Der britische Psychologe Dr. Stephen Hinde forscht am Frankfurter Scene Grammar Lab zu Fragen der Wahrnehmung.

Sein Lebenslauf liest sich wie der eines Universalgelehrten: ein Abschluss in Physik, einer in Psychologie, darüber hinaus ein Master in Sanskrit und Asienwissenschaften. Stephen Hinde lacht: „Ich interessiere mich eben für viele verschiedene Dinge.“ Genauso abwechslungsreich wie seine Interessen erscheint auch sein Werdegang. Ursprünglich in der Physik beheimatet, war er die ersten 25 Jahre seines Berufslebens als Forscher in der Computerwissenschaft tätig.

In dieser Zeit kam er mit der Filmbranche in Kontakt und beriet Firmen wie Dreamworks, die sich für den Aufbau von Computersystemen mit der notwendigen Rechenkraft interessierten, um damit die ersten großen Animationsfilme umzusetzen. In dieser beratenden Rolle war er auch an der Produktion des bekannten Animationsfilms Shrek beteiligt – und hellauf begeistert von der Welt des Films. „Ich interessierte mich für alles, was mit Film zu tun hat: wie werden Filme gemacht, wie Szenen konzipiert?“, erzählte er. „Ich besuchte damals auch Messen und Festivals, lernte Filmemacher kennen, ging voll in der Sache auf.“ Und produzierte irgendwann seinen ersten eigenen Animationsfilm.

Unheimlicher Realismus

„Mit den neuen Technologien im Bereich Virtual Reality hatte die Branche zunehmend Interesse, die Animationen so realistisch wie möglich aussehen zu lassen“, sagt Hinde. „Zugleich beobachteten wir aber, dass Darstellungen, die realistisch sein wollen, es aber nicht sind, irgendwie unheimlich wirken und sogar Angst machen können – das Prinzip nennt sich Uncanny Valley, die Psychologie spielt dabei eine große Rolle.“ Das wissenschaftliche Interesse von Hinde war geweckt.

„Und schon war ich mitten in einer Doktorarbeit zu Wahrnehmungspsychologie und Film“, lacht er. Nach seinem Doktor an der University of Bristol zum Thema Cognitive Study of Moving Images war er in verschiedenen Projekten tätig, unter anderem an der Aarhus University Denmark. Der Kontakt nach Frankfurt entstand durch seinen Doktorvater Prof. Dr. Tim Smith, der im Austausch mit der Frankfurter Wissenschaftlerin Prof. Dr. Melissa Vo stand. Die Professorin am Institut für Kognitive Psychologie an der Goethe-Universität bereitete ein multidisziplinäres Forschungsprojekt vor und war auf der Suche nach Fachkollegen, die es gewohnt waren, sich in verschiedenen Disziplinen zu bewegen.

So wie Stephen Hinde. „Es brauchte ein Skype-Gespräch und einen Besuch in Frankfurt, schon war ich überzeugt“, sagt Stephen Hinde. Seit Januar ist Stephen Hinde Mitglied des Teams am Frankfurter Scene Grammar Lab. Das multidisziplinäre Forschungsprojekt CogDes (Cognition Design), ein gemeinsames Vorhaben des Fachbereichs Design an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und des Instituts für Psychologie der Goethe-Universität, beschäftigt sich mit der Frage, wie aus der Perspektive von Designforschung und Kognitionspsychologie VR-Simulationen bei Testnutzern funktionieren und welche Konsequenzen die Akzeptanz der Simulation auf Gestaltungsentscheidungen hat.

Konkret untersuchen die Wissenschaftler an einem Modell den Übergang zu einer Mobilitätssituation zur anderen: den Übergang von der unterirdischen S-Bahn-Station Offenbach Marktplatz zu oberirdischen Verkehrsangeboten wie Bus oder Fahrrad. Das Designteam der HfG Offenbach programmiert dazu ein VR-Modell der U-Bahnstation, in dem der Fahrgast durch verschiedene Designelemente zu den oberirdischen Angeboten geführt wird. „Die Aufgabe von uns als Psychologen dabei ist, zu untersuchen, wie die Designelemente kognitiv auf die Testnutzer wirken“, sagt Stephen Hinde. Dabei arbeiten die Psychologen mit qualitativen Befragungen sowie einem Testaufbau, der über eine Eye-Tracking- Brille untersucht, wo die Aufmerksamkeit der Testpersonen im Versuchsaufbau liegt und wie die verwendeten Designelemente deren Wahrnehmung führen.

Homeoffice in Bristol

Ursprünglich sollte Stephen Hinde bis Ende September am Scene Grammar Lab forschen. Aufgrund der Corona-Krise arbeitet er aber nun im Homeoffice von Bristol aus. „Das funktioniert ganz gut, da ich viele Interviews auch über Skype führen kann“, sagt er. Ein wenig bedauert er es aber schon, nicht mehr Zeit in Frankfurt gehabt zu haben. „Die Stadt ist großartig und die Goethe-Universität mit ihrem internationalen Flair macht einem das Ankommen leicht.“

Besonders genossen hat er das kulturelle Angebot in der Stadt, den Zusammenhalt in dem internationalen Team im Scene Grammar Lab sowie das hilfreiche Angebot des Goethe Welcome Centers. Wer weiß, wie sich die Dinge rund um die Pandemie entwickeln. Vielleicht kann er in ein paar Monaten wieder durch Frankfurt radeln und die Stadt erkunden.

Melanie Gärtner

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.20 des UniReport erschienen.