderstudies und der feministischen Forschung grundsätzlich tief verankert. Wir hatten bereits 2002 eine von Ute Gerhard und Mechthild Rumpf organsierte Tagung „Facetten islamischer Welten“. Eine Colloquiumsreihe im Wintersemester 2012/13 war dem Thema „Geschlechterverhältnisse in den Weltreligionen“ gewidmet. Im Prinzip hat das Thema Islam für das Cornelia Goethe Centrum immer schon eine große Rolle gespielt: zum einen aus dem wissenschaftlichen Diskurs heraus, zum anderen aber auch wegen der engen Verbindung zur Frankfurter Stadtöffentlichkeit, weil hier Islam und Religiosität eine tragende Rolle spielen.

Meltem Kulaçatan: Wir wissen alle, dass ein Thema wie religiöse Kleidungsformen zum Teil als Reizthema behandelt wird, mit Zuspitzungen und Spannungen. Da hat sich auch eine gewisse Überdrüssigkeit eingestellt. Daher sollten wir als interdisziplinär Forschende uns solchen Fragen widmen: Welche Machtverhältnisse und welche politische Praktiken spielen in solchen Diskussionen eine Rolle?

Am Ende der Reihe wird es in einer Podiumsdiskussion auch um »anti-muslimischen Rassismus « gehen. Wie ist dieser Aspekt eingebettet?

Meltem Kulaçatan: Die Podiumsdiskussion am Ende unserer Vorlesungsreihe unterscheidet sich sicherlich von den anderen Vorträgen in ihrer Ausrichtung. Helma Lutz und mich hat in der Lehre sehr beschäftigt, wie verunsichernd die Vorfälle in Hanau für viele unserer Studierenden waren. Einige kannten die ermordeten Menschen, standen mit ihnen in Verbindung. Es gab an der Uni aber keinen Raum, sich darüber zu verständigen. Zwar kann unser Colloqium diesen Wunsch nicht erfüllen, aber wir können sehr wohl darüber sprechen, was ein solcher Anschlag nicht nur für die muslimische Minderheit, sondern auch für andere Minderheiten in einer Metropolregion wie Frankfurt bedeutet.

Katajun Amirpur hat in ihrem Vortrag den islamischen Feminismus vorgestellt und beispielsweise ausgeführt, wie wichtig die Koran-Exegese für dessen Vertreterinnen ist. Stellt das für den westlichen, traditionell eher säkular geprägten Feminismus eine große Herausforderung dar, sich mit diesen neuen Impulsen und Ansätzen auseinandersetzen zu müssen?

Meltem Kulaçatan: Das ist eine interessante Frage. Es ist eine Frage der Übersetzbarkeit von Begriffen: Muss der Begriff „Feminismus“ in den jeweiligen Landessprachen Verwendung finden, damit man vom Feminismus dort überhaupt sprechen kann? Oder gibt es nicht auch eine Verschränkung von politisch-säkularen Konstellationen und religiösen Bewegungen? So war die Iranische Revolution ursprünglich marxistisch orientiert, auch wenn man immer vom religiösen Fundamentalismus spricht. Wir haben auch beim sogenannten Arabischen Frühling gesehen, dass dort viele Frauen und Transmenschen auf die Straße gegangen sind und sich gegen die autoritären Regierungen gestellt haben. Dabei haben sie sich mehr Unabhängigkeit imperialistisch agierenden Nationalstaaten erhofft, die frauenrechtspolitische Anliegen als politische Interventions- und Konfliktstrategie verwenden. Säkular geprägte Frauenrechtlerinnen sagen den islamischen Feministinnen: „Moment mal, die Religion ist doch von Vorneherein patriarchalisch ausgerichtet, Ihr belügt euch doch!“ Man muss aber sehen, dass bei den religiös ausgerichteten Bewegungen verschiedene Flügel vorhanden sind, die Gleichberechtigung durchaus religiös begründen oder mit juristischen und ökonomischen Themen verschränken. Das umfasst Themen wie Kindererziehung oder den Zugang zum Arbeitsmarkt. Das Unverständnis in Europa resultiert aus der fehlenden Imagination, dass hier eine monotheistische Religion, also der Islam, als Ressort interpretiert werden könnte, um Geschlechtergerechtigkeit zu erzielen. Der Dialog darüber ist aber sicherlich noch nicht abgeschlossen.

Helma Lutz: Ich fand in dem Vortrag von Katajun Amirpur sehr interessant, dass es im Iran einmal eine Zeitschrift gegeben hat, bei der säkulare und religiöse Frauenrechtlerinnen eng zusammengearbeitet haben. Solche Kollaborationen entstehen dort, werden hier im Westen aber nicht wahrgenommen. Auch im deutschen Feminismus hat es viele Debatten über Religiosität gegeben. Feministische Theologinnen haben sich an einer neuen Interpretation von religiösen Texten versucht. Da sehe ich durchaus Parallelen zum islamischen Feminismus.

Marianne Schmidbaur: Ein Spannungsverhältnis zwischen säkularen und religiösen Feministinnen ist sicherlich vorhanden. Aber die Debatte wird durchaus auch als Bereicherung gesehen. Im westlichen Feminismus hat die Kritik am kolonialen Erbe und damit die Selbstkritik erheblich zugenommen.

Helma Lutz: Internationalität und Intersektionalität sind in diesem Zusammenhang wichtige Stichwörter. Annelies Moors hat bereits über die Situation in den Niederlanden referiert, Tanja Scheiterbauer wird noch über die Frauenbewegungen im Maghreb sprechen. Wenn man die beiden Aspekte zusammendenkt, dann erkennt man, dass etwa in der Türkei oder im Maghreb eine Vielfalt von Sexualitäten eine Rolle spielt. Die Annahme, dass wir im Westen alle so befreit sind – anything goes gewissermaßen –, während es im Nahen Osten ganz anders ist, ist zu kurz gedacht. Dieser Gedanke wird in jedem der kommenden Vorträge thematisiert.

Fragen: Dirk Frank

Prof. Dr. Helma Lutz ist Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität; Dr. Marianne Schmidbaur ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des CGC; Dr. Meltem Kulaçatan ist Wissenschaftliche Projektleiterin von FEM4Dem im Fachbereich Erziehungswissenschaften.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 3/2021 (PDF) des UniReport erschienen.