Die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg besitzt eine der größten und umfassendsten afrikabezogenen Sammlungen weltweit. Die Beschaffung von Literatur vom afrikanischen Kontinent und aus der afrikanischen Diaspora ist eine zentrale Aufgabe des in der UB angesiedelten Fachinformationsdienstes (FID) Afrikastudien. So können die in Afrika geführten Wissenschaftsdiskurse und Forschungsergebnisse in Deutschland zugänglich gemacht werden.

Und dieses Jahr 2020 hat für den FID, vor allem aber für die afrikanischen Staaten selbst, eine besondere Bedeutung: Es ist 60 Jahre her, dass 18 damalige Kolonien auf dem Kontinent die Unabhängigkeit von ihren Kolonisatoren erlangt haben. Deswegen wird das Jahr 1960 auch als Afrikanisches Jahr bezeichnet und gefeiert. Die meisten, nämlich 14 Staaten, wurden damals von Frankreich unabhängig: Kamerun, Togo, Madagaskar, Benin, Niger, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Tschad, Zentralafrika, Republik Kongo, Gabun, Senegal, Mali und Mauretanien. Dazu kamen Britisch-Somaliland und Nigeria von Großbritannien, die heutige Demokratische Republik Kongo von Belgien und Italienisch-Somaliland von Italien. Aus den 18 ehemaligen Kolonien wurden 17 unabhängige Staaten, denn Italienisch-Somaliland vereinigte sich bereits am Unabhängigkeitstag mit dem fünf Tage zuvor unabhängig gewordenen Britisch-Somaliland zum heutigen Somalia.

Die Staatsgrenzen, die willkürlich von den europäischen Kolonisatoren gezogen worden waren, blieben zum größten Teil erhalten. Es blieben auch vom Kolonialismus geprägte politische und wirtschaftliche Beziehungen und Strukturen bestehen. Einige der ehemaligen Kolonisatoren, wie zum Beispiel Frankreich, nahmen wiederholt Einfluss auf die Politik der ehemaligen Kolonien. Diese politischen, militärischen und wirtschaftlichen Netzwerke werden deshalb als Françafrique bezeichnet. Auch die wirtschaftliche Ausrichtung fast aller Kolonien als Rohstofflieferanten, vor allem für Lebens- und Genussmittel sowie für Bodenschätze, blieb nach der Unabhängigkeit bestehen.

Afrikanische Intellektuelle haben sich nicht nur mit den politischen und wirtschaftlichen Folgen des Kolonialismus auseinandergesetzt, sondern auch mit den Folgen für Kultur und Wissen. Léopold Sédar Senghor, Dichter und späterer Präsident des Senegal, veröffentlichte 1948 die erste Anthologie französischsprachiger Poesie von afrikanischen Autoren.

1958, zwei Jahre vor der Unabhängigkeit Nigerias, veröffentlichte Chinua Achebe den Roman „Things Fall Apart“ (Alles zerfällt) über die Folgen der Kolonialisierung: ein Klassiker der Gegenwartsliteratur. Der Roman schildert am Beispiel eines Dorfes in der Igbo-Region, wie eine afrikanische Gesellschaft durch das Eindringen christlicher Missionare und kolonialer Herrschaft auseinanderbricht.

Der kenianische Schriftsteller und postkoloniale Theoretiker Ngũgĩ wa Thiong’o brachte 1986 mit „Dekolonisierung des Denkens“ die Debatte über afrikanische Sprachen in der Literatur in den Vordergrund. Afrikanische Literatur schließt natürlich nicht nur Literatur in europäischen und afrikanischen Sprachen ein, sondern auch Oralität. Dazu zählen mündliche Überlieferungen von Kulturgut, aber auch Slam-Poetry und Hip-Hop, die in vielen Ländern durch politik- und gesellschaftskritische Texte bedeutend geworden sind. Bücher zu diesen und vielen anderen Themen sind in der UB verfügbar: die Afrikasammlung umfasst rund 230 000 Medieneinheiten. Schauen Sie mal rein!

Aïsha Othman und Anne Schumann Duosson

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 5.20 des UniReport erschienen.