Foto: Jan Jacob Hofmann

Foto: Jan Jacob Hofmann

Flüchtlinge an der Uni – das ist kein ganz neues Thema, seit in den Turnhallen des Campus Ginnheim rund 250 Personen untergebracht sind. Nun öffnet das neue »Academic Welcome Program for highly qualified refugees« (AWP) der Goethe- Universität 30 Personen auch die Türen zum Studienbetrieb.

Bei der Auftaktveranstaltung Ende Oktober betraten sie den Raum im PEG-Gebäude ziemlich ruhig und zurückhaltend: 30 junge Leute zwischen 18 Jahren und Mitte 30, die in Syrien, Afghanistan, Äthiopien, Eritrea, Pakistan oder Iran bereits studiert haben oder jetzt in Deutschland damit beginnen möchten. Vieles ist ihnen hier fremd: Sie kennen sich untereinander noch nicht, da sie aus allen Ecken des Rhein-Main-Gebiets kommen, und sprechen auch nicht unbedingt eine gemeinsame Sprache.

Manche sind erst seit einigen Wochen im Land wie die 18-jährige Syrerin Sandy, die Pharmazie studieren möchte und von ihrem Vater begleitet wird. Andere orientieren sich schon länger neu, wie es mit ihrer akademischen Laufbahn weitergehen kann. Ein Viertel der Teilnehmer ist weiblich. Deutsch können die wenigsten, Englisch wesentlich mehr. Drei sprechen nur Arabisch oder Farsi. Hanna Reuther vom International Office hat viel Herzblut in das AWP gesteckt, um innerhalb weniger Wochen eine Reihe von internen und externen Partnern ins Boot zu holen und ein vielfältiges wie flexibles Programm für die Geflüchteten abzustimmen.

Am Info-Abend präsentieren sich alle Beteiligten von HRZ, ISZ, UB bis AStA und „Teachers on the road“ den Flüchtlingen persönlich, stellen ihre Beratungs- oder Qualifizierungsangebote vor, werben teilweise auch mit finanzieller und politischer Unterstützung und laden zur Kontaktaufnahme ein. Dabei wird klar, dass sich das Welcome- Programm als Vorbereitungsprogramm zum Studienbeginn versteht, zusätzlich ist der kostenlose Besuch von Vorlesungen als Gasthörer möglich.

„Unser mittelfristiges Ziel ist kein isoliertes Programm für Geflüchtete, sondern eine möglichst rasche Integration als regulär Studierende“, erklärt Vizepräsidentin Tanja Brühl. Im Mittelpunkt des AWP steht das Erlernen der deutschen Sprache über den Zugang zu Bibliothek, zu PC-Räumen, Sprachlabor, Deutschkursen, aber auch den Sprachtandems der Studierendeninitiative „Academic Experience wordwide“ und den Kursen von „Teachers on the road“.

„Schließlich müssen sich auch die Geflüchteten erst einmal vertraut machen mit dem deutschen akademischen System“, sagt Brühl. Sie eröffnete die Veranstaltung und blieb bis zum Schluss. Wohl auch, um deutlich zu machen, dass es der Goethe-Universität in ihrem Selbstverständnis als Bürger-Universität ein Anliegen ist, geflüchteten Akademikern zu helfen. „Wir haben selbst eine Fluchtgeschichte. Auch hier mussten Professoren und Studierende ihre Universität und ihr Land verlassen“, sagte sie und dankte der Aventis Foundation herzlich für die großzügige Unterstützung in Höhe von 50.000 Euro.

„Seien Sie geduldig mit sich und uns. Orientierung und Sprache sind jetzt wichtig“, appellierte Elisabeth Kummert von der Zentralen Studienberatung an das Publikum. Einmal, inmitten der Fülle von Kurzvorträgen, meldet sich ein älterer Flüchtling zu Wort. Es sei für ihn eine Ehre, nun an einer berühmten Universität zu sein, die Nobelpreisträger hervorgebracht habe. „Ich habe große Hochachtung vor dem, was die Universität für uns tut.“ Nach dem Vortragsteil kommt etwas mehr Bewegung in die Veranstaltung:

Die Kooperationspartner verteilten sich in Raum und Gang, um den Programmteilnehmern bei Snacks und Getränken persönliche Fragen gezielt beantworten zu können. Dabei konnten auch sie so manche Frage an die Flüchtlinge zu ihrem langen Weg bis an die Goethe-Uni loswerden.

Spracherwerb ist zentral

Erst Deutsch lernen, dann studieren, dann einen Job finden, diese Reihenfolge ist allen bewusst und auch der Fleiß, den sie werden aufbringen müssen. „Ohne die Sprache geht nichts“, sagt Khaled, 25, der in Aleppo einen Bachelor in Architektur machte. „Mein Ziel ist ein Master in Architektur“, sagt er. Sein Studium ruht schon länger, weil er vor zwei Jahren bereits in den Libanon floh, um dem syrischen Militärdienst zu entgehen. Vor eineinhalb Monaten kam er in Deutschland an und lebt jetzt auf dem Campus Ginnheim. Großer privater Wunsch: Er möchte bald seinen Bruder sehen, der wie er allein aus Syrien geflohen ist, aber nun in Köln untergebracht ist.

Khaldoun, 21, besucht bereits englische Wirtschaftsvorlesungen der Goethe-Universität, obwohl er erst seit vier Monaten im Land ist. Er bewohnt mit fünf jungen Leuten eine Wohnung in einem Dorf bei Friedberg, was eigentlich keinem gefalle, „weil es dort nichts gibt, noch nicht mal einen Supermarkt“. Glücklicher Zufall: Genau dort half eine Wirtschaftsprofessorin der Goethe-Universität den Flüchtlingen, hörte von Khaldoun, dass er in Damaskus Wirtschaft studiert hatte, nahm ihn kurzerhand mit an die Uni und schenkte ihm einen Laptop.

„Damit habe ich gleich angefangen, Deutsch zu lernen“, sagt Khaldoun. „Die letzten vier Jahre haben mein Leben zerstört“, berichtet er ohne jeden Nachdruck oder Pathos. „Ich habe meine Familie, meine Freunde, mein Studium zurückgelassen und beginne hier von vorn“, resümiert der junge Mann und kann trotzdem lächeln. „Ich bin jeden Tag froh, nicht mehr in Lebensgefahr zu schweben.“ Wenn er in Damaskus morgens zur Uni ging und sich von seinen Eltern verabschiedete, „wussten wir alle nicht, ob wir uns bei all den Bomben und Schüssen abends wiedersehen“, erzählt er.

„Ich hatte keine Geduld mehr und bekam von meiner Familie das Geld, um zu fliehen.“ Von dem Monat und 10 Tagen, die er auf der Flucht war, wird er so schnell keinen Tag vergessen. „Man ist immer zur selben Zeit glücklich, weil man aufbricht, und traurig, weil man verlässt“, sagt Khaldoun. Nun also Neustart in Frankfurt: Mikro-Ökonomik- Vorlesung, erste Kontakte zu den deutschen Kommilitonen. Er möchte wieder Basketball spielen. In das neue Welcome-Programm hat er sich vor allem eingeschrieben, um die Sprache noch besser zu lernen. „Ich weiß, dass ich meine Eltern stolz machen werde.“ [Autorin: Julia Wittenhagen]

Weitere Informationen zum Academic-Welcome-Programm: www.uni-frankfurt.de/Academic-Welcome-Program