Lorenz Narku Laing ist Wissenschaftler, Coach, Gründer eines Sozialunternehmens und unermüdlicher Kämpfer gegen Rassismus. Sein breites Wissen hat er sich als außergewöhnlicher Student an der Goethe-Universität erworben.

„Ich habe von der Goethe-Universität viel mitgenommen – schreiben Sie das“, schwärmt Lorenz Narku Laing am Telefon. „Es war wirklich eine tolle Zeit.“ Also schreiben wir.

Wie kommt ein junger Mensch dazu, an der Goethe-Universität nicht nur Soziologie zu studieren, sondern auch Jura, Philosophie und Religionswissenschaften? Wie kommt es, dass er sich dann noch bei den Religionswissenschaftlern als Tutor ausbilden lässt und Lehrveranstaltungen gibt? Dass er über den Fachbereich Geschichtswissenschaften ein Austauschjahr am Londoner Kings College verbringt, um Geschichte zu studieren? Reicht Neugierde allein aus? Nein, es braucht ein „Herzensanliegen“. Und Lorenz Narku Laing hat eines: Er möchte Rassismus verstehen und dazu beitragen, dass Rassismus in Deutschland abnimmt. Mehr noch: Dass Rassismus eines Tages ganz verschwindet.

„Mein Studium an der Goethe-Universität im Jahr 2011 habe ich mir deshalb selbst aus vielen Fächern zu einem Rassismus-Studiengang zusammengestellt“, erklärt der Soziologe. Der 28-Jährige hat nach seinem B.A. in Soziologie und Master in Politik- und Verwaltungswissenschaft seine Promotion zu Rassismus in der deutschen Gegenwart an der Ludwig-Maximilians-Universität München aufgenommen, wo er am Geschwister Scholl-Institut für Politikwissenschaft als Wissenschaftlicher Mitarbeiter lehrt. Als sei es damit nicht genug, ist er als Diversity-Trainer und Berater aktiv und hat das Sozialunternehmen „Vielfaltsprojekte“ gegründet, für das er im Juni von der Hertie-Stiftung in ihre Liste „Generation Grenzenlos“ mit 30 Vorbildern unter 30 Jahren aufgenommen worden ist.

250 Seminare, Vorträge und Workshops hat Lorenz Narku Laing bislang mit seinem Team von „Vielfaltsprojekte“ gehalten – im Europäischen Parlament, bei sozialen Stiftungen und Akademien genauso wie in Vereinsheimen, Wirtshäusern und auf Spielplätzen. Dort könne er Menschen, die nicht unbedingt an gelehrten Rassismus-Diskursen teilnähmen, Vorurteile besser bewusstmachen, meint Laing.
Wer mit Lorenz Narku Laing spricht, spürt die Leidenschaft und die schier unerschöpfliche Energie, mit der er sein Anliegen verfolgt. Er ist überzeugt, Rassismus kann und muss abgeschafft werden. Im Laufe seines Lebens hat er sehr genau wahrgenommen und klug reflektiert, wie versteckt und wie unbewusst Rassismus manchmal auf der Seite derer ist, die ihn ausüben, und wie toxisch und verletzend er immer auf der Seite derer wirkt, die ihm ausgesetzt sind.

Lorenz Narku Laing ist schwarz. Er kommt aus einer Familie – Mutter Köchin, Vater Kunststudent -, die zeitweise auf Hartz IV angewiesen war. Bereits in seiner Kindheit erlebt er offenen Rassismus. Er wird körperlich angegriffen oder beleidigt. Die Eltern helfen dem Sohn, sein Selbstbild an positiven schwarzen Vorbildern zu orientieren. Barack Obama, damals noch Junior Senator, Martin Luther King, die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. Gründe, sich gegen rassistische Angriffe abzuschotten, „zuzumachen“ hatte Lorenz Narku Laing genug. Deshalb überrascht die Sanftmut, mit der er spricht. Er sei „optimistisch geduldig“, hat er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung formuliert. Eine Haltung, die von der in einem millionenfach geklickten Ted Talk der Sozialwissenschaftlerin Brené Brown beschworenen „Verletzlichkeit“ geprägt ist, aus der Kraft und Stärke wachsen. Emotionalität und Stärke gehören für Narku Laing zusammen.

„Verletzlichkeit in politische Energie verwandeln“ – Lorenz Narku Laing hätte keinen weiteren Grund gebraucht, um sich für eine gerechtere Welt einzusetzen. Seit er im Februar dieses Jahres Vater geworden ist, wird sein Anliegen jedoch dringlicher. Denn in unserer Welt, so Laing, „ist es noch immer gefährlicher, schwarz zu sein als weiß.“ Dabei ist er überzeugt, „weniger Rassismus bedeutet mehr Freiheit für alle. Rassismus sorgt auch dafür, dass ich nie mit meinem vielleicht besten Freund bekannt bin, nur weil ich nie mit ihm gesprochen habe, weil er anders aussieht als ich.“

Hat er deshalb ein konkretes Ziel, einen Wunsch, wo er nach seiner Promotion Gesellschaft mitgestalten will? Narku Laing, der sonst so schnell spricht, als hätte er für all seine Ideen nicht genügend Zeit, überlegt länger. „Wenn man mir Verantwortung anbieten würde – egal ob an der Universität, in einer Nichtregierungsorganisation, in der Politik – und ich mich dort für Gleichberechtigung einsetzen könnte, dann würde ich diese Verantwortung gern annehmen.“ Es wäre ihm zu wünschen. Und uns auch.

Im Rahmen seiner Auszeichnung als 30 unter 30 ist ein Youtube-Video erschienen, in dem Sie mehr über Lorenz Narku Laings Arbeit gegen Rassismus erfahren.

Autorin: Pia Barth