Rainer Forst

Zur Frankfurter Bürger-Universität gehört in diesem Jahr die vierteilige Reihe „50 Jahre in Bewegung: 1968 und die Folgen“. Sie startete im Sommersemester 2018 mit der Frage „Demokratie für alle: Ist der 68er-Aufbruch in Gefahr?“, danach folgte das Thema „Entfesseltes Ich: 1968 und das Experiment mit neuen Lebensformen“. Die Reihe, die im Wintersemester 2018/19 fortgeführt wird, ist eine Kooperation der Goethe-Universität mit dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Kein »Alarmismus« und »transnationale Lösungen«

Die Auftaktveranstaltung fand im Foyer des Präsidiums-Gebäudes statt. Mit dabei vonseiten des Clusters waren Nicole Deitelhoff, Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungen, in deren Händen die Moderation lag, und der Co- Sprecher des Forschungsverbundes Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie.

Von der FAZ kam Jürgen Kaube, der für das Feuilleton zuständige Herausgeber. Komplettiert wurde das Podium durch Jutta Ditfurth, Soziologin, Autorin und Frankfurter Stadtverordnete, sowie den Rechts- und Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, Redakteur der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Ausgangspunkt der Podiumsdiskussion war die Frage, ob der, zumindest auch, von der 68er-Bewegung ausgelöste politische und gesellschaftliche Fortschritt einem Backlash ausgesetzt sei.

Jutta Ditfurth

Das Erstarken rechtspopulistischer Parteien und auch autoritärer Regime, die ihrer Verfassung nach pluralistische Demokratien sind, gelten manchen Beobachtern als Zeichen dafür. Solche Gegenbewegungen habe es in den letzten Jahrzehnten immer wieder gegeben, so Rainer Forst – in den USA auch schon vor Donald Trump und in Deutschland vor allem mit Franz Josef Strauß.

Die Geschehnisse in Polen, Ungarn und der Türkei hätten allerdings eine besondere Qualität. Hier sei „die Krise der normativen Ordnungen“ in vollem Gange. Zumindest auf die Bundesrepublik bezogen sieht Jürgen Kaube aktuell keinen Grund zum „Alarmismus“. Der Rechtsstaat funktioniere sehr gut, und auch vor Alexander Dobrindt brauche man „nicht zu erschrecken“.

Der CSU-Politiker hatte vor Kurzem eine „bürgerlich-konservative Wende“ gefordert. Für Albrecht von Lucke ist der „autoritäre Backlash mit Händen zu greifen“, auch in Deutschland. Die hohen Wahlergebnisse der AfD seien schon besorgniserregend, richtig gefährlich werde es, und das deute sich an, wenn AfD-Positionen immer mehr von etablierten Parteien, namentlich der CDU/CSU, aufgenommen würden.

Nicole Deitelhoff

Jutta Ditfurth, einst Gründungsmitglied der Grünen und dann wegen inhaltlicher Differenzen aus der Partei ausgetreten, lenkte den Blick auf linke und kapitalismuskritische Positionen. Es gebe viele junge, hoffnungsvolle Aktivisten, nicht nur randalierende G20-Protestanten. Die Neue Rechte bezeichnete sie als das personifizierte „Ende der Aufklärung“. Was die Deutung der Zeit um 1968 angeht, verwies Jutta Ditfurth auf den erklärten Anspruch vieler Protagonisten.

Diesen sei es damals weniger um eine irgendwie geartete Liberalisierung der Gesellschaft gegangen, sondern gleich um die Abschaffung des gesamten kapitalistischen Systems. Jürgen Kaube teilte diese Analyse und sah die Folgenlosigkeit der politischen 68er-Maximalansprüche auch darin begründet, dass es in Deutschland „keine Basis für eine Revolution“ gegeben habe.

„Viele der damaligen Wortführer hielten die Zeit der Revolution tatsächlich für gekommen“, so Rainer Forst. Auch damit hätten sie im Gegensatz zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule um Adorno und Habermas gestanden. Die aktuell viel diskutierte und bücherfüllende Frage, was 68 denn wirklich „gebracht“ habe, stand von der Themenstellung her nicht im Mittelpunkt des Bürger-Uni-Auftaktabends.

Rainer Forst gab zu Bedenken, dass zu unterscheiden sei zwischen dem, was 68 war, und dem, was daraus geworden ist. Albrecht von Lucke erinnerte daran, dass Jürgen Habermas von einer „Fundamentalliberalisierung“ der deutschen Gesellschaft im Gefolge der Studentenrevolte gesprochen habe. Jürgen Kaube vertrat die Ansicht, dass viele der gesellschaftlichen Fortschritte ihre Wurzeln schon in der Zeit vor 1968 gehabt hätten.

Albrecht von Lucke

Abgesehen von der Frage, wie groß das aktuelle Backlash-Risiko tatsächlich ist, war sich die Runde einig, dass man autoritären und antiliberalen Tendenzen unbedingt entgegenwirken müsse. Jutta Ditfurth sprach sich dafür aus, Anhänger rechter und rechtspopulistischer Bewegungen kommunikativ auszugrenzen. Dagegen wandte sich dann Nicole Deitelhoff. In einer Demokratie, so die Politikwissenschaftlerin, die auch das Leibniz- Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) leitet, müsse man sich aktiv mit allen Meinungen auseinandersetzen.

Jürgen Kaube empfahl vor allem „Pragmatismus“. Es gelte darüber nachzudenken, warum so viele Menschen nicht zur Wahl gingen. Auch eine Stärkung des Stolzes auf den Rechtsstaat könne die Demokratie festigen. Rainer Forst schließlich warnte davor, dass die etablierten Parteien mit den rechten Parteien in einen Wettstreit um „das nationale Schneckenhaus“ treten. Angesichts extremer sozialer Ungleichheiten müssten besonders die linken Parteien nach „transnationalen Lösungen“ suchen. Denn der Kapitalismus ließe sich nicht im Alleingang und innerhalb eines Landes zähmen.

»Die Kleinfamilie ist den gesellschaftlichen Herausforderungen nicht gewachsen«

Bei der zweiten Veranstaltung der Bürger-Uni- Reihe zu 68 ging es um das „Entfesselte Ich“ – um 68 und das Experiment mit neuen Lebensformen. Moderator Thomas Thiel (FAZ) diskutierte mit der Juristin und Frauenrechtlerin Prof. i.R. Sibylla Flügge, der Fotografin Gisela Getty, dem Trendforscher Matthias Horx und dem Historiker Prof. Till van Rahden (Université de Montréal) um die „kulturelle“ Seite des 68er-Aufbruchs, um Kunst und Politik, Frauen und Familie.

Jürgen Kaube

Gisela Getty, damals unter anderem auch Mitglied der Berliner Kommune 2, beklagte einleitend den männlich geprägten Diskurs der Zeit. Politische Dogmen durften nicht infrage gestellt werden. Sie habe gespürt, dass sie auswandern müsse, Grenzen überschreiten, um sich jenseits der festgelegten Geschlechterrollen neu zu erfinden. Till van Rahden wies auf die Doppelbödigkeit der neuen Pädagogik hin:

Einerseits sei die anti-autoritäre Erziehung stark von Männern geprägt gewesen, die Kinder gewissermaßen „zu Geiseln“ der Revolution gemacht hätten; andererseits hätten Mütter die Erziehung ihrer Kinder selbst in die Hand genommen. „In der Provinz standen die Kinder im Fokus, nicht abgehobene revolutionäre Ideen“, so van Rahden. Matthias Horx, der die Nachwehen der 68er im darauffolgenden Jahrzehnt miterlebt hat, rief in Erinnerung, dass die 68er-Generation eine Vernachlässigung von Kindern auch in bürgerlichen Familien erlebt hätte und es daher anders machen wollte.

Im Zuge einer Kultur der Selbstfindung sei sicherlich auch vieles schiefgegangen und oft in eine Ideologisierung umgeschlagen. „Mädchen sollten bei uns mit Baggern spielen.“ Horx beschwerte sich darüber, dass der pädagogische Aufbruch 50 Jahre später schlecht geredet werde; immerhin habe man versucht, die Geschlechterrollen aufzubrechen. „Es war eben ein großes Experiment; wir waren die Aussteiger nach der Nazigeneration und wollten verhindern, dass unsere Kinder noch einmal diese autoritären Hierarchien kennenlernen“, erläuterte Sibylla Flügge, damals Mitglied des sogenannten Frankfurter Weiberrates.

In den Kinderläden hätten sicherlich Pädagogen gewirkt, die dafür eigentlich nicht ausgebildet waren. „Aber wir wollten es ja eben anders machen als die ‚normalen‘ Erzieher“, betonte Flügge. Gab es bereits vor 68 kulturelle Gegenbewegungen, wollte Moderator Thomas Thiel von seinen Gästen wissen. „Die Suche nach dem Neuem begann in den 50er Jahren“, führte Till van Rahden aus; es sei vor allem darum gegangen, die demokratische Familie zu etablieren. Dies habe den 68ern aber nicht mehr gereicht.

Gisela Getty und Till van Rahden

„Ich bin selber in einem patriarchalen System aufgewachsen“, berichtete Sibylla Flügge; die Wohngemeinschaft sei für sie aber keineswegs im Zeichen eines ungebremsten Individualismus zu sehen, wie heute oft behauptet werde. Vielmehr sei es vor allem darum gegangen, Verantwortung zu übernehmen. „Auch wenn die WG damals ihren Mitgliedern einiges abverlangte: Die Kleinfamilie, wie man sie kannte, war und ist angesichts der gesellschaftlichen Anforderungen überfordert“, stellte Matthias Horx als These in den Raum.

Horx wies auf neuere Entwicklungen hin, wie beispielsweise genossenschaftlich organisierte Wohnprojekte. Die Kernfamilie sei heute für viele Menschen nicht mehr der alleinige Bezugspunkt, stattdessen spielten erweiterte Freundeskreise eine immer größere Rolle. Gisela Getty sträubte sich dagegen, den Aufbruch von 68 auf Kinderläden zu reduzieren:

„Wir wollten eine ganz andere Welt – eine, die von Liebe geprägt ist. Das hatte es vorher nicht gegeben.“ Das „Sich-selbst-Erfinden“, die Suche nach einem anderen Ich, sei für sie auch nach dem Ende der großen Utopien weitergegangen. Moderator Thiel knüpfte daran an und fragte, ob die Selbstfindung und -ermächtigung der 68er-Bewegung in der Folge nicht auch ökonomisch ausgenutzt worden sei. „Das ist im Prinzip ein abwegiger Gedanke“, betonte Till van Rahden; viel prägender für die Ansprüche der Gesellschaft sei hingegen der Satz Erhardts „Wohlstand für alle“ gewesen.

[Autoren: Bernd Frye und Dirk Frank; Fotos: Uwe Dettmar]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »