Geistes- und Sozialwissenschaftler haben den Ruf, tendenziell schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Dabei interessieren sich Unternehmen immer mehr für sie. Um beide Seiten miteinander in Kontakt zu bringen, findet am 14. November an der Goethe-Universität die Jobmesse »Karriere für den Geist« statt.

Angst hatte Sibylle Trautmann nie. Sich Sorgen machen, das bringt nichts, findet sie. Aber unter ihren Kommilitonen, die gemeinsam mit ihr in den 90-er Jahren Germanistik an der Goethe-Universität studierten, gab es schon den ein oder anderen, der sich eher weniger zuversichtlich mit der Frage beschäftigte: Was wird nach dem Studium aus mir? Und auch Trautmann hatte zu Beginn ihres Studiums keine klaren Vorstellungen von ihrer Berufslaufbahn: „Am Anfang wusste ich überhaupt nicht, wo mich das hinbringt“, erzählt sie. Nur dass sie schon etwas finden würde, etwas, das ihr Spaß machen würde und für das es sich lohnen würde, studiert zu haben: darin war sich Sibylle Trautmann sicher.

Ihr Bauchgefühl hat Trautmann nicht getrogen: Die Alumna der Goethe-Uni leitet heute die Presse und Öffentlichkeitsarbeit von Hassia Mineralquellen. Sie beantwortet Presseanfragen, organisiert firmeneigene Veranstaltungen und schreibt das Kundenmagazin des Unternehmens. Ein Aufgabenfeld, für das ein gutes Sprachgefühl und ihr Germanistikstudium sicherlich hilfreich sind. Trotzdem schauen Studierende der betreffenden Fachbereiche nach wie vor oft mit eher bangem Blick in die Zukunft. Bewerber, die einen geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studiengang absolviert haben, würden in vielen Personalabteilungen als die unattraktivere Variante des Uni-Abgängers gesehen, glauben viele. Doch ist das tatsächlich so? Vor welchen Herausforderungen stehen Studierende dieser Fachrichtungen? Wie hat sich die Situation in den letzten Jahren entwickelt? Und wie kann man die Studierenden unterstützen?

Problemlösungskompetenzen

Beim Career Service der Goethe-Uni betrachtet man die Lage der Studierenden von zweierlei Seiten. Rund die Hälfte all derer, die das Karrierecoaching der Universität in Anspruch nehmen, absolvieren einen geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studiengang. Einerseits tun sich Absolventen nach wie vor schwerer auf dem Arbeitsmarkt, andererseits gebe es eine neue Offenheit der Unternehmen gegenüber Geistes- und Sozialwissenschaftlern, sagt Jens Blank, Leiter des Career Service: „Gerade in der PR- und Kommunikationsbranche sowie Unternehmensberatungen tut sich etwas.“ Weg von Verlagen und Zeitungen, rein in die Wirtschaft – so beschreibt Blank den Trend der letzten Jahre.

Um diese Entwicklung voranzutreiben und Firmen und Absolventen miteinander in Kontakt zu bringen, gibt es im Herbst nun schon zum dritten Mal ein in Deutschland einmaliges Angebot der Goethe-Uni: Am 14. November haben Studierende von 11 bis 16 Uhr im Hörsaalzentrum die Gelegenheit, mit potenziellen Arbeitgebern ins Gespräch zu kommen. „Karriere für den Geist“ heißt die Messe, die sich speziell an Geistes- und Sozialwissenschaftler richtet und von Deutschlandstipendiaten in Zusammenarbeit mit der Universität organisiert wird.

Zu den Ausstellern gehören dieses Jahr Unternehmen wie die Commerzbank, das Beratungsunternehmen Fleishman Hillard oder der Personaldienstleister Hays. Doch auch Behörden interessieren sich inzwischen für Geistes- und Sozialwissenschaftler: „Das Bundeskriminalamt oder das Auswärtige Amt suchen vermehrt“, erklärt Jens Blank, der in diesem Jahr als Mentor der Messe fungiert.

Messe: Karriere für den Geist

BWL- und Jurastudenten würden an der Uni zwar Inhalte vermittelt bekommen, die mehr mit ihrem späteren Arbeitsalltag zu tun hätten, „allerdings bringen Absolventen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften neue methodische Fähigkeiten und Problemlösungskompetenzen in die Unternehmen ein. Zudem eignen sich immer mehr Studierende berufsrelevante Zusatzqualifikationen an. Noch würden zwar viele Unternehmen diese Fähigkeiten übersehen, doch auch in dieser Richtung erkennt Blank eine positive Entwicklung.

Bedeutung von Weiterbildung

Einig sind sich Jens Blank und Sibylle Trautmann bei der Bedeutung der Zusatzqualifikationen für Geistes- und Sozialwissenschaftler. Zusammen mit dem abgeschlossenen Studium sind sie die Eintrittskarte in die Berufswelt. Genau wie Wirtschafts- oder Rechtswissenschaftler sollten sich Ethnologen und Historiker neben ihrem Studium weiterbilden. Der Career Service bietet daher regelmäßig BWL oder Projektmanagementkurse an, Trautmann empfiehlt, Nebenjobs und Praktika zu absolvieren. „Dabei gilt: Eindruck machen! Sich engagieren! Geistes- und Sozialwissenschaftler sind nicht so schwer vermittelbar, wie es immer heißt.“

Sie selbst hat sich für ihr Studium Zeit gelassen und nebenbei noch einen Abschluss in Sprechwissenschaft erworben. Gleichzeitig hat sie gearbeitet: Erst in der PR-Abteilung von Hit Radio FFH, dann bei der Agentur Trimedia Communications, schließlich wechselte sie zur Brauerei Licher, 2011 folgte der Job bei Hassia. „Ich hatte neben meinem Studium die Gelegenheit, bei mehreren renommierten Firmen zu arbeiten. Das war natürlich eine Visitenkarte“, sagt Trautmann.

Auf Messen wie „Karriere für den Geist“ könne man dafür schon einmal seine Interessen und Möglichkeiten ausloten. Wie prekär ist nun also die Lage der Geistes- und Sozialwissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt? Jens Blank sagt, Absolventen des Fachbereichs hätten nach wie vor einen schwereren Stand auf dem Arbeitsmarkt als andere Uni-Abgänger. Doch wie Sibylle Trautmann glaubt auch er, dass sich Studierende, die sich nebenbei weiterbilden, keine großen Sorgen machen müssen. In der Messe „Karriere für den Geist“ sieht Blank auch ein Anzeichen dafür, wie sehr sich Unternehmen mittlerweile für die Absolventen interessieren: „Vor ein paar Jahren hätten wir so etwas noch nicht veranstalten können, da hätten wir auf keinen Fall genügend Aussteller zusammenbekommen.“

Sibylle Trautmann rät, sich nicht von etwaigen Unsicherheiten abschrecken zu lassen: „Wenn man sich dafür interessiert, sollte man auf jeden Fall etwas in die Richtung studieren.“ An der Universität würde man lernen, sich Dinge anzueignen. Zudem qualifiziere einen das Studium für höhere Aufgaben: „Mit einem Hochschulabschluss hat man auf jeden Fall bessere Karten, in Führungspositionen zu kommen.“ Beim Blick auf ihren eigenen Lebenslauf wird klar: An Trautmanns These könnte etwas dran sein.

[Autor: Linus Freymark]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »