Zum 150. Mal jährte sich die Gründung des Deutschen Kaiserreichs und gab somit Anlass für eine Auseinandersetzung mit den Brüchen und Kontinuitäten seit 1918. Welche neuen Ansatzpunkte ergeben sich für die Forschung? Wie kann das Kaiserreich heute gedeutet werden? Zudem sollten auch die vielen Facetten der deutschen Gesellschaft und die heutige Vermittlung des Kaiserreichs thematisiert werden. Mit all diesen Themen beschäftigten sich die Referent*innen während der zweitätigen Tagung, die in der Schlosskirche des Bad Homburger Schlosses stattfand und an der über Zoom knapp 100 Interessierte beiwohnten. Aufgeteilt war die Veranstaltung dabei in drei Sektionen, die sich mit der historiographischen Positionierung, den Ambivalenzen der Moderne sowie der Vermittlung des Kaiserreichs in Museen und Schulunterricht auseinandersetzten.

Kein Historikerstreit

Zu Beginn der ersten Sektion verwies Torsten Riotte (Frankfurt am Main) auf die derzeitige Debatte in der Geschichtswissenschaft über das Deutsche Kaiserreich. Er stellte klar, dass diese kein neuer Historikerstreit sei, sondern nur eine Diskussion über die Deutung dieser Epoche. Die Frage sei, wie viel Differenzierung könne es bezüglich des Kaiserreichs geben. Im Anschluss beschäftigte sich Frank Lorenz Müller (St Andrews) mit einem zentralen Akteur des Kaiserreichs – Wilhelm II. Dieser sei an den gestellten Forderungen der Zeit gescheitert –, eine unparteiische modernisierende Kraft im jungen Kaiserreich zu bilden. Durch seine Art des Spektakulären habe er aber die Bildung anti-monarchistischer Kräfte verhindern können. Christoph Nonn (Düsseldorf) verwies auf die Deutung des Kaiserreichs in der Geschichtswissenschaft. Diese sei im Kern geprägt durch eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Weimarer sowie Bonner Republik. Sowohl eine positive wie auch eine negative Deutung würden dieser Epoche aber nicht gerecht werden. Stattdessen sei eine breitere Auseinandersetzung mit dem Kaiserreich nötig, um die Ambivalenz der Moderne abbilden zu können. Einen anderen Ansatz wählte Eva Giloi (Newark). Sie berichtete über die Rechtsstreitigkeiten der Hohenzollern mit Produktherstellern, die monarchische Symbole und Namen nutzten. Die Kaiserfamilie habe akzeptieren müssen, dass sich das Recht des Reiches nicht nach ihren Interessen bildete, sondern als modernes Recht nach allgemeiner Gültigkeit verlangte. Christian Jansen (Trier) verwies anschließend in seinem Vortrag auf die Gründung des deutschen Nationalstaates. Dieser sei nicht nur durch die deutschen Fürsten „von oben“ gegründet, sondern wesentlich durch die Unterstützung des Bürgertums vorangebracht worden. Das entscheidende Jahr für die Gründung sei demnach 1848/49 gewesen, da sich hier der Gedanke etabliert und die Fürsten unter Druck gesetzt habe.

Die zweite Sektion über die Facetten und Ambivalenzen der Gesellschaft des Kaiserreichs startete mit dem Vortrag von Verena Steller (Frankfurt am Main). Sie beschäftigte sich mit der deutschen Frauenrechtsbewegung am Beispiel der deutschen Juristinnen und zeigte deren internationale Verflechtungen und Wirken auf. Die wirtschaftliche Einbindung des Kaiserreichs in die erste Globalisierung bildete den Rahmen für den Vortrag von Cornelius Torp (Bremen). Er stellte die These auf, dass die Zollpolitik des Reichs ab 1890 entgegen bisheriger Ansichten der Einbindung in den Welthandel nicht schadete, sondern diese beförderte. Eine Neubewertung müsse hier vorgenommen werden. Anschließend berichtete Florentine Fritzen (Frankfurt am Main) über die Ziele der frühen vegetarischen Reformbewegung und die Unterschiede zu heutigen Klima- und Umweltschutzbewegungen.

Kritik an schulischer Vermittlung

Die dritte Sektion zur Vermittlung des Kaiserreichs startete mit einem Vortrag von Markus Häfner (Frankfurt am Main). Er behandelte die praktische Vermittlung des Kaiserreichs im städtischen Kontext. Häfner verwies auf die Möglichkeiten, Wandel und Kontinuitäten anhand des Kaiserreichs darstellen zu können. Markus Bernhardt (Essen) referierte über die Vermittlung des Kaiserreichs in Schulbüchern. Er kritisierte deren Fokussierung auf die demokratische Defizitgeschichte. Momentanes Ziel dieser sei eher die Ansichten der Schulbuchautor*innen über das Kaiserreich weiterzugeben als durch Beschäftigung mit dem radikalen Lebenswandel der damaligen Gesellschaft Einsichten für die Schüler*innen bieten zu können. Zuletzt berichtet Jacco Pekelder (Utrecht) über den Wandel des „Huis Doorn“ von einer reinen „Zeitmaschine“ zu einem Erinnerungsort, der mittlerweile auch eine kritische Reflexion mit dem Kaiserreich anzuregen versuche.

Als Resümee der Tagung kann der Schluss gezogen werden, dass eine weitere Beschäftigung mit dem Kaiserreich dessen Ambivalenz ansprechen muss, um sich diesem Untersuchungsgegenstand nähern zu können. Dabei muss aber klar sein, dass das Kaiserreich niemals in seiner ganzen Vielfalt gefasst werden kann – dafür ist der Gegenstand zu groß. Bei der Vermittlung müssen zwangsläufig Aspekte ausgelassen werden. Welche dies sein sollen und welche unbedingte Beachtung verdienen, muss Gegenstand weiterer Debatten werden.

Patrick Schäfer

Die internationale Tagung »Das Kaiserreich vermitteln: Brüche und Kontinuitäten seit 1918« fand am 21./22. Juni in Bad Homburg v. d. Höhe statt. Sie wurde von den Staatlichen Schlössern und Gärten Hessen in Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt (Konferenzleitung: Prof. Dr. Torsten Riotte) veranstaltet und stand unter der Schirmherrschaft des Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier; die Tagung erhielt großzügige Förderungen durch die Kulturstiftung der Länder (Berlin) sowie die Hessische Kulturstiftung (Wiesbaden).

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4/2021 (PDF) des UniReport erschienen.