Tatort-Fan: Sabine Thurau, Präsidentin des Hessischen LKA. Foto: LKA

Tatort-Fan: Sabine Thurau, Präsidentin des Hessischen LKA. Foto: LKA

Sabine Thurau, Präsidentin des Hessischen Landeskriminalamts, über Wirklichkeit und Fiktion im »Tatort«. Kooperation zwischen LKA und Goethe-Universität bei der Bürgeruni-Reihe »Tatort-Forschung«

Gemeinsam mit dem LKA Wiesbaden veranstaltet die Goethe-Universität im Rahmen der Bürgeruni die Reihe „Tatort-Forschung“: Im Wintersemester wird es an vier Abenden um die beliebte Tatort-Reihe gehen, aber auch um neueste Erkenntnisse aus der Kriminologie und Forensik. Frau Thurau, sind Sie eigentlich „Tatort-Fan“?

Ich bin immer schon begeisterte Tatort-Zuschauerin gewesen, schon seit den 70er Jahren. Ich bin etwas ‚vorbelastet‘, mein Vater arbeitete im Bundeskriminalamt. Vielleicht lag es daran, dass ich mich schon sehr früh für den Fernsehkrimi interessiert habe.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Fernsehreihe von den Anfängen bis heute?

In den letzten Jahren hat es eine ganz erhebliche Entwicklung gegeben: Der „Tatort“ ist aus meiner Sicht wesentlich spannender, realitätsnaher und lebendiger geworden. Früher wurden die Fälle von den Fernsehkommissaren nüchtern, fast schon administrativ abgearbeitet. Heute dagegen bemühen sich die Drehbuchautoren, nicht nur Themen aus dem aktuellen Zeitgeschehen aufzugreifen, sondern auch die Persönlichkeit des Ermittlers mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Nicht nur der Fall, die Opfer und Täter werden heute psychologisch differenzierter behandelt, sondern man beschäftigt sich, und das manchmal sogar noch mit höherer Priorität, intensiv mit der Figur des Kommissars. Mitunter werden dessen Abgründe im privaten und familiären Umfeld gezeigt. Das ist aus meiner Sicht ein entscheidender Faktor, der die einzelnen Folgen facettenreicher erscheinen lässt.

Der „Tatort“ ist über die Jahre vielfältiger geworden, an manchen Stellen brutaler, aber auch selbstironischer – spiegelt die Fernsehreihe aus Ihrer Experten-Sicht denn auch die Wirklichkeit wider?

Wenn man die Realitätsnähe bewerten möchte, muss man zuerst einmal berücksichtigen, dass die Filme aufgrund der Dramaturgie manche Aspekte sicherlich zuspitzen, der Zuschauer will eben auch unterhalten werden. Mir hat damals bei Horst Schimanski gefallen, dass die Kommunikation, der Umgangston zwischen den Kollegen, sehr rau und zugespitzt dargestellt wird. Damit kommt man der Realität viel näher als mit dem förmlichen Umgang im Polizeipräsidium. An der ein oder anderen Stelle ist das Drehbuch bei Schimanski schon über das Ziel hinausgeschossen. Das Verhalten eines solchen Polizisten hätte pausenlos zu disziplinarischen Maßnahmen geführt.

Es ist gleichzeitig aber auch erfrischend, weil man in der fiktionalen Darstellung von Kriminalbeamten zeigt, dass diese nicht zuletzt auch ein Spiegelbild der Gesellschaft sind. Natürlich gibt es bei der Polizei Menschen, die Suchtprobleme haben; die miteinander manchmal nicht fair umgehen; Chefs, die Defizite bei den Führungsqualitäten haben. Es wird heute kritischer in den Alltag der Polizei hineingeleuchtet – das hat es meines Erachtens früher überhaupt nicht gegeben. Regelwidriges Verhalten, Korruption, unheilvolle Seilschaften bis in die kriminelle Welt hinein gibt es nun mal auch bei der Polizei. Insgesamt wird unser Beruf im „Tatort“ aber sehr positiv und spannend dargestellt – er ist es ja auch.

Wie finden Sie denn Ihren „Mitarbeiter“ Felix Murot, gespielt von Ulrich Tukur, der ja im Wiesbadener LKA ermittelt?

Das wäre ein Beispiel für einen bewusst unrealistischen „Tatort“: Murot agiert oftmals in einem hochgradig artifiziellen Kontext. Besonders die Folge „Im Schmerz geboren“ bietet sehr viele Anleihen bei Shakespeare und Sergio Leone. Sehr spannend und interessant, aber natürlich NICHT realitätsnah. Murot hat in dieser Folge eine Reihe von Toten unter den Kollegen zu verantworten, das wäre so in der Realität nicht vorstellbar. Und wenn, dann mit erheblichen Folgen.

Welche Kommissarinnen und Kommissare gefallen Ihnen am besten, haben Sie einen persönlichen Favoriten?

Einen oder eine Lieblingsermittler/- in habe ich eigentlich nicht. Da der „Tatort“ in den letzten Jahren mit guten Drehbüchern und Regisseuren aufwarten kann, hat insgesamt auch die Qualität der Schauspieler zugenommen. Viele bekannte Mimen wie Ulrich Tukur spielen mittlerweile mit. Meret Becker wäre auch ein gutes Beispiel: eine hervorragende Schauspielerin, die im Berliner „Tatort“ die tiefgründige Kommissarin Nina Rubin verkörpert; ihr Kollege Robert Karow wird von Mark Waschke gespielt. Was mir persönlich am neuen „Tatort“ nicht gefällt, sind ausufernde Action-Elemente und Dauer-Schießereien, wie z. B. im Hamburger „Tatort“ mit Til Schweiger. Zwar erlebt man bei der Polizei auch Gewalt im Beruf, das müsste aber meines Erachtens im Film nicht derart im Mittelpunkt stehen

Falls Sie mal am Drehbuch mitschreiben dürften: Was sollte unbedingt mal gezeigt und erzählt werden?

Ich denke, es gibt noch genügend Spielraum für Neues. Unsere Arbeitentwickelt sich ja genauso dynamisch, wie sich die Gesellschaft verändert. Eine bedeutende Entwicklung ist sicherlich die Internationalisierung der Kriminalität. Grenzüberschreitend ist zwar bereits der Bodensee-Tatort, aber der internationale Terrorismus ist meines Wissens noch nicht wirklich behandelt worden. Wir haben heute nahezu keine Grenzen mehr, die Mobilität hat weltweit zugenommen, die Kommunikation läuft über das Internet. Im Darknet agieren Täter, aber auch Ermittler. Letztere können allerdings wegen nationaler Zuständigkeiten und unterschiedlicher Rechtssysteme oft nur eingeschränkt agieren.

Ein weiterer Punkt wäre das Thema unaufgeklärter Fälle. Bei der Bearbeitung von Tötungsdelikten hat die Polizei zwar eine sehr hohe Erfolgsquote. Aber es gibt eben auch Fälle, die erst einmal ungelöst bleiben. Das beschäftigt uns professionell, bewegt uns natürlich auch menschlich und macht uns auch sehr unzufrieden, gerade weil man nicht weiß, ob der Täter noch sein Unwesen treibt. Solche Aspekte der Polizeiarbeit könnten stärker ihren Niederschlag im „Tatort“ finden. Allerdings muss man sehen: Ein Kriminalfall, der völlig unaufgelöst bliebe, wäre für den Zuschauer sicherlich eine große Herausforderung.

In der Fiktion verlassen sich die Ermittler oft auf ihre Intuition und ihr Gespür – ist das angesichts von DNA-Analysen in der Forensik überhaupt noch zeitgemäß, werden Kriminalfälle heute zunehmend „wissenschaftlich“ gelöst?

Das kommt ja schon vor, beispielsweise im Münsteraner Tatort. Allerdings arbeitet die Polizei nicht auf diese enge Weise mit der Rechtsmedizin zusammen, wie es Boerne und Thiel tun. Natürlich hat es durch die DNA-Analyse einen Quantensprung in der kriminalistischen Aufklärungsarbeit gegeben, wofür wir sehr dankbar sind. Die ist so erheblich, dass wir auch noch Altfälle nach Jahrzehnten aufklären können. Wir haben hier im LKA ein großes kriminalistisches Institut, das erheblich zur Aufklärung beiträgt.

Aber ein Kriminalfall wird nicht allein mittels moderner technischer Methoden gelöst – der Mensch gehört immer dazu. Spannend ist aber in einem Krimi, wenn eine Art von Sherlock Holmes durch eine analytische Betrachtung Sachverhalte aufdeckt. Der Zuschauer ist gefesselt, weil er selber auch mitdenken muss. Und das wird es in unterschiedlicher Gewichtung immer geben.

Befeuern Krimis vielleicht die subjektive Angst vor Verbrechen, die objektiv gar nicht gerechtfertigt ist?

Ich denke nein. Ein Spielfilm ist fiktional, er kann und darf sich von der Realität auch lösen. Ich finde das überhaupt nicht negativ, der Zuschauer weiß in der Regel, dass die Handlung erfunden ist, aber natürlich auch Bezüge zur Wirklichkeit aufweisen kann. Auch die Kunst trägt natürlich eine gewisse Verantwortung, welche Mittel sie verwendet, wie weit sie überhaupt in der Darstellung von Gewalt gehen darf.

Ich sehe es aber grundsätzlich als große Chance, über künstlerische Auseinandersetzungen mit brisanten Themen dem Zuschauer unbekannte Facetten zu vermitteln. Davon unterschieden werden muss aber das, was wir täglich in den Medien lesen. Journalisten tragen bei der Berichterstattung von Straftaten eine sehr große Verantwortung hinsichtlich der Form der Darstellung. Das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung sollte nicht über Gebühr beeinträchtigt werden. Denn wir leben grundsätzlich in einem sehr sicheren Land, in dem natürlich Straftaten passieren, das kann man nicht ausschließen.

Wir haben gerade in diesem Sommer eine Reihe von terroristischen Taten und Amokläufen erlebt. Glauben Sie, dass dies eine neue Dimension von Gewalttaten darstellt, wie sähe der angemessene Blick auf die Vorfälle aus?

Vorfälle mit irrationalen Einzeltätern, ob in Form des Amokläufers oder des islamistischen Terroristen, sind vor dem Hintergrund unserer Prognosen nicht wirklich überraschend. Solche Täter hat es aber immer schon gegeben: Ich erinnere hier nur an das Attentat auf dem Münchener Oktoberfest Anfang der 80er Jahre. Es sind heute aber auch neue Dimensionen von Kriminalität entstanden, vor allem mit der Nutzung des Internets. Daher sind wir heute zunehmend darauf angewiesen, mit Spezialisten zu arbeiten: mit Informatikern, aber auch beispielsweise mit Biologen und Mathematikern. Wir haben auch Islamwissenschaftler im Haus, die wichtig sind für die Behandlung des religiösen Extremismus. Die Innovationen im wissenschaftlichen Bereich sind aber auch groß, wir kooperieren daher mit Universitäten und Forschungseinrichtungen. Und wir werden künftig noch viel stärker zusammenarbeiten müssen, um die Herausforderungen zu bewältigen.

Die Fragen stellte Dirk Frank

Weitere Infos zur Frankfurter Bürger-Uni: www.buerger.uni-frankfurt.de

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.16 (PDF-Download) des UniReport erschienen.