Seit einigen Jahren wird das Messen, Zählen und Vergleichen in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen in unserem Alltag immer präsenter. In der Arbeitswelt werden Leistungen gemessen, aber auch im Privaten gewinnen Zahlen und Daten an Bedeutung – etwa dann, wenn es um eine Verbesserung körperlicher Kennwerte oder die Zahl an Likes in Social Media geht. Die Möglichkeiten, sich selbst und andere zu vermessen, werden dabei insbesondere durch den digitalen Wandel beständig erweitert. Das wirft Fragen auf: Welche Folgen hat dies alles für Beziehungen zu anderen, aber auch für Körper- und Selbstbilder? Welche Rolle spielt das Messen, Zählen und Vergleichen bei individuellen oder sozialen „Pathologien“? Wie normalisieren sich neue Formen destruktiver Umgangsweisen als Bestandteil unserer Kultur?

Diese Thematik steht im Zentrum der interdisziplinären Tagung „Pathologie und Normalität in der Gegenwart. Ambivalenzen des Messens, Zählens und Klassifizierens in Psychoanalyse und Kultur“, die am 14. Dezember 2018, 9:30 bis ca. 17:30 Uhr am Sigmund-Freud-Institut (Myliusstraße 20, 60323 Frankfurt am Main) stattfindet. Das Symposion richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Studierende. Ausgerichtet wird die Konferenz vom Sigmund-Freud-Institut (SFI) – einem Kooperationsinstitut der Goethe-Universität Frankfurt – in Zusammenarbeit mit der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin. Sie schließt damit an eine bereits im vergangenen Jahr von beiden Institutionen gemeinsam organisierte Tagung zu „Pathologie und Normalität in der Gegenwart“ in Berlin an, die großen Anklang gefunden hat. Ein besonderer Fokus der Veranstaltung liegt auf dem interdisziplinären Austausch zu den psychischen Folgen gesellschaftlichen und kulturellen Wandels. Vorgesehen sind Beiträge aus Psychoanalyse, Sozial- und Kulturwissenschaften sowie Medizin.

Zum Auftakt des Symposions führt Prof. Vera King, die als Direktorin des SFI die Kooperationsprofessur zwischen Goethe-Universität und Sigmund-Freud-Institut innehat und die Tagung mitveranstaltet, gemeinsam mit Prof. Benigna Gerisch, Psychoanalytikerin und Professorin für Klinische Psychologie, Psychodynamische Beratung und Psychoanalyse an der IPU Berlin, in das Tagungsthema ein. Prof. Joachim Küchenhoff, Psychiater und Psychoanalytiker sowie emeritierter Direktor der Erwachsenenpsychiatrie Baselland, wird sich damit befassen, auf welche Weise pathologische Phänomene mehr und mehr als normal erachtet werden, und dabei auch die Bedeutung des Messens und Klassifizierens einbeziehen. Ein Plädoyer für die empirische Vermessung von Pathologie und Normalität am Beispiel der Depression wird Prof. Dorothea Huber halten, Professorin für Klinische Psychologie und Psychosomatik an der IPU Berlin und ehemalige Chefärztin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in München.

Wie Messen und Zählen als Zwang sowohl Halt als auch Leid bedeuten können, darüber sprechen Annabelle Starck und Felix Schoppmann (beide SFI) sowie Prof. Heinz Weiß, Chefarzt für Psychosomatische Medizin am RBK Stuttgart, Professor an der Universität Tübingen und Leiter des medizinischen Schwerpunkts des SFI. Der Beitrag stützt sich auf ein laufendes Forschungsprojekt am SFI. Im Anschluss rücken Benigna Gerisch, Vera King und Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt, die Paradoxien der Optimierung mit Zahlen in den Blick. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des laufenden Forschungsprojekts „Das vermessene Leben“ präsentieren sie erste Ergebnisse der Studie.

Abgerundet wird die Veranstaltung durch eine Podiumsdiskussion. Den Impuls hierfür setzt Prof. Uwe Vormbusch, Professor für Soziologische Gegenwartsdiagnosen an der Fern-Universität Hagen, der sich eingehend mit der „Herrschaft der Zahlen“ befasst hat.

Anmeldung: Annette Sibert, Sekretariat Sigmund-Freud-Institut, Telefon 069 971204-148, tagung@sfi.eu; Anmeldeschluss ist der 1. Dezember

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Quelle: Pressemitteilung der Goethe-Uni vom 15. November 2018