©Benjamin André

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Am dritten Abend der Frankfurter Bürger-Universität zum Thema „TATORT-Forschung“ ging es um die moderne Forensik: Wie verändert die DNA-Analyse die Ermittlungsarbeit, welche Potenziale und Gefahren lauern in einer wissenschaftlich fundierten Datenanalyse am Tatort?

Prof. Matthias Jahn, Rechtswissenschaftler an der Goethe-Universität und Richter am Oberlandesgericht, sprach in seinem kurzen Einführungsvortrag bereits zentrale Diskussionspunkte des Bürger-Uni-Abends in der Stadtbibliothek an: In der Tatort-Reihe im Fernsehen, so Jahn, agierten Juristen sehr häufig als Bedenkenträger, die den Kommissaren pausenlos bei der Ermittlung Steine in den Weg legten. Diese Bedenken seien aber im beruflichen Alltag auch notwendig und sinnvoll, um Schnellschüsse zu vermeiden.

Es sei eine irrige Annahme, von „objektiven“ Spuren eines Verbrechens auszugehen. Die Spuren am Tatort bedürften immer einer subjektiven Deutung. Eine unendliche Ausweitung der Datenerfassung sei weder machbar noch aus strafrechtlicher Sicht sinnvoll, betonte Jahn. Darin stimmte ihm DNA-Analytiker Dr. Harald Schneider vom Hessischen Landeskriminalamt zu: „Bei der Aufklärung eines Verbrechen massenhaft genetische Spuren zu erfassen und auszuwerten, würde unsere Kapazitäten übersteigen.“ Zwar hinterlasse jeder Täter Spuren, jedoch gelte es, über Hypothesenbildungen zum Ablauf der Tat sich auf bestimmte Spuren zu konzentrieren.

Die zielgerichtete Analyse von Spuren stände also im Fokus der Analyse. Dass die DNA-Analyse in ihrem beruflichen Alltag in gewisser Weise ein „alter Hut“ sei, unterstrich hingegen Heike Borufka, Gerichtsreporterin beim Hessischen Rundfunk: „Die Menschen wollen bei einem Kriminalfall über Motive informiert werden – wie verhält sich der Angeklagte vor Gericht, zeigt er Reue? Das ist, was wirklich interessiert, nicht die wissenschaftlichen Methode.“

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Auch einige spektakuläre Kriminalfälle der letzten Jahre war Thema der von Petra Boberg (hr-iNFO) moderierten Runde, wie z. B. die Serienmorde in Schwalbach, die erst nach dem Tode des Täters aufgedeckt wurden. „Kommissar Hightech“ habe bei der Ermittlung eine große Rolle gespielt, betonte Harald Schneider. Matthias Jahn erläuterte, dass normalerweise der Tod des Täters gegen ein weiteres Verfahren spreche. Allerdings sei in dem Fall das Interesse der Öffentlichkeit sehr groß. Auch aus rechtswissenschaftlicher Sicht sei der Fall von großem Interesse und werde auch in Uni-Seminaren erörtert.

Dass moderne polizeiliche Ermittlungen nicht nur auf der Straße, sondern auch im virtuellen Raum des Internets stattfinden, erläuterte IT-Forensiker Marc Reinhold. „Wir sind quasi als Streife im Internet unterwegs“, brachte Reinhold seinen Beruf auf den Punkt. Kriminalbeamte wie Reinhold seien auch auf die Mitarbeit von Informatikern angewiesen; Cyberattacken auf Unternehmen und Institutionen gebe es täglich. Die Digitalisierung und die Vernetzung machten selbst vor Haushaltsgeräten nicht halt, dadurch könne alles gehackt werden.

Das exponentielle Wachstum der Daten und des Datenverkehrs im Netz stelle die Ermittler vor ein gewaltiges Problem bei der Analyse. „Und das Internet kennt keine nationalen Grenzen – man kann auch von Hawai aus quasi im Liegestuhl Internetdelikte begehen, die Firmen in Deutschland betreffen.“ Werden sich aber alle Professionen, die sich professionell mit Kriminalfällen beschäftigen, angesichts rasanter technologischer Entwicklungen verändern? „In meinen journalistischen Berichten werde ich weiterhin die Fragen stellen, für die sich die Menschen interessieren – egal, ob es sich um Hackerangriffe oder Tötungsdelikte handelt“, meinte Heike Borufka.

Matthias Jahn sieht das Rechtssystem auch im Hinblick auf Cyberkriminalität gut gewappnet. Allerdings müssten sich seine Jura-Studierenden durchaus mit der zunehmenden Komplexität gesetzlicher Regelungen beschäftigen. Harald Schneider hält ein DNA-Phantombild in gar nicht so weiter Zukunft für technisch machbar: „Ob wir dieses dann aber auch einsetzen, ist eine ganz andere Frage.“

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Der letzte Termin in der Bürger-Uni-Reihe „TATORT-Forschung“
Kriminalstatistiken klären auf. Wovor müssen wir wirklich Angst haben?

Montag, 12. Dezember 2016, 19.30 Uhr
Zentralbibliothek der Stadtbücherei
Hasengasse 4 | 60311 Frankfurt