Rebecca Voß, Judaistin; Foto: Dettmar

Rebecca Voß, Judaistin; Foto: Dettmar

Wenn sie über die Rahmenbedingungen für ihre Forschung spricht, gerät Rebekka Voß ins Schwärmen. Am Seminar für Judaistik der Goethe-Universität hat sie seit knapp anderthalb Jahren die Professur für „Geschichte des deutschen und europäischen Judentums“, nachdem sie dort zuvor vier Jahre lang als Juniorprofessorin geforscht und gelehrt hatte. „Nehmen Sie zum Beispiel die Universitätsbibliothek mit ihrer hervorragenden Ausstattung an Judaica und Hebraica. Sie hat nicht nur einen großen Altbestand, etwa an jiddischen Drucken der frühen Neuzeit, sondern sie ist zugleich Sondersammelgebiet der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für das Judentum und Israel – alles, was zu diesen Themen erscheint, wird gekauft. Diese traumhafte Situation finden Sie an keiner anderen deutschen Universität.“

Darüber hinaus forschten in Frankfurt zahlreiche andere wichtige Institutionen zur jüdischen Geschichte – Voß nennt das Fritz-Bauer-Institut für Geschichte und Wirkung des Holocaust, das jüdische Museum und die Martin-Buber-Professur für jüdische Religionsphilosophie, die am Fachbereich evangelische Theologie angesiedelt ist. „All das schafft eine Atmosphäre, in der die Judaistik weiter wachsen kann“, sagt Voß. „So wurde meine eigene Professur im Jahr 2013 neu geschaffen, und die Zahl unserer Studierenden hat sich in den vergangenen fünf Jahren nahezu verdoppelt, auf nunmehr 110 Bachelor-, Master- und Magister-Studierende.“

Der Kontakt zu den Studierenden ist Voß besonders wichtig – nicht zuletzt, weil er ihre eigene Forschung bereichert: „Wenn ich mit den Studierenden über meine Forschungsthemen diskutiere, kann ich dadurch meine Arbeit aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Einfach, weil die Studierenden noch nicht so viel Erfahrung haben und dadurch andere Fragen stellen als meine Kollegen und ich“, erzählt Voß, „außerdem unterrichte ich einfach unheimlich gerne. Vor allem begeistern mich innovative Lehrformate abseits des Uni-Alltags, deren Themen durchaus über meine eigenen Forschungsschwerpunkte hinausgehen.“

Lehre abseits des Uni-Alltags

Zum Beispiel im Wintersemester 2013/14: In einem interdisziplinären Projektseminar ging Rebekka Voß zusammen mit einem Heidelberger Experten für mittelalterliche Geschichte, einem Bonner Wirtschaftswissenschaftler und den Studierenden der Frage nach, inwieweit Kontinuität zwischen mittelalterlicher Judenfeindlichkeit und dem Antisemitismus der Nationalsozialisten besteht. Und sie freut sich auf eine Veranstaltung im kommenden Semester: „Gemeinsam mit einer Bremer Multimedia-Künstlerin und einem Essener Komponisten beschäftige ich mich mit meinen Studierenden mit dem jüdischen Frauenhandel im 19. und 20. Jahrhundert, und ich bin schon sehr gespannt, zu welchen Ergebnissen wir kommen werden.“

Vom interdisziplinären Austausch profitiert Voß auch, seit ihr 2012 eine besondere Ehre zuteilwurde: Sie wurde zum Mitglied der „Jungen Akademie“ ernannt, einem Zusammenschluss von 50 herausragenden jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich insbesondere in interdisziplinären Arbeitsgruppen dem Diskurs über gesellschaftlich bedeutsame Themen widmen.

Während des ersten halben Jahres ihrer Mitgliedschaft in der Jungen Akademie rief Voß gemeinsam mit einem Musikwissenschaftler die Arbeitsgruppe „Populärkultur( en)“ ins Leben: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vergleichen in Workshops und bei Tagungen, wie sich beispielweise Altgermanisten und Sinologen dem Thema nähern, und Voß möchte daraus Gewinn für ihre Forschung in der Judaistik ziehen.

So stellt das Thema ihres derzeitigen Buchprojekts – das imaginäre Volk der „Roten Juden“, das in einem sagenumwobenen Land in Nordostasien leben soll – seit dem Mittelalter und bis zur Gegenwart einen bedeutenden Aspekt jüdischer Populärkultur dar, auch Christen zweifelten lange Zeit nicht an seiner Existenz – das Territorium der Roten Juden war bis ins 16. Jahrhundert auf vielen Weltkarten verzeichnet. Voß’ Untersuchungen zu den Roten Juden zeigen, dass Christen und Juden im Mittelalter und in der frühen Neuzeit sehr ausgeprägt interagierten.

Austausch zwischen Juden und Christen

Überhaupt zieht sich der Begriff „Interaktion“ wie ein roter Faden durch die Forschung von Rebekka Voß: Beim Thema „Jüdischer Messianismus, jüdische Apokalyptik“ möchte sie wissen, in welcher Weise jüdische und christliche Endzeitvorstellungen aufeinander getroffen sind und sich gegenseitig beeinflusst haben. In ihrem aktuellen Drittmittelprojekt „Judentum und Pietismus“ stellt sie Fragen wie „Welchen Kontakt gab es zwischen Juden und Pietisten? Was wussten sie voneinander? Welche Wechselwirkungen gab es zwischen dem protestantischen Pietismus, jüdischen religiösen Erneuerungsbewegungen des 18. Jahrhunderts und der jüdischen Haskalah (Aufklärung)?“

Aber Interaktion ist für Voß nicht nur ein akademisch- theoretisches Konzept, Interaktion besteht auch zwischen Universität und Bevölkerung, und Voß nimmt daran teil: Genauso wie die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck einen Lehrauftrag am Seminar für Judaistik der Goethe-Universität hat, wird Rebekka Voß im Mai dieses Jahres an der jüdischen Volkshochschule zum Thema „Messiaserwartung im Judentum und Christentum“ sprechen – der Vortrag steht natürlich allen Bürgerinnen und Bürgern offen, gleich welcher Religion sie angehören. [Autorin: Stefanie Hense]