Wer sich in Deutschland auf den Pfad einer wissenschaftlichen Karriere begibt, für den entscheidet sich im statistischen Mittel erst im fünften Lebensjahrzehnt, ob das Karriereziel „Professur“ erreichbar ist. Die in Deutschland unter anderem durch das Bund-Länder-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses (Tenure Track) eingeführte Tenure-Track-Professur möchte diese Entscheidung nach vorne verlagern und frühzeitiger verlässliche, an die eigene Leistung gebundene Perspektiven bieten.

Dr. Nicole Thaller, die gemeinsam mit Vizepräsident Prof. Rolf van Dick für die Goethe-Universität verantwortlich für die Vorbereitung der Tenure-Track-Tagung war, resümiert: „Das Besondere an der bundesweiten Tenure-Track-Tagung ist, dass sie die Themen aufgegriffen hat, die wir derzeit auch an der Goethe-Universität, etwa in der AG Wissenschaftliche Karriereförderung, diskutieren und weiterentwickeln wollen“. Bei dem bundesweiten Austausch sowie einem parlamentarischen Abend wurden Fragen nach der Verbreitung und Akzeptanz der Tenure-Track-Professur an deutschen Universitäten, den aktuellen Herausforderungen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten, ihrer „katalysatorischen Wirkung“ auf das Wissenschaftssystem insgesamt oder auch ihrer Attraktivität im internationalen Vergleich diskutiert. Nicole Thaller sieht eine ideale Verbindung der Tagungsthemen zur Situation an der Goethe-Universität: „Auch wir sehen bei uns eine Zunahme der Akzeptanz und eine Verbreitung von Tenure Track in unterschiedlichen Fachkulturen und damit ein zunehmendes Einlassen auf den neuen Karriereweg zur Professur.“

Berufungsalter

Das BMBF verbindet mit der flächendeckenden Implementierung der Tenure-Track-Professur auch eine Absenkung des Berufungsalters. Allerdings sei für das BMBF das Programmziel, ein niedrigeres Berufungsalter zu erreichen, bisher nicht erreicht. Hier werden den bisher vorliegenden (vorläufigen) bundesdeutschen Zahlen die rund 36 Jahre bei Berufung auf eine Tenure-TrackProfessur mit ihrer sechsjährigen Qualifizierungs- und Bewährungsphase die rund 41 bis 42 Jahre bei einer Habilitation gegenübergestellt. Einige Bundesländer, so auch Hessen, haben in ihre Landesgesetze bereits eine Sollgrenze für das wissenschaftliche Alter aufgenommen. Kontrovers wurde dieser Punkt durch die anwesenden Universitäten diskutiert. Prof. Rolf van Dick, Vizepräsident der Goethe-Universität, sagte: „Es macht schon einen großen Unterschied, hier bereits sechs Jahre früher eine verlässliche Perspektive zu haben und zu wissen, langfristig beitragen zu können.“

Reizthema Befristung

Ein häufig kontrovers gesehener Punkt ist auch die Befristung von Stellen im wissenschaftlichen Bereich. Beispielsweise von der GEW werde häufig angeprangert, dass 80 Prozent der Stellen der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen befristet seien. Rolf van Dick verweist hier auf die Keynote von Prof. Dr. Reinhard Jahn: Wenn in Deutschland immer darüber geklagt werde, dass ein hoher Prozentsatz des wissenschaftlichen Personals befristete Stellen habe, dann sollte auch berücksichtigt werden, dass Promovierende in den USA und im Vereinigten Königreich in der Regel gar keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverträge hätten, wie das in Deutschland auf Landesmittel- oder Projektstellen finanziert z.B. durch die DFG der Fall sei, sondern in der Kategorie der Studierenden mit Stipendien geführt würden.

Integration in Förderprogramme

Für die Hochschulen sind durch die häufig unzureichende Grundfinanzierung auch das Engagement und die Programme der Wissenschaftsförderorganisationen wichtig. Nicole Thaller formuliert die zentrale Frage: „Welche Rolle können die Wissenschaftsförderorganisationen wie DFG oder VW-Stiftung bei der angemessenen Ausstattung von Tenure-Track-Professuren spielen, wie kann eine Integration in die Förderprogramme erfolgen?“ Erfreulich sei in diesem Zusammenhang, dass Dr. Georg Schütte, Generalsekretär der VolkswagenStiftung, bei der Tagung habe durchblicken lassen, dass sie in diese Richtung denken. Nicole Thaller ergänzt: „Zudem sollten die verschiedenen Förderprogramme miteinander kompatibel sein, beispielsweise das Professorinnen-Programm sollte nicht nur für Regelprofessuren, sondern auch für Tenure-Track-Professuren offenstehen.“ Damit könnte die Implementierung der TenureTrack-P-rofessur ein erster Schritt zu einer neuen akademischen Kultur werden. Prof. Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität, nahm in ihrer Eigenschaft als HRK-Vizepräsidentin für Wissenschaftlichen Nachwuchs an der Podiumsdiskussion des Panels „Die Tenure-Track-Professur als Katalysator im deutschen Wissenschaftssystem“ teil; Vizepräsident Prof. Rolf van Dick begleitete ein Panel zur „Potenzialanalyse“. Dr. Nicole Thaller, im Präsidialbüro der Goethe-Universität zuständig für Grundsatzangelegenheiten und strategische Fragen der wissenschaftlichen Karriereförderung, moderierte im Zuge des zweitägigen Zusammentreffens einen Workshop (Breakout-Session) und initiierte die Gründung einer Arbeitsgruppe, die sich aus Mitgliedern aus dem gesamten Bundesgebietes zusammensetzt und nun an verschiedenen Fragestellungen wie der internationalen Attraktivität der Tenure-Track-Professur weiterarbeiten wird.

Die Tagung Die Tenure-TrackProfessur – Impulsgeberin für das deutsche Wissenschaftssystem fand als hybrides Format vom 29. bis 30. September 2020 in der Berlin-Brandenburgischen-Akademie der Wissenschaften (BBAW) und online (mit 475 Teilnehmer*innen) statt. Initiiert wurde das Zusammentreffen durch die Goethe-Universität Frankfurt, die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, die Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, die Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie den German U15 e.V. und erfuhr eine Förderung durch das BMBF im Kontext des Bund-LänderProgramms zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses (BLP TT).
Mehr Informationen unter https://tenuretrack-deutschland.de

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 6.20 (PDF) des UniReport erschienen.