Wiederentdeckte Wissensdinge: Judith Blume, seit Mai an der Universitätsbibliothek Koordinatorin der Sammlungen, erzählt im Interview, welche Rolle die Uni-Sammlungen heute für Forschung und Lehre und Wissenschaftsvermittlung an der Goethe-Universität spielen.

Wiederentdeckte Schätze: Der internationale und nationale Diskurs um Sammlungen, materielle Kultur und Objektforschung hat dazu geführt, dass die Universitäten ihren Sammlungen seit einigen Jahren wieder mehr Aufmerksamkeit widmen. Die Hochschulen haben erkannt, dass die Sammlungen auch eine besondere Förderung und Schutz benötigen.

An der Goethe-Universität hat Judith Blume im Mai die neue Stelle als Koordinatorin der Sammlungen der Goethe-Universität angetreten. Sie kennt die Sammlungen bereits aus ihrer Zeit am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Zusammen mit Dr. Vera Hierholzer und Dr. Lisa Regazzoni gründete sie 2010 die Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“ am Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften.

Gemeinsam mit Studierenden gingen die drei Wissenschaftlerinnen auf die Suche nach den Sammlungen der Goethe-Universität, bauten eine Online-Plattform auf und initiierten die Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge“, die unter der Leitung von Dr. Charlotte Trümpler mit den Sammlungen realisiert und 2014 im Museum Giersch präsentiert wurde. Über die Rolle der Sammlungen für die Goethe-Universität und ihre Aufgaben als Koordinatorin hat GoetheSpektrum mit Judith Blume gesprochen.

Die Felsbildkopien des Frobenius-Instituts sind Teil der Sammlungen der Goethe-Universität.

GoetheSpektrum: Frau Blume, die Sammlungen sind an den Fachbereichen angesiedelt, nun wurde eine zentrale Koordinationsstelle geschaffen. Worin besteht Ihr Auftrag?

Judith Blume: Nach der Jubiläumsausstellung war ein Arbeitskreis der Sammlungen entstanden. Dessen Sprecherkreis hatte gemeinsam mit dem ehemaligen Vizepräsidenten Prof. Enrico Schleiff ein Zukunftskonzept für die Sammlungen erarbeitet und den Direktor der Universitätsbibliothek Dr. Heiner Schnelling überzeugt, eine Koordination einzurichten. Bei der Stelle geht es darum, die vielfältigen Sammlungen der Goethe-Universität zu unterstützen – ihren Erhalt zu sichern, ihre Erschließung zu verbessern, ihre Sichtbarkeit zu erhöhen und damit ihre Nutzung in Forschung, Lehre und Wissenschaftsvermittlung zu intensivieren und sie vielleicht auch für ganz neue Nutzungen zu öffnen. Das schließt Digitalisierungsmaßnahmen ein, Öffentlichkeitsarbeit, wissenschaftliche Ausstellungen, Lehrprojekte, Drittmittelanträge und viele weitere mögliche Projekte und Kooperationen.

Ihre Stelle ist an der Universitätsbibliothek angesiedelt. Wie werden Sie mit den Sammlungen zusammenarbeiten?

Ich hoffe auf eine sehr enge Zusammenarbeit, und dafür wurde mit dem Arbeitskreis ja auch schon eine sehr gute Basis geschaffen! Wenn sich dieser weiterhin regelmäßig trifft, ist das schon eine gute Grundlage für einen kontinuierlichen und guten Austausch. Außerdem möchte ich noch einmal durch alle Sammlungen gehen und mit allen Sammlungsbetreuerinnen und -betreuern sprechen. Ich will wissen, wie die Situation in den einzelnen Sammlungen ist, wo es Handlungsbedarf gibt und welche Projekte dort schlummern. Und dann werden wir sicherlich zu einzelnen Themen engere Kooperationen anstoßen. Ich glaube, in der Kombination aus regelmäßigen Treffen im größeren Kreis und jeweils wechselnden intensiven Projekten mit Einzelnen kann sich eine sehr produktive Zusammenarbeit ergeben.

Welche Aufgaben erfüllen die Sammlungen der Goethe-Universität?

Ganz allgemein sind universitäre Sammlungen eine grundlegende Infrastruktur für Forschung und Lehre, zunehmend auch für die Wissenschaftsvermittlung. Einige Sammlungen, wie beispielsweise in der Archäologie oder den Biowissenschaften, sind zentraler Bestandteil der Lehre. Ohne die Sammlungen könnten die Studierenden kaum lernen, wie man entsprechende Fundstücke identifiziert und bearbeitet oder wie man einzelne Pflanzen erkennt und bestimmt. Oft sind die Sammlungen wichtige Belege für Forschungsprojekte. Ohne ihre Existenz ließen sich die Ergebnisse nicht nachvollziehen oder überprüfen – das gilt zum Beispiel für die Geowissenschaft. Andere Sammlungen, wie etwa die archäobotanische, dienen als Vergleichsmaterial für die Forschung. Und dann sind Sammlungsbestände auch das Quellenmaterial aus dem Forschungsfragen überhaupt erst entstehen, wie etwa bei vielen geistes- und kulturwissenschaftlichen Sammlungen in Frankfurt.

Zum Teil aber haben die Sammlungen auch und vor allem einen historischen Wert. Das gilt insbesondere für Sammlungen, die heute nicht mehr aktiv in der Forschung und Lehre eingesetzt werden. Dennoch sind diese Bestände nicht überflüssig – sie erzählen oft nicht nur Universitäts-, sondern auch Wissenschaftsgeschichte! Gleichzeitig dokumentieren viele Sammlungen auch die Verwobenheit von Wissenschaft und Gesellschaft und werfen so auch gesellschaftspolitische Fragen auf. So stellt sich etwa, führt man sich die Sammlungs- und Forschungspraxis in kolonialen Kontexten oder im Nationalsozialismus vor Augen, verstärkt die Frage, wie wir mit Objekten derartiger Provenienz umgehen.

Zur Person

Judith Blume hat Geschichte, Kulturwissenschaft und Germanistik in Tübingen, Hamburg und Aix-en-Provence studiert. An die Goethe-Universität kam sie 2010 für ihre Promotion zur Geschichte des Sammelbildalbums am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Von 2013 bis 2015 war sie Ko-Kuratorin der Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen der Goethe-Universität“. Anschließend war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Teilprojekt „Ikonologie der Geschichtswissenschaft“ des Exzellenzclusters beschäftigt. Anfang 2017 wechselte sie an die Zentrale Kustodie der Universität Göttingen, wo sie bis April 2018 als Referentin für Ausstellungen tätig war.

Den teils umfangreichen Sammlungsbeständen der Universitäten stehen begrenzte Finanzen zur Pflege zur Verfügung. Kann es eine Uni leisten, alle ihre Sammlungen weiterzuführen?

Es stimmt, die finanziellen Ressourcen sind oft sehr gering. Trotzdem sollte es sich eine Universität gut überlegen, ob sie deshalb Sammlungen auflöst und entsorgt. Viele der Objekte sind Unikate, oft ist auch die Zusammenstellung einmalig. Und selbst wenn eine Sammlung derzeit nicht aktiv genutzt wird, heißt das nicht, dass sie in Zukunft nicht von großem Wert sein kann. Vor allem aber können sich auch Nutzungen ergeben, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Ein klassisches Beispiel dafür ist die heute mögliche DNA-Analyse von Herbarbelegen. Wer weiß, was wir in ein paar Jahrzehnten erforschen wollen und können! Trotzdem gehört auch das so genannte „Entsammeln“ zur Pflege einer Sammlung dazu. Ein wichtiges Kriterium einer wissenschaftlichen Sammlung ist die Systematik ihrer Zusammenstellung. Und natürlich mag es auch mal Bestände geben, die entsorgt oder an andere Institutionen abgegeben werden können. Etwa weil es sich um Dubletten handelt oder sie den Bestand einer anderen Institution oder Sammlung gut ergänzen. Eine solche Entscheidung aber gilt es sehr gut abzuwägen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für Sammlungen?

Die Digitalisierung ermöglicht es, die Bestände bekannter und sichtbarer zu machen – weit über die Grenzen von Universität und Stadt Frankfurt hinaus. Außerdem ergeben sich im Digitalen auch ganz neue Forschungsmethoden – im Grunde entstehen mit der Digitalisierung oft eigentlich neue wissenschaftliche Objekte. Und natürlich können Digitalisate auch die Originale schützen: Nicht für jede Forschungsfrage muss ich unbedingt das Original betrachten, wenn es ein gutes Digitalisat gibt. Dennoch können Digitalisate die Objekte nicht vollständig ersetzen. Immer wieder wird es nötig sein, das Originalobjekt in die Hand zu nehmen. Insofern „erlöst“ uns die Digitalisierung nicht von der Archivierung. Es tauchen vielmehr neue Fragen auf, etwa hinsichtlich der Langzeitarchivierung der Digitalisate oder der Standards der erfassten Meta-Daten. Gerade im Bereich der Digitalisierung und den damit verknüpften Fragen und Herausforderungen aber existieren in der Universitätsbibliothek vielfältige Kompetenzen und langjährige Erfahrungen, von denen die Sammlungen enorm profitieren können!

Einen Überblick aller Sammlungen der Goethe-Universität finden Sie unter www.sammlungen.uni-frankfurt.de.

Mehr Informationen zur Koordination der Sammlungen an der Goethe-Universität gibt es unter www.ub.uni-frankfurt.de/universitaere_sammlungen/.  

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.18 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.