Es gibt Redewendungen, die sind knackig formuliert, leicht zu merken, oft gebraucht – und falsch. Zum Beispiel die Bezeichnung „finsteres Mittelalter“: „In unserem aufgeklärten Zeitalter unterscheiden wir oft, auf der einen Seite steht unsere moderne Welt, und auf der anderen Seite steht das ‚finstere Mittelalter‘ für alles, was angeblich vorher war und nicht sein soll: eine nichtdemokratische, gewaltsame, unhygienische Epoche der fanatischen Religiosität“, sagt die Historikerin Dorothea Weltecke, „sie dient uns als Projektionsfläche für unser Unbehagen angesichts der Gegenwart; das Mittelalter ist also gewissermaßen der Müllhaufen unserer Vorstellung.“

Weltecke hat sich vorgenommen, mit diesem verbreiteten Irrtum aufzuräumen, und dieser Aufgabe ist sie nachgekommen: während ihrer Promotion und während ihrer Habilitation genauso wie als Professorin, zunächst an der Universität Konstanz und seit 2017 an der Goethe-Universität. „Mein Ziel ist es, dass die Studierenden es lernen, ihr eigenes Bild vom Mittelalter kritisch zu hinterfragen“, fasst Weltecke ihre Motivation zusammen. Ihre Vorlesungen über das Mittelalter begann und beginnt sie deshalb gerne mit dem plakativen Satz „Das Mittelalter ist schmutzig“ und zeigt gleichzeitig ein Bild von qualmenden Fabrikschornsteinen: „Da sehen die Studierenden, was das Gerede vom ‚finsteren Mittelalter‘ für ein Unfug ist. Mit all der Umweltverschmutzung ist die Welt von heute viel dreckiger als damals, und mit zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert und ungezählten bewaffneten Konflikten seither ist sie um einiges gewalttätiger.“

Historische Gewissheiten hinterfragen

Außerdem habe die Forschung zwar schon vor Jahren festgestellt, dass im Mittelalter, jener Epoche zwischen dem Untergang des Römischen Reiches Ende des sechsten Jahrhunderts einerseits und der Entdeckung Amerikas
1492 andererseits, Angehörige von vielen Religionen zusammenlebten: So gab es in Deutschland Christen und Juden, in Süd- und Osteuropa Juden, Christen der römischen und der verschiedenen orthodoxen Kirchen und Muslime; in islamischen Ländern lebten Muslime, Juden, Christen verschiedener Kirchen sowie bis weit ins Mittelalter Buddhisten und Hindus. Jenseits der „scientific community“ sei nur wenigen bewusst, dass
religiöse Säuberungsaktionen ein Phänomen der Neuzeit seien – genauso wie etwa massenhafte Hexenverbrennungen, sagt Weltecke und folgert: „Wir müssen immer wieder bereit sein, unsere ‚historischen Gewissheiten‘ zu hinterfragen, deswegen möchte auch ich mit meiner Forschung die Vorstellung kritisch begleiten, die sich die Menschen vom Mittelalter machen.“

Weltecke hat dafür untersucht, wie mittelalterliche Gesellschaften unter christlicher oder islamischer Herrschaft die Realität der religiösen Vielfalt organisiert, erklärt und bewertet haben. Ihre leitende These ist, dass die sogenannten monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – nicht per se als Quelle von Gewalt und Intoleranz betrachtet werden können. Erst als Folge sozialer Wechselwirkungen hätten sich die Traditionen von Juden, Christen und Muslimen voneinander abgegrenzt und seien zu Religionen im modernen Sinn geworden. „Dabei ist es ganz wichtig, die verschiedenen Religionen zugleich im Blick zu haben. Bis vor 20, 30 Jahren haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entweder mit jüdischer oder mit muslimischer oder mit lateinischer, das heißt christlicher Geschichte beschäftigt“, betont Weltecke. „Mit meiner Forschung wollte ich immer dazu beitragen, dass sich das ändert.“

Dazu passt, dass ihr wissenschaftlicher Alltag nur ein Stück weit dem Klischee entspricht, Mittelalter-Historiker säßen den lieben langen Tag allein in ihrem Studierzimmer und wühlten sich durch alte, verstaubte
Handschriften: „Zum einen befasse ich mich auch mit materieller Kultur“, sagt Weltecke, „zum Beispiel mit Kunstwerken oder mit Gebäuden.“ Diese untersucht und erforscht sie in elektronischer Form, ob als Elemente von Datenbanken oder als digitale Visualisierung, und legt dabei auf die Zusammenarbeit mit Informatikerinnen und Informatikern großen Wert. Zum anderen ist für Weltecke der Wissenschaftsbetrieb in der mittelalterlichen Geschichte schlicht undenkbar ohne Teamwork und Diskussionen, gleich ob es um Online-Besprechungen, gegenseitiges Korrekturlesen, kollegialen Austausch auf Tagungen im In- und Ausland oder um die Entwicklung gemeinsamer Forschungsvorhaben geht.

Keine Mittelalter-Romantikerin

Nüchtern und pragmatisch war schon der Beginn ihrer Laufbahn als Wissenschaftlerin: Nach ihrem Studium der Geschichte, Semitistik und Kunstgeschichte suchte Weltecke ein Dissertationsthema, das alle diese drei Fächer verband. Das fand sie schließlich in der Geschichte des Mittelalters, „dabei habe ich mich für diese Epoche eigentlich nicht besonders interessiert“, erinnert sich Weltecke, „eine Mittelalter-Romantikerin war und bin ich ganz bestimmt nicht.“

Nachdem sie mehr als 20 Jahre lang zu mittelalterlichen Fragestellungen geforscht, gelehrt und publiziert hat, fühlt sich Weltecke zwar ein Stück weit in der Gedankenwelt des Mittelalters zu Hause. Aber dieses Gefühl des Vertrautseins hat Grenzen; auf die Frage, ob sie selbst gerne im Mittelalter gelebt hätte, antwortet Dorothea Weltecke schnell und bestimmt „Nein.“ Als wohlhabende Patrizierwitwe die Geschäfte weiterzuführen oder in einem gemütlichen Kloster, in dem Frauen lasen, das sei für sie vorstellbar, „Aber als die, die ich bin – als emanzipierte Bürgerin – bin ich doch ganz froh über mein Leben im 21. Jahrhundert.“

Stefanie Hense

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1/2021 (PDF) des UniReport erschienen.