Edward Jakob von Steinle, Bildnis Karoline von Steinle (1840).

Edward Jakob von Steinle, Bildnis Karoline von Steinle (1840).

Ein junges Mädchen blickt uns entgegen. Forsch und eindringlich schaut es uns an und gibt unverfroren ihr ebenmäßiges Gesicht frei. Hell und zart, mit rosigen Wangen und einem wohlgeformten Mund, bestechen die kindlichen Züge und ziehen uns in ihren Bann. Der Blick, aufgeweckt und wach, steht dem düsteren Hintergrund und der dunklen Farbe des Kleides entgegen.

Allein die türkis-blauen Zopfschleifen brechen die Gedämpftheit der Farben auf und vermischen sich mit dem leuchtenden Gesicht zu einem kontrastreichen Spiel. Das kleinformatige und goldgerahmte Kinderbildnis, das die erst vierjährige Tochter des Künstlers und Städelprofessoren Jakob von Steinle zeigt, bildet den Auftakt der derzeitigen Romantikausstellung im Museum Giersch. Anstelle stereotyp kindlicher Attributzuschreibungen erfasst das Mädchen hier eine bewusst gesetzte Ernsthaftigkeit.

Kein für die Romantik vorbildhaftes Landschaftsgemälde in der Manier eines Giganten à la Caspar David Friedrich, sondern das Porträt eines ungewöhnlich ernsten Mädchens empfängt an dieser Stelle den Ausstellungsbesucher. Die hervorgehobene Platzierung erklärt sich dabei nicht nur aus dem bezwingenden Zauber des Bildes, sondern auch aus der Offenheit seines Leitmotivs heraus – die Kindheit als eigenständige Lebensphase zu begreifen.

Das Gemälde liefert keine vorschnellen Deutungsofferten, sondern lässt dem Besucher Zeit sich einzulassen, ohne einer direkten Sichtweise folgen zu müssen. Der offene und neugierige Blick des Mädchens auf die Welt versteht sich indes wie ein Appell an den Besucher, es ihm gleich zu tun.

»Romantik ist …«

Erst im zweiten Saal widmet sich die Ausstellung bekannteren romantischen Themenkomplexen und schafft somit einen universalen Blick auf die vielseitigen Strömungen einer weitreichenden Epoche. Fern von romantischen Blockbustern präsentiert das Museum Giersch eine feine, genreübergreifende Auswahl romantischer Kunst des Rhein-Main Gebiets.

Dabei öffnet diese nicht nur die Tür zu regionalen Besonderheiten, sondern auch Tor zu der umfassenden Diversität einer ganzen Periode. Der Maxime folgend „Romantik ist heterogen“, findet sich der Besucher schließlich in facettenreicher Fülle zwischen einfachen Genreszenen, erhabenen Landschaftsgemälden, verschiedenen Porträts, aber auch feinen Naturstudien, religiösen Sujets und beliebter Mythendarstellung wieder.

Das Wandern und die Naturverbundenheit gelten als zentrale Inspirationsquellen der romantischen Epoche. In erhabenen Landschaftsgemälden und schlichten Naturskizzen schlagen sich deshalb Eindrücke von Reise- und Wanderrouten nieder. Mit dem erstarkenden Nationalgefühl richtet sich die Aufmerksamkeit vermehrt auf die heimatliche Umgebung. „Romantik ist Heimweh“ postuliert die Ausstellung mit Impressionen aus Odenwald und Taunus.

Aber nicht nur der Fokus auf die unmittelbare Heimat, sondern auch die Sehnsucht nach dem Fernen und Fremden steht charakteristisch für die Zeit. Darstellungen erhabener Alpenszenerien, sind ebenso bedeutend wie Orte des fernen Orients oder dem klassischen Sehnsuchtsziel Italien. Romantik ist überdies „Fernweh“ und lässt über heimatliche Grenzen hinaus den Blick in ferne Welten gleiten.

Der Blick nach innen

Während die Daheimgebliebenen die Bilder der Ferne bewundern, richten sie den äußeren Blick ebenso nach innen. In der häuslichen Welt des Biedermeiers zeigt sich der romantische Wunsch nach stiller Sehnsucht: in Szenerien behaglicher Wohnräume, Gärten, Treppenhäuser und Schlafzimmer. Bildnisse von Tätigkeiten des Nähens oder Lesens schmücken die heimeligen Wohnkammern und verbinden sich zu einem Rückzugsort in unruhigen Zeiten des Vormärz.

Auch die Porträtkunst wird mit dem Aufkommen des Bürgertums zu einer der wichtigsten Auftragsquellen der Künstler und Künstlerinnen. Nicht mehr die reine Machtdemonstration, sondern die schlichte Schilderung individueller Charakterzüge gewinnt in der Romantik zunehmend an Bedeutung.

»Romantik ist revolutionär und erzählt Geschichten«

Geprägt von den Auswirkungen der französischen Revolution und der anschließenden napoleonischen Ära, schreiben sich politische und revolutionäre Motive in die Bilder ein. Die Ausstellung erzählt folglich auch von Heldengeschichten, der Formierung revolutionärer Studentenverbindungen, von ersten Künstlerkolonien und Freundschaftsbündnissen.

Neben revolutionären Bildthemen gilt gleichwohl die Literatur als wiederkehrendes und beliebtes Bildsujet. Erzählungen wie die des Berggeistes Rübezahl erfreuen sich stets großer Beliebtheit. Aber auch Geschichten der Märchen und Sagen des Mittelalters erwachsen zu einem verbindenden Glied zwischen den einzelnen Disziplinen. Fortwährend finden sich biblische Szenen mit moralischem Vorbildcharakter in den romantisch- religiösen Bildern der Nazarener.

Romantik ist Vielfalt

Die Ausstellung entfaltet das facettenreiche Potenzial der Romantik und schafft Vielfalt, ohne vorschnell stilistischen Zuschreibungsversuchen Genüge zu leisten. Sie nimmt den Besucher mit auf eine Reise durch fremde und alte Welten, deren Zeichen der Zeit, sich an manch bekanntem Stadtbild ablesen lassen. Dabei leistet sie im Rückblick zeitgleich einen Ausblick auf die prägenden Besonderheiten der heutigen Region. Die Ausstellung zeigt: Romantik kann vieles sein, niemals jedoch ist sie eindimensional. [Autorin: Selina Stefaniak]