Gruß aus dem FB 06: Zum 100. Geburtstag der Goethe-Universität 2014 gab es nicht nur Mini-Goethes auf dem Campus, auch Martin Luther gesellte sich im Kleinformat dazu – Vorbote für das Reformationsjubiläum 2017.

Gruß aus dem FB 06: Zum 100. Geburtstag der Goethe-Universität 2014 gab es nicht nur Mini-Goethes auf dem Campus, auch Martin Luther gesellte sich im Kleinformat dazu – Vorbote für das Reformationsjubiläum 2017.

Der Name ist Programm? Das wäre im Fall des Fachbereichs Evangelische Theologie zu kurz gegriffen. Die Wissenschaftler befassen sich nicht nur mit dem protestantischen Christentum, sondern setzen sich auch mit anderen Religionen auseinander und dem Spannungsfeld einer multireligiösen, globalisierten Welt. Dass es den Fachbereich 06 gibt, war lange Zeit nicht selbstverständlich:

Die Gründer der Universität Frankfurt hatten bewusst auf eine Theologische Fakultät verzichtet und wünschten sich eine säkularisierte, liberale Hochschule. Nach der Einführung einzelner theologischer Professuren war es dann am Ende die an die Universitäten verlagerte Religionslehrerausbildung, die 1987 zur Gründung des Fachbereichs führte. Der Blick über den Tellerrand ist zum Markenzeichen für den FB 06 mit seiner kulturtheologischen, interdisziplinären, ökumenischen und interreligiösen Ausrichtung geworden.

»In einer Stadt wie Frankfurt, in der Menschen aus so vielen Ländern zusammenkommen, kann sich Theologie gar nicht nur mit sich selbst beschäftigen.« (Prof. Christian Wiese)

»Selbst in den Fächern, in denen wir hauptsächlich Quellen erforschen, arbeiten wir sehr stark gegenwartsbezogen «, erklärt Dekan Prof. Christian Wiese. »Wenn sich die Professur für Neues Testament zum Beispiel mit Apokalyptikforschung befasst, zielt das auch auf Endzeit-Vorstellungen und Konflikte in der Gegenwart.« Ein gemeinsam mit dem FB 07 (Katholische Theologie) getragener religionswissenschaftlicher Studiengang ist in das Fachbereichsangebot integriert.

Interreligiöser Dialog als fester Bestandteil

»Das ist etwas, womit wir uns in Frankfurt von den meisten vergleichbaren Fakultäten absetzen«, sagt Dr. Michael Schneider, der Leiter des Dekanats. Eine weitere Besonderheit des Fachbereichs ist die Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, die Dekan Wiese innehat. 1989 von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gestiftet und inzwischen vom Land Hessen getragen, will sie den Dialog zwischen Juden, Christen und religiös nicht gebundenen Menschen fördern.

Die Theologen sind außerdem im kontinuierlichen Dialog mit den Islamwissenschaftlern aus dem Fachbereich 09 (Sprach- und Kulturwissenschaften). »In einer Stadt wie Frankfurt, in der Menschen aus so vielen Ländern und mit so verschiedenen Hintergründen zusammenkommen, kann sich Theologie gar nicht nur mit sich selbst beschäftigen, sondern muss immer in Bezug zu anderen Glaubensrichtungen gesetzt werden«, stellt Wiese klar.

Bei Studierendenzahlen in der Spitzengruppe

Rund 1.300 Studierende sind am Fachbereich eingeschrieben. Gut 350 von ihnen studieren Religionswissenschaft auf Bachelor oder Magister, weitere 350 streben den Abschluss für den theologischen Magister an, der zugleich für das Pfarramt qualifiziert. Hinzu kommen noch etwa 600 Studierende, bei denen die evangelische Theologie Teil ihres Lehramtsstudiums ist, sowie die Promovenden.

»Was die Studierendenzahlen angeht, sind wir seit Jahren unter den Top-3-Standorten in Deutschland«, sagt Schneider. »Und das, obwohl bei uns alle klassischen theologischen Lehrstühle wie Altes und Neues Testament immer nur mit einer Professur besetzt sind, während diese an anderen Hochschulen normalerweise gedoppelt sind.« Schneider nimmt an, dass die inhaltlichen Akzente, bei denen Religion auf Ethik, Philosophie und politische Fragestellungen trifft und der interreligiöse Dialog eine große Rolle spielt, zumindest mitverantwortlich dafür sind, dass Studierende sich für Frankfurt entscheiden.

Islamwissenschaftler Schwerpunkt bei Religionswissenschaft

Die Studierenden von islamischer, jüdischer und christlicher Religion besuchen beispielsweise gerne Lehrveranstaltungen der jeweils anderen Glaubensrichtungen: »Die Religionswissenschaft hat bei uns einen islamwissenschaftlichen Schwerpunkt. Dadurch ziehen wir Studierende der Islamischen Studien an, und wir fordern unsere Studierenden umgekehrt auf, sich Kenntnisse über den Islam anzueignen«, führt Schneider aus. Der Fachbereich hat ein gestiegenes Interesse der Studierenden an allgemeinen religionsphilosophischen Themen beobachtet. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Studierenden mit Berufsziel Pfarramt vergrößert.

»Wobei sich die Pfarramtsstudierenden bis kurz vor dem Examen noch entscheiden können, ob sie die kirchliche Prüfung ablegen oder doch einen Magister machen und in ein anderes Berufsfeld starten«, erzählt Schneider, der auch in der Studiengangsberatung des Fachbereichs aktiv ist. Die Studierenden kommen dabei mit ganz unterschiedlichen persönlichen Hintergründen an den Fachbereich. »Einige sind kirchlich sehr verbunden, andere interessieren sich für religiöse Fragen und Strukturen, gehören selbst aber keiner Religionsgemeinschaft an«, so Schneider.

Glaubenstraditionen analysieren: Das Graduiertenkolleg »Theologie als Wissenschaft« (hier: Workshop-Situation) wird federführend von vier Fachbereichen der Goethe-Universität getragen, drei weitere Hochschulen sind beteiligt.

Glaubenstraditionen analysieren: Das Graduiertenkolleg »Theologie als Wissenschaft« (hier: Workshop-Situation) wird federführend von vier Fachbereichen der Goethe-Universität getragen, drei weitere Hochschulen sind beteiligt.

Forschung nah an der Lebenswirklichkeit

»Religion im Dialog« findet sich vielfach in der Forschung des Fachbereichs wieder. Für Ende Juni 2016 wird zum Beispiel die Entscheidung für den LOEWE-Antrag »Religiöse Positionierung: Modalitäten und Konstellationen in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten (RelPos)« erwartet. Bei diesem Projekt geht es unter anderem um die Frage, wie sinnstiftend oder zerstörerisch Religion in einer von Konflikten, Krieg und Terror gegeißelten, globalisierten Welt wirkt und welche Herausforderungen für Gesellschaften, die von religiösem Pluralismus geprägt sind, bestehen.

»Diese Fragen beschäftigen uns bis in Einzelprojekte hinein, die am Fachbereich laufen«, erklärt Dekan Wiese. Auch unabhängig von der Bewilligung des RelPos-Antrags will der Fachbereich weiter auf seine interreligiös und interdisziplinär angelegte theologische Reflexion setzen. Wiese: »Wenn wir betrachten, was jetzt die gesellschaftliche Wirklichkeit zu prägen beginnt, wissen wir, dass wir wirklich am Puls der Zeit sind und lohnende Arbeit leisten.

Kirche, Glaube, Wissenschaft – geht das?

Mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ist der Fachbereich naturgemäß eng verbunden – im Unialltag in Lehre und Forschung, aber auch bei aktuellen Anlässen, »ohne dass die Kirche auf die Inhalte Einfluss nimmt«, wie Wiese betont: »Der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau war es bei der Einrichtung des Fachbereichs ein wichtiges Anliegen, dass die Theologie nicht isoliert an einer kirchlichen Hochschule gelehrt und erforscht wird, sondern bewusst dem Umfeld einer weltlichen Universität ausgesetzt wird und damit automatisch in den interdisziplinären Diskurs eintritt.«

2014 gestalteten Fachbereich und Kirche zum Beispiel gemeinsam das 25-jährige Jubiläum der Martin-Buber-Professur und stellten dar, wie sich der jüdisch-christliche Dialog in den zurückliegenden Jahren entwickelt hat. Für 2017 steht ein weiteres wichtiges Datum an, wenn 500 Jahre Reformation gefeiert werden und an der Goethe-Universität eine große, international besetzte Tagung zum Thema Schriftauslegung stattfindet.

Aktuelle sozialethische Entwicklungen spielen an der Schnittstelle zur Kirche eine wichtige Rolle: »2015 haben wir beispielsweise gemeinsam mit der EKHN eine Veranstaltung zur Segnung homosexueller Paare organisiert und eine Erklärung verfasst«, sagt Dekanatsleiter Schneider. Immer wieder begegnet den Theologen die Frage, wie sie es selbst denn mit der Religion hielten und ob Theologie überhaupt eine Wissenschaft sei.

Der persönliche Glaube und das wissenschaftliche Arbeiten seien durchaus getrennte Dinge, betont Dekan Wiese. Vielmehr gehe es darum, Glaube mit wissenschaftlichen Methoden zu reflektieren. »Wahrscheinlich hat kaum eine Wissenschaft ihre Wissenschaftlichkeit so intensiv reflektiert wie die Theologie, unter anderem im Rahmen des interdisziplinären Graduiertenkollegs ›Theologie als Wissenschaft‹«, erklärt Wiese. »Von welchen Grundannahmen gehen wir aus, mit welcher Wissenschaftssystematik arbeiten wir? Ich glaube, da haben wir schon einen halben Schritt mehr gemacht als so manch andere Wissenschaftsdisziplin.«

Zahlen, Daten, Fakten

Fachgebiete:

  • Altes Testament
  • Neues Testament
  • Kirchen- und Theologiegeschichte
  • Systematische Theologie (Dogmatik & Ethik)
  • Praktische Theologie/Religionspädagogik
  • Religionswissenschaft
  • Jüdische Religionsphilosophie

Der FB Evangelische Theologie kooperiert mit der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die vier evangelisch-theologischen Professuren dort ergänzen das Frankfurter Angebot. Mit dem Institut für Theologie und Sozialethik der TU Darmstadt ist der Fachbereich außerdem in Lehre und Selbstverwaltung verbunden.

Studiengänge:

  • Lehramt Evangelische Religion
  • Pfarramt/Magister Theologie
  • Bachelor/Master Religionswissenschaft (gemeinsam mit FB 07)
  • MA Religionsphilosophie (gemeinsam mit FB 07)

Weiterlesen:
Anfang Juli 2016 erscheint die neue Ausgabe des Forschungsmagazins Forschung Frankfurt zum Thema »Gott und die Welt – Religionen und Gesellschaft«.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.16 des Mitarbeitermagazins GoetheSpektrum erschienen.