Moderator Vinzenz Hediger, Professor für Filmwissenschaft an der Goethe-Universität, fragte einleitend in die virtuelle Runde, was sich durch den Aufstieg populistischer Bewegungen in der journalistischen Arbeit geändert habe. Helga Schmidt, die für den WDR und NDR aus Brüssel berichtet, sieht in der Präsidentschaft von Donald Trump einen Wendepunkt, mittlerweile werde ein Viertel der EU-Länder von Populisten regiert. Für die öffentlich-rechtlichen Medien stelle sich nicht nur im Hörfunk und im Fernsehen die Frage, wie sie auf diese Phänomene reagieren sollen. Die Faktenleugner seien aber vor allem auf Social Media präsent, dort müsse man mit ihnen konkurrieren. Ina Dahlke von der Wissenschaftsredaktion des Hessischen Rundfunks berichtete von regelrechten verbalen Attacken auf Journalisten, die beispielsweise von Impfgegnern und Leugnern des Klimawandels ausgingen; dies habe es früher in dieser Form nicht gegeben.

Jürgen Kaube, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, betrachtet Populismus zuerst einmal als ein neues Thema, das man als Journalist verstehen müsse. Komplizierter sei die Frage, warum Populisten überhaupt gewählt werden. Auch die Wissenschaft könne dies bislang noch nicht erklären. Während die Diagnose einer „Spaltung der Gesellschaft“ für die USA zutreffe, könne davon in Deutschland nicht die Rede sein. Hier habe man es vielmehr mit Wechselwählern zu tun. James Poniewozik, Chief Television Critic der New York Times, beschrieb, welchen Einfluss Donald Trump bereits als Entertainer auf die Gesellschaft ausgeübt habe. Er habe in einer Sendung wie „The Apprentice“ geradezu Konflikte zelebriert; das öffentliche Leben sei seitdem oftmals selber zu einer Art von TV Show mutiert.

Ein weiterer Aspekt des Populismus sei eine „Politik der Schamlosigkeit“, formulierte Vinzenz Hediger. Wie können die Medien mit gezielten Provokationen seitens der Populisten umgehen? Sie glaube nicht an eine Konsequenzlosigkeit, betonte Helga Schmidt; Skandale wie um die Panama Papers oder Wirecard seien aufgedeckt worden, das sei doch eine Stärke des Journalismus, der heute vor allem vernetzt arbeite. „Der investigative Journalismus funktioniert noch. Aber Populisten gehen leider unbeschadet daraus hervor“, meinte Ina Dahlke. Doch deren Follower störe das nicht, das mache ihr Sorgen. Möglicherweise sei die Einschätzung, dass die Schamlosigkeit zugenommen habe, auch von einem nostalgischen Blick auf die Vergangenheit geprägt, warf Jürgen Kaube ein. Dass Parteien sich deutlich voneinander unterscheiden, sei in früheren Diskussionen sogar gefordert worden.

Auch James Poniewozik gab zu bedenken, dass nichts in der Politik wirklich neu sei. Das Format Reality TV habe aber seit den 1980er-Jahren dazu geführt, dass derjenige, der etwas sagt, was aber offensichtlich nicht stimme, auf einmal als „authentisch“ gelte. Die Parteilichkeit von US-Sendern wie Fox News und CNN wurde in der Diskussion eher kritisch gesehen. Allerdings erinnerte Helga Schmidt an die „Flüchtlingskrise“ des Jahres 2015: Journalisten hätten sich teilweise mitreißen lassen vom „Wir schaffen das“ und kritische Stimmen zu wenig berücksichtigt. Jürgen Kaube sieht keine Grundlage dafür, dass eine Zeitung wie die FAZ in eine wirkliche Diskussion mit den Leserinnen und Lesern via Social Media eintreten könne, dafür fehlten einfach die Ressourcen. „Mehr als einen Artikel über ein Thema zu schreiben geht nicht, aber natürlich werden bei der Behandlung eines Themas wie dem Klimawandel Gegenargumente berücksichtigt.“ Er wünscht sich mehr Gelassenheit der Medien im Umgang mit Kritik.


Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4/2021 (PDF) des UniReport erschienen.