(v. l. n. r.): Tobias Freimüller, Sandra Kegel, Michael Stolleis und Götz Aly; Foto. Dettmar

Bürger-Universität diskutierte über den Umgang der Protestgeneration mit den Verbrechen des Nationalsozialismus

Am dritten Abend der Bürgeruniversität- Reihe „1968 und die Folgen“ diskutierte ein von Sandra Kegel (FAZ) moderiertes Podium über die Frage, ob und wie sich die Protestgeneration mit den NS-Verbrechen auseinandergesetzt und damit einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel herbeigeführt hat. Der Historiker und Publizist Dr. Götz Aly beschrieb in seinem Eingangsstatement die Sozialisation der zwischen 1940 und 1950 Geborenen als eine, in der der Holocaust kaum oder gar nicht behandelt worden sei.

Über die ersten Begegnungen mit dem Thema Judenmorde im Schulunterricht habe seine Generation, so der 1947 geborene Aly, nicht mit ihren „vereisten“ Eltern sprechen können. Das „Gift“ der Elterngeneration, das NS-Regime und den Holocaust nicht zu hinterfragen, sei quasi auf die Jungen übergegangen. Aly erklärte, dass die vor allem von Fritz Bauer losgetretene Beschäftigung mit den NS-Verbrechen spätestens 1968 zum Erliegen gekommen sei; die Linke habe „den Faschismus internationalisiert“ und sich mit den Protestbewegungen weltweit solidarisiert, damit habe man zugleich das Thema auf Distanz gehalten. Aly konzedierte, dass diese Flucht vor der Vergangenheit menschlich durchaus verständlich sei.

Aufbruch und Beharren

Dr. Tobias Freimüller, Historiker und stellvertretender Direktor des Fritz Bauer Instituts, plädierte dafür, das Phänomen des 68er-Protestes nicht auf ein Jahr zu beschränken, sondern in einen historischen Kontext einzubetten, der bereits mit den 50er-Jahren beginnt. „Es reicht nicht, aus heutiger Sicht nur auf die politischen Aktivisten der 68er-Bewegung zu schauen. Die Zuspitzung gesellschaftlicher Konflikte begann früher, beispielsweise mit der SPIEGEL-Affäre im Jahre 1962. Aber auch die Generationskonflikte setzten nicht erst mit den Studentenprotesten ein.“

Freimüller kritisierte Alys Bild vom „Gift“, das die Elterngeneration weitergereicht habe. Neben der APO habe es innerhalb der 68er-Generation auch viele Reformer gegeben, die mit der Politik Willy Brandts sympathisiert hätten. Auch Freimüller konstatierte ein Verschwinden der Beschäftigung mit Auschwitz ab 68. Im Unterschied dazu konstatierte der Rechtshistoriker Prof. Michael Stolleis (Goethe-Universität) eine Aufbruchsstimmung in der Jurisprudenz ab 68; viele junge Juristen hätten eine kritische Haltung zur Vergangenheit eingenommen; ihnen sei bewusst gewesen, dass viele Nazi-Juristen damals noch im Amt gewesen seien.

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer habe, vom liberalen Geist Hessens profitierend, wichtige Impulse gesetzt. Das in einigen aktuellen Filmen vermittelte Bild eines völlig isolierten Einzelkämpfers stimme allerdings nicht, so Stolleis; das sei eher das Produkt einer Selbststilisierung Bauers gewesen. Stolleis betonte, dass es aber nicht ohne Risiken gewesen sei, sich Ende der 60er-Jahre mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen, wie er es in seiner Promotion zum NS-Recht getan habe. Konsens herrschte auf dem Podium in der Einschätzung, dass in den 70er-Jahren die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen erlahmte. Erst mit der Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ im Jahre 1979 sei das Thema in der Gesellschaft angekommen.

Streit über den Antisemitismus-Vorwurf

An das Podiumsgespräch schloss sich eine bisweilen emotional geführte Diskussion mit dem Publikum an. Kritik wurde vor allem an Alys These geübt, dass sich die Protestbewegung der Auseinandersetzung mit dem Holocaust entzogen habe. Viele berichteten von einer NS-kritischen Gesprächskultur in Schule und Elternhaus. Auch der laut Aly verbreitete, wenn auch latente Antisemitismus in linken Kreisen wurde in Abrede gestellt; in einer Stadt wie Frankfurt sei man sensibel für die Aufarbeitung der Judenverfolgung gewesen.

Aly entgegnete, dass die Reaktion der deutschen Linken auf den Sechs Tage-Krieg deutlich die Widersprüche der Zeit spiegelte: „Der Spruch ‚USA – SA – SS‘ hatte deutlich eine Entlastungsfunktion. Daran wollen sich von meinen Generationsgenossen leider heute viele nicht mehr erinnern.“ Michael Stolleis führte aus, dass der Antiamerikanismus der Linken sicherlich zu antisemitischen und antiisraelischen Haltungen geführt habe.

Er plädierte zum Abschluss dafür, darauf zu verzichten, den 68ern aus heutiger Sicht vorzuhalten, was sie hätten besser machen können. „Das wäre unhistorisch; stattdessen geht es darum, nach den Ursachen für die verzögerte Auseinandersetzung mit dem Holocaust zu forschen.“

Zum Abschluss der Bürger-Uni-Reihe „50 Jahre in Bewegung: 1968 und die Folgen“, die in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Stadtbücherei Frankfurt stattfand, ging es am 6. Dezember (19.30 Uhr, Zentralbibliothek) um das Thema „Hauptsache eine Theorie? 1968 und die Exklusivität des Diskurses“. Auch dazu wird im UniReport ein Nachbericht erscheinen (Ausgabe Februar 2019).
www.buerger.uni-frankfurt.de

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »