Foto: Jüdisches Museum Frankfurt

Foto: Jüdisches Museum Frankfurt

Ab dem 20. März wird im Museum Giersch der Goethe-Universität die Ausstellung „Horcher in die Zeit – Ludwig Meidner im Exil“ zu sehen sein. In Kooperation mit dem jüdischen Museum in Frankfurt werden anlässlich des 50. Todesjahres Ludwig Meidners (1884- 1966) bisher unbekannte Werke des Künstlers erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert.

Neben bedeutenden Arbeiten der frühen expressionistischen Phase wird der Ausstellungsschwerpunkt vor allem auf weniger bekannten Gemälden und Graphiken der britischen Exiljahre liegen. Meidner, der lange Zeit ein wichtiger Vertreter des deutschen Expressionismus und Mitglied der revolutionären Künstlergruppe „Novembergruppe“ ist, wendet sich Ende der 20er Jahre dem orthodoxen Judentum zu.

Seine vormals „Apokalyptischen Landschaften“ und „expressionistische Porträtdarstellungen“ weichen vornehmlich religiösen Bildthemen. Mit dem aufziehenden Antisemitismus und der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wird Meidner zunehmend zum Opfer politischer und kunstfeindlicher Repressionen. 1933 werden seine Bilder aus deutschen Museen entfernt und er selbst als „Kunstjude“ diffamiert.

Zunehmend unter politischen und persönlichen Druck geraten, tritt er zunächst eine Stellung als Zeichenlehrer an einer jüdischen Schule in Köln an und flieht mit seiner Familie 1939 schließlich aus Deutschland nach England. Themen der Isolation und Fremdheit werden in Meidners 14-jährigem Exil zu bestimmenden Bildthemen.

Kunst im Exil

Viele der bisher unveröffentlichten Werke der Exilzeit stammen aus Konvoluten des Ludwig Meidner-Archivs des jüdischen Museums in Frankfurt und bieten einen umfassenden Blick auf das OEuvre der Exiljahre.

Die Frage nach der Bedeutung des Verlustes der Heimat und die Auswirkung auf Meidners künstlerisches Schaffen wird erstmalig gestellt. Arbeiten auf Papier, Skizzenbücher, Aquarelle, Kohleund Kreidezeichnungen, die von Meidners Not der Exiljahre zeugen, werden ebenso zu sehen sein wie großformatige Ölgemälde der frühen Phase. Die 30 Frühwerke werden den 70 Werken der Exilzeit vorangestellt und so Verbindungslinien zwischen den einzelnen Perioden gezogen.

Bildthemen wie Krieg, Apokalypse, Stadt, Religion und Porträt kehren wie auch schon in der frühen Schaffensphase wieder und werden durch persönliche Erfahrungen der Flucht und Fremdheit in einem unbekannten Land ergänzt. Der Nationalsozialismus, die Flucht aus Deutschland, aber auch Meidners Inhaftierung als „feindlicher Ausländer“ in einem britischen Internierungslager fließen thematisch in seine späten Werke ein.

Es entstehen Bilder, die von einer existentiellen Bedrohung und Isolation zeugen und sich dabei einer sehr persönlichen, nicht jedoch einer politischen Herangehensweise verschreiben. Eine starke Symbolik und eine spöttische Bildmetaphorik entsprechen den Erfahrungen des Künstlers. So karikiert Meidner die Nazis in seinem gleichnamigen Werk von 1942 auf zynische Weise, indem er sie als durch einen Affen angeführte Gruppe vermummter Gestalten inszeniert und auf diese beißende Weise Erlebnisse verarbeitet.

Das 1941 im Internierungslager entstandene Aquarellgemälde „Matrialischer Maskenzug“ zeigt bunte Figurinen, die mit Symbolen von Zerstörung und Schrecken ausgestattet von Vernichtung und Verletzung durch die Nationalsozialisten erzählen. Während die Kunst Meidner im Internierungslager als Halt in schweren Zeiten dient, ist sie ihm in einem fremden Land in dem er sich stets anonym fühlt, Ausdrucksmöglichkeit.

Kunst als Hoffnungsträger

Die Ausstellung will mit der Präsentation der Exilkunst nicht nur einen vollständigen Blick auf das OEuvre Meidners lenken, sondern zugleich betonen, welche Bedeutung den Werken auch siebzig Jahre später zukommt. Sie will nach dem Einfluss des Exils auf Künstler und ihre Karrieren und der heutigen Rezeption dieser Kunst fragen. Auch heute sind Künstler weltweit immer noch Opfer politischer und religiöser Konflikte, die sie oftmals zum Leben in der Diaspora zwingen und zu deren prominentesten Beispielen derzeit Künstler wie Ai Wei Wei oder Shirin Neshat zählen.

Der Künstler als Sprachrohr einer Gesellschaft, der die Stimmungen eines Landes und einer Epoche aufgreift, gerät auch im 21. Jahrhundert immer wieder in Bedrängnis. Der Verlust der Identität, Sprache und Heimat hinterlässt damals wie heute folgenreiche Einschnitte im künstlerischen Schaffen. Darin liegt die Aktualität der Ausstellung „Horcher in die Zeit – Ludwig Meidner im Exil“ und liest sich mit Blick auf die heutigen Krisen und Konflikte wie ein warnender Appell. [Autorin: Selina Stefaniak]

„Wir Flüchtlinge“ Horcher in die Zeit – Ludwig Meidner im Exil.
20. März – 10. Juli 2016,
Museum Giersch der Goethe-Universität.

Freier Eintritt: Das Präsidium der Goethe-Universität hat beschlossen, Studierenden, Mitarbeitern der Universität und des Klinikums freien Eintritt in das Museum Giersch der Goethe-Universität zu gewähren. Nach Ablauf einer Erprobungszeit von einem Jahr (bis zum 31.12.2016) soll eine Statistik über die Gesamtbesucherzahlen, aufgeschlüsselt nach universitären Besuchern und anderen Besuchern, vorgelegt werden.