Christoph Schröder ist Dozent im Fortbildungsprogramm Buch- und Medienpraxis. Foto: Marijan Murat

Christoph Schröder ist Dozent im Fortbildungsprogramm
Buch- und Medienpraxis. Foto: Marijan Murat

Immer ganz knapp am Eigentlichen vorbei“, so mutmaßt Christoph Schröder, hätte Adorno das genannt, was Christoph Schröder ist. Denn Schröder ist kein Fußballspieler, er ist Schiedsrichter. Und Schröder ist kein Schriftsteller, er ist hauptberuflich Literaturkritiker. Doch Schröder hat jetzt sehr wohl ein Buch geschrieben. Eine Liebeserklärung an seine Tätigkeit als Amateurschiedsrichter und ein Erklärungsversuch überhaupt dafür, dass man jedes Wochenende freiwillig zu einem Fußballplatz irgendwo in Hessen tingelt, sich körperlich verausgabt und dann auch noch Entscheidungen trifft vor einem Publikum von 200 Menschen, die entweder der einen Hälfte oder der anderen Hälfte gegen den Strich gehen und die man obendrein oft genug selbst hinterfragt. Dafür bekommt man dann 20 – 40 Euro Spesen plus Fahrtkosten und vielleicht noch einen feuchten Händedruck obendrauf.

„Muss man da nicht ein Masochist sein und ein Sadist vielleicht noch dazu?“, fragt sich sogar der Autor selbst. Nicht selten kommt es zu Anfeindungen, Beschimpfungen und gar Ausschreitungen von Gewalt. Beinahe jedes Wochenende bekommt irgendwo in Hessen ein Schiedsrichter „einen auf die Nuss“. Würde das Schröder auch passieren, so würde er seine Pfeife samt 27-jähriger Laufbahn als Schiedsrichter an den Nagel hängen. „Das wäre vor 15 Jahren anders gewesen, da hätte ich vielleicht gedacht, dass so etwas dazu gehört. Aber mit Anfang 40 muss das nicht mehr sein.“

»Mut ist ein ganz wichtiger Aspekt«

Die Gewalt im Fußball sei schon ein großes Problem. Ein Problem, das von außen an den Sportplatz herangetragen würde. „Da werden gesellschaftliche Probleme ausgefochten.“ Oft müssen Spiele auch abgebrochen werden, weil sich Mannschaften oder Zuschauer untereinander prügeln. Dann stehen die Schiedsrichter und manchmal gar die Mannschaften fassungslos auf dem Platz und müssen die Eskalation mit anschauen.

Dennoch ist der Amateurfußball ein Zeichen für Christoph Schröder, gerade in ländlichen Gebieten, dass Gemeinschaftswesen noch funktioniere. „Find‘ doch mal Leute, die irgendwie was in der Birne haben, die jung sind und die bereit sind, in einem Verein ein Ehrenamt zu übernehmen.“ Früher sei das noch etwas Anderes gewesen. Da habe man seine Lehre bei Opel gemacht, wurde übernommen und hat vielleicht noch seinen Meister gemacht „und dann war’s das für die nächsten 40 Jahre und ab 18 Uhr hatte man Freizeit“. Heute sei der berufliche Druck, weiterzukommen, immens und das Freizeitangebot auch ein völlig anderes. Da hätten sich die Vereinsstrukturen natürlich schon auch verändert.

»Die Bratwurst als ewige Konstante im rasenden Wandel der Zeit«

So ist dem Autor selbst nicht klar, wie er zu dieser Laufbahn gekommen ist. Er ist sich bis heute nicht sicher, ob er es seiner Souveränität zu verdanken hat oder mangelndem Talent. Doch selbst das würde noch lange nicht erklären, wieso er über ein Vierteljahrhundert Schiedsrichter blieb. Anfangs sperrte sich Schröder nach dem ein oder anderen gepfiffenen Spiel in der Schiedsrichterkabine ein und rauchte gleich mehrere Zigaretten hintereinander.

Heute weiß er, wie zentral Konstitution beim Pfeifen ist, hat das Rauchen aufgegeben und gelernt, mit seinen Entscheidungen zu leben. Denn auch Fehlentscheidungen sind nicht unwichtig für den Fußball. „Falsche Schiedsrichterentscheidungen sind der Nährboden für die Legenden und großen Erzählungen des Fußballs, sagt der Pathetiker. Falsche Schiedsrichterentscheidungen sind scheiße, aber unvermeidbar“, sagt Schröder. Er hat sich dennoch in seiner langjährigen Tätigkeit angewöhnt, sein Auto vorsichtshalber nicht auf dem Schiedsrichterparkplatz zu parken, sondern „gerne in einer Seitenstraße“.

»Der Zündstoff, der die Flamme des Mythos Fußball immer wieder anfacht«

Als Schiedsrichter hat man oft selber die „Arschkarte“ gezogen (Schiedsrichter tragen die rote Karte übrigens in der rechten hin- teren Gesäßtasche). Denn sie sind selten viel beachtete Figuren und noch seltener eine beliebte Figur. Wenn ihnen Beachtung geschenkt wird, dann meistens keine positive. Dabei sind sie für das Spiel zentral und ihre Leistung nicht unbeachtlich. Sie sind nicht nur dazu da, um Regeln Geltung zu verschaffen, sie können das Spiel auch lenken. So unterscheiden Schiedsrichter untereinander zwischen „Spielverwaltern“ und „Spielleitern“.

Die Dynamik eines Spiels ist komplex und es ist eine Herausforderung mit dem einzelnen Spieler auf die jeweils richtige Art umzugehen, sodass es zu einem ausgeglichenen und produktiven Spiel wird. „Der Schiedsrichter als Mensch prägt das Spiel. Und umgekehrt.“ Schröder hat über die Jahre einige Strategien entwickelt, mit denen er sich das Leben als Schiedsrichter leichter macht. Und diese Strategien sind nicht nur für den Platz nützlich.

So kann es auch kein Zufall sein, dass Schröder hauptberuflich Literaturkritiker geworden ist, die Parallelen sind evident. Entscheidungen müssen getroffen und begründet werden, man macht sich angreifbar und muss es aushalten. „Wenn die Hauptbestandteile eines zeitintensiven Hobbies, welches man die meiste Zeit seines Lebens betreibt, Stress und Konfrontation sind, muss das irgendwie auf die Persönlichkeit abfärben.“

„ICH PFEIFE!“ ist nicht nur ein Erklärungsversuch für ein ungewöhnliches Hobby, es ist eine Liebeserklärung an den Amateurfußball. Raubeinig wie er ist, verkörpert er alles, was am Fußball liebenswert ist. Das Buch ist gespickt mit Anekdoten aus dem Fußball, verquickt mit Persönlichkeit und der eigenen Lebensgeschichte. Fußball aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive. Irgendwie versteht man das Ganze dann doch. Auch wenn man sonst vielleicht nicht viel vom Fußball versteht. Und eigentlich ist es dann gar nicht so am Eigentlichen vorbei. [Autorin: Tamara Marszalkowski]

blog_vorschau_uni-reportDieser Artikel ist in der UniReport-Ausgabe 5-2015 erschienen.

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