Reinhold Ewald: Bertel Ewald und Louis Wahn, um 1940. Privatbesitz; Foto: Dettmar

Reinhold Ewald: Bertel Ewald und Louis Wahn, um 1940. Privatbesitz; Foto: Dettmar

Leuchtende Rottöne zwischen Orange und Magenta, die sich mit Blau, Cyan und Gelb zu einem kontrastreichen und eindrucksvollen Farbenspiel entspinnen. Experimentelle Formen, die perspektivische Grenzen überwinden und vom Figurativen bis in die nahezu vollkommene Abstraktion wechseln. Eine eindrucksvolle Farbigkeit, die auf das vergnügliche Treiben der Zwanzigerjahre trifft. Die goldenen Zwanziger mit ihren Caféhäusern, Tanz- und Theaterlokalen.

Die Nacht- und Vergnügungsszenen dieser Zeit in Frankfurt, zwischen spätem Expressionismus und neuer Sachlichkeit, das leichte Aufatmen der Zwischenkriegsjahre, der kurze Frieden vor dem nächsten Sturm. Aber auch die Gedämpftheit zur Zeit des Nationalsozialismus und das Sich-Schuldig machen. Das Neuaufstellen, Sich-Wiederfinden in den späten 60er Jahren und der erneute Mut zu heiterer Farbe und Flächigkeit.

Dies sind Eindrücke der aktuellen Ausstellung des Museum Giersch der Goethe-Universität, die derzeit anlässlich des 125-jährigen Geburtstages des Hanauer Künstlers Reinhold Ewald (1890 –.1974) in einer gemeinsamen Retrospektive mit dem Historischen Museum Hanau Schloss Philippsruhe zu sehen sind. Erstmalig und dabei in einer überregionalen Würdigung, widmen sich beide Häuser an zwei Standorten der ganzen Bandbreite des vielfältigen Schaffens des Künstlers.

Das Museum Giersch richtet den Blick dabei eingehend auf das malerische Gesamtkunstwerk des Künstlers, das nicht nur die Hauptschaffenszeit der Zwanzigerjahre in Augenschein nimmt, sondern ebenso die umstrittenen späteren Schaffensperioden.

Die Auseinandersetzung mit Farbe und Hinwendung zur Abstraktion

Die Auseinandersetzung mit Farbe stellt eines der auffälligsten Merkmale in Ewalds Schaffen dar und wird bis zuletzt zentrales Charakteristikum in dessen Werk bleiben. Gerade die früh datierten Ausstellungsbilder bestechen durch eine gewagte Farbsetzung. Der Tradition der Expressionisten folgend, inszeniert Ewald kontrastreiche Farbenspiele, die nicht nur ein interessantes Wechselspiel aus Komplemen- tärfarben entstehen lassen, sondern zudem kunstvolle Farbbrüche erzeugen.

Der freie Umgang mit Farbe lässt sich dabei auch in Bezug auf die Form erkennen und durch Aufhebung von Perspektive zugunsten einer breiten Flächigkeit einen neuen Seheindruck entstehen. Zwar scheinen Motivreduzierungen und Setzungen von markanten Formelementen zentral in Ewalds Bilderkorpus zu sein, dennoch bleibt dieser trotz Abstraktionstendenzen, stets dem Figürlichen verhaftet. Der farblichen Schwere der frühen Bilder folgen schließlich im Spätwerk die hellen, klaren Farbtöne, die sich mit einer zunehmenden Auflösung der traditionellen Perspektive verbinden.

Das Weibliche als zentrales Bildmotiv

Die Frau als Inspirationsquelle ist stets Motiv gebend und findet in Ewalds Werk bis zuletzt eine facettenreiche Bearbeitung. Er porträtiert vor allem das „bewegte“ Leben der modernen Frau. In einem gewagten Akt präsentiert er den aufkommenden Frauentypus – modern, unabhängig und androgyn. Der Bubikopf der Zwanziger versinnbildlicht die neue Autonomie der Frau über ihren Körper und ihre Loslösung von gesellschaftlichen Normvorstellungen.

Die Unangepasstheit und gerade errungene Autonomie weicht schließlich dem Bild der idealisierten Frau zur Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus. Der ideologische Blick der Nationalsozialisten ersetzt die moderne Individualität der vorangegangenen Motive durch eine naturalistische Form. Dem typisierten und idealisierten Frauenbild der Nationalsozialisten entzog sich auch Ewald nicht.

EXPRESSIV. EXPERIMENTELL. EIGENWILLIG.
Der Künstler Reinhold Ewald (1890-1974). 13. September bis 24. Januar im Museum Giersch der Goethe-Universität. www.museum-giersch.de
Die Bilder der 1930er und 1940er sind überdies geprägt von einer Zunahme an Stillleben und Landschaftsgemälden, die deutlich an markanter Farbintensität der frühen Arbeiten einbüßen. Deutlich wird das zwiespältige Wirken des Künstlers zur Zeit des Nationalsozialismus, das stets zwischen Opfer- und Täterschaft wechselte. Die Frau jedoch diente ihm zu jeder Zeit als Projektionsfläche der jeweiligen Zeit- und Rollenverständnisse.

Motivisch entwickelt sich diese in den 40er Jahren und in Anlehnung an die Femme Fatale der „film noirs“ erneut zur autonomen, jedoch gefährlichen Frau. Diese Ambivalenz schwingt immer auch in der Inszenierung des Weiblichen mit, stets zwischen Huldigung und Voyeurismus schwankend.

Aktzeichnungen und Tanz

Die Aktzeichnungen Ewalds, die er im gesamten Zeitraum von den 20er bis zu den 60er Jahren anfertigte, stellen einen gelungenen Kontrast zu den sonst farbig dominierten Bildern dar. Mal hart und konturbetont, dann wieder naturalistisch und weich in der Linienführung bleibt Ewald seinem Lieblingsmotiv der Frau ebenso treu wie seinem unentwegten Drang zu stilistischer Vielfalt.

Die Arbeiten entfalten ihre Besonderheit auch darin, dass sie Ewalds Arbeitsspuren zeigen. Fingerabdrücke und verwischte Kohle- und Bleistiftspuren auf den Blättern legen den Arbeitsprozess offen. Nicht das abgeschlossene Kunstwerk, sondern die Prozesshaftigkeit, das Flüchtige wird hier zum Aura gebenden Element. Dies offenbart sich auch in der Dynamik der Bewegungsstudien.

Der Tanz, die Bewegung und Rhythmik sollen ihn bis zuletzt immer wieder aufs Neue faszinieren. So zeigt ein Bild die Tänzerin Valentine Sayton, die in den Zwanzigerjahren mit ihren Verrenkungskünsten für Furore sorgte und deren Bewegungen Ewald durch Perspektivverschiebungen einzufangen sucht.

Moderne Bildmedien als Inspirationsquelle

Obwohl Ewalds Arbeiten auch sakrale Themen zeigen und sich motivisch ebenso mit Werken Alter Meister wie Leonardo da Vinci beschäftigten, stellen der Tanz und die Frauen eine nie abbrechende Inspirationsquelle dar, auch in der Auseinandersetzung mit dem Massenmedium Fernsehen in den 60er Jahren. Ewalds Zeichnungen, die vor dem laufenden Fernseher entstanden, suchen das bewegte Bild, das stetig fortlaufende Motiv, einzufangen.

Der Versuch, das flüchtige Fernsehbild wie auch schon beim Tanz „künstlerisch zu fixieren“, liest sich wie eine Gegenposition zu der fortlaufenden, nie endenden Bilderflut der Tanzwettbewerbe und Unterhaltungssendungen des damaligen Fernsehprogramms. Vor allem Gesichter weiblicher Filmstars wie Kim Novak werden in seinen späten Zeichnungen und Ölgemälden zu einem beliebten Bildsujet erhoben. Ewalds bewegtes Leben, sein vielseitiges künstlerisches Schaffen – dies zeigt die Ausstellung im Museum Giersch auf eine distanzierte, aber gleichzeitig würdigende Weise. [Autorin: Selina Stefaniak]

Hinter den Bildern – Recherchen zum Werkverzeichnis der Gemälde Ludwig Meidners

Donnerstag 19. Nov., 19.00 – 21.00 Uhr, MUSEUM GIERSCH der GOETHE-UNIVERSITÄT Vortrag von Erik Riedel, Kurator Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum Frankfurt.

Das Jüdische Museum Frankfurt und die Ludwig Meidner Gesellschaft e. V. bereiten die Herausgabe des ersten Bands des Werkverzeichnisses der Gemälde Meidners vor, das 2016 im 50. Todestag des Künstlers erscheinen wird. Ebenso wie ihr Schöpfer haben viele der Bilder ein wechselhaftes Schicksal hinter sich. Manche gingen mit ihren Besitzern ins Exil und gerieten so in die USA oder nach Israel. Einige gingen verloren, andere tauchten unvermutet wieder im Kunsthandel auf. In seinem Vortrag erzählt Erik Riedel über die Geschichten hinter den Bildern. Er berichtet über seine Recherchen sowie die Funde in Archiven, Museumsdepots und nicht zuletzt auf den Rückseiten der Bilder, auf denen sich manchmal durchaus spannende Hinweise finden.

Eine Kooperation mit der Ludwig Meidner Gesellschaft e. V., der Stiftung Citoyen und dem MUSEUM GIERSCH der GOETHE-UNIVERSITÄT. Eintritt 3,- € an der Abendkasse, ohne Anmeldung.