Erneut ist es Forschern an der Goethe-Universität gelungen, sich im Wettbewerb um die prestigeträchtigen Förderpreise des Europäischen Forschungsrates (ERC) zu behaupten: Dr. Christian Münch vom Institut für Biochemie II im Fachbereich Medizin und Dr. Iris Idelson-Shein vom Seminar für Judaistik und Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie erhalten jeweils einen „ERC Starting Grant“. Mit diesem Programm fördert der Europäische Forschungsrat exzellente Wissenschaftler in den ersten fünf Jahren ihrer Karriere mit insgesamt 1,5 Millionen Euro.

Dr. Christian Münch ist Biochemiker und beschäftigt sich mit den Energielieferanten unserer Zellen, den Mitochondrien. Bis zu 2.000 dieser kleinen Kraftwerke gibt es in jeder Körperzelle. Sie unterliegen einer strengen Qualitätskontrolle, um eine fehlerfreie Funktion zu gewährleisten. Christian Münch interessiert sich insbesondere für einen Mechanismus, der bei falscher Faltung von Proteinen in Mitochondrien angeschaltet wird: die sogenannte „ungefaltete Proteinantwort“. Die molekularen Details dieser Stressantwort werden besonders bei Menschen bislang nur wenig verstanden; welchen Effekt sie z.B. auf die Mitochondrien selbst, auf andere Bereiche einer Zelle oder benachbarte Zellen hat. Ebenso wenig ist bekannt, welche Signale die Stressantwort auslösen und wie diese reguliert wird. Diese offenen Fragen will Christian Münch verfolgen.

Das nun durch den Europäischen Forschungsrat geförderte Projekt ist auch biomedizinisch hoch relevant. „Bei zahlreichen Erkrankungen, darunter so schwerwiegenden wie Krebs oder Neurodegeneration, ist die Funktion der Mitochondrien gestört. In einigen Fällen sind falsch gefaltete mitochondriale Proteine direkt verantwortlich für das Krankheitsbild“, erklärt Christian Münch. Besonders spannend findet der Nachwuchsforscher die Frage, wie eine bereits gestresste Zelle mit ihrer Umgebung kommuniziert. „Ich bin überzeugt, dass es übergeordnete Systeme gibt, die die verschiedenen Qualitätskontroll-Mechanismen koordinieren und benachbarte Zellen vor einer drohenden Gefahr warnen.“ Er hofft, mit seinem ERC-Projekt hier bahnbrechende neue Erkenntnisse gewinnen zu können.

Christian Münch leitet seit Dezember 2016 eine Emmy-Noether-Forschungsgruppe am Institut für Biochemie II am Fachbereich Medizin der Goethe-Universität, zuvor war er als Postdoktorand an der Harvard-Universität in Boston (USA), seine Promotion absolvierte er 2011 an der Universität von Cambridge in England.

Prägende Übersetzungen im jüdischen Gewand

Im Projekt der Historikerin Dr. Iris Idelson-Shein geht es um jüdische Texte, die vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert als Übersetzungen aus anderen Sprachen entstanden sind. Sie trugen wesentlich dazu bei, das Leben, die Kultur, Literatur und Geschichte der Juden in der frühen Neuzeit zu prägen. Denn die meisten Juden in Europa konnten Texte in nicht-jüdischen Sprachen nicht lesen, so dass ihr Zugang zu den kulturellen Entwicklungen Europas fast ausschließlich von solchen Übersetzungen abhing.

Obwohl Übersetzungen in den vergangenen Jahrzehnten großes Interesse bei Historikern der Europäischen Geschichte erweckt haben, sind sie im Kontext der jüdischen Geschichte in der Frühen Neuzeit bisher zumeist vernachlässigt worden. „Bisher ist kein Versuch unternommen worden, sich mit der Gesamtheit der jüdischen Übersetzungen in der Frühen Neuzeit auseinanderzusetzen“, sagt Iris Idelson-Shein, „so dass deren Reichweite, geografische Verbreitung, Entwicklung und Quellen weitgehend unbekannt sind“.

Einer der Gründe für diese Forschungslücke ist die entmutigend große Vielfalt dieser Literatur, die auf Quellen in verschiedenen Sprachen beruht sowie unterschiedliche Genres, Räume und Epochen einschließt. Zusätzlich präsentierten die jüdischen Autoren ihre Übersetzungen oft als eigene Werke, um sie in ein jüdisches Gewand zu hüllen. Tatsächlich gelten bis heute einige Übersetzung auch unter Forschern als jüdische Originalwerke. Um diesen reichen und irreführenden Textcorpus angehen zu können, ist daher eine große Vertrautheit mit verschiedenen literarischen Systemen notwendig (jüdischen und nicht-jüdischen), die Beherrschung mehrerer Sprachen sowie die Kombination von historischen, literarischen, kulturellen und anderen Forschungsmethoden. Iris Idelson-Shein wird dafür eine mehrsprachige, interdisziplinäre Gruppe junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rekrutieren. Ziel ist es, den nicht-jüdischen Textcorpus zu identifizieren, der für die Entstehung des modernen Judentums prägend war.

Iris Idelson-Shein studierte Geschichte an der Universität Tel Aviv und promovierte dort 2011. Nach mehreren Stationen als Postdoktorandin, unter anderem an der University of Pennsylvania in Philadelphia, USA, ist sie seit 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie und Gastdozentin am Seminar für Judaistik der Goethe-Universität.

Quelle: Pressemitteilung vom 30. Juli 2018