Eine Forschungsmeldung aus der Pädagogischen Psychologie verbreitet sich in den Medien wie ein Lauffeuer – Interview mit dem Studienleiter Prof. Dr. Andreas Frey.

Vom Boulevard bis zur seriösen Wochenzeitung, vom Lokalsender bis zu den öffentlich-rechtlichen – Mitte Juni ging eine Wissenschaftsnachricht aus der Goethe-Universität »viral«, die ein ernüchterndes Bild vom Distanzlernen in Pandemiezeiten zeichnete. Ein systematisches Review, das die Ergebnisse einzelner anderer Studien auswertete, hat ergeben, dass Kinder und Jugendliche im ersten Lockdown 2020 im Durchschnitt nicht nur weniger gelernt haben als im Präsenzunterricht, sondern dass ihre Leistungen teilweise auch zurückgegangen sind – »wie nach den Sommerferien«, beschrieb es Studienleiter Prof. Dr. Andreas Frey. Ein Interview mit dem Pädagogischen Psychologen über seine Untersuchungsergebnisse – und die Reaktionen darauf.

UniReport: Herr Professor Frey, womit waren Sie am Montag, 21. Juni, vorwiegend beschäftigt?

Andreas Frey: Vorwiegend beschäftigt war ich mit Terminvereinbarungen und Interviews. Meine Outlookbox für E-Mail-Anfragen ist sicher das ganze Jahr noch nicht so voll gewesen.

Hatten Sie mit so viel Interesse gerechnet?

Ich hatte bei dieser Thematik durchaus mit viel Interesse gerechnet, weil die Studie ja zwei verschiedene aktuelle Themen miteinander verbindet: Corona und die Zeit danach mit dem Thema Bildung. Aber ein so großes Interesse habe ich nicht antizipiert.

»Schule zu Hause ist wie Sommerferien machen« – so hat die Bild-Zeitung getitelt. Ist diese Aussage zu kurz gegriffen?

Die Aussage, die die Bild-Zeitung verwendet hat, schon. Die Aussage, die wir in der Studie getroffen haben, war ja folgende: Wir haben die Effekte ausgerechnet, die im Mittel zu verzeichnen sind während der Zeit der coronabedingten Schulschließungen im Vergleich zum Präsenzunterricht, der davor stattgefunden hat. Und dort haben wir deutlich negative Effekte gefunden. Wenn man diese auf einzelne Wochen umrechnet, sieht man, dass die Effekte ähnlich sind wie das, was jedes Jahr während der Sommerferien passiert: Man lernt nicht viel dazu, tendenziell verlernt man auch ein bisschen, wenn man sich nicht mit Lerninhalten beschäftigt. Das haben wir im Mittel auch gefunden.

Aber war der Vergleich mit den Sommerferien nicht ein wenig zu plakativ?

Die Sommerferien sind ein guter Referenzrahmen, darunter kann jeder sich was vorstellen. Wenn ich Ihnen nun gesagt hätte, dass beispielweise die negativen Effekte im Lesen zwischen – 0.29 und 0.04 Standardabweichung mit einem Median von – 0.14 Standardabweichung der Leistungsstreuung gelegen hätten, dann wäre das schwer zu greifen gewesen, wenn man keine empirisch- statistische Ausbildung hat.

Die Bild-Zeitung hat insofern verkürzt, als die Kinder ja nicht Ferien gemacht haben und in der Hängematte lagen, sondern dass die Auswirkungen des Distanzlernens so wie die Auswirkungen von Ferien waren.

Richtig und das ist natürlich etwas ganz anderes. Wir wissen ja nicht, was passiert wäre, wenn gar keine Schule stattgefunden hätte. Ich vermute, wir hätten noch deutlich negativere Effekte vorgefunden. Der Distanzunterricht hat mit Sicherheit in dieser extremen Krisensituation auch stabilisierend gewirkt. Das hat in einigen Fällen ja auch hervorragend geklappt, in manchen halt nicht so gut, und im Mittel ist das Ergebnis eben eher ernüchternd.

Sie haben in Ihrem Review elf Studien aus verschiedenen Ländern miteinander verglichen und die schulischen Kompetenzen abgefragt. Kann man so unterschiedliche Länder und Bildungssysteme wie Deutschland und China denn ohne Weiteres miteinander vergleichen?

Wir haben bei der Auswahl der Studien a priori Qualitätsstandards definiert. Über wissenschaftliche Datenbanken haben wir mit einem in der Publikation beschriebenen Suchstring Studien gesucht, die sich mit Leistungsentwicklung während der ersten Schulschließung im Frühjahr 2020 befasst haben. Da findet man viele Studien, die Meinungen oder Vermutungen dazu formulieren oder die Selbstberichte von Schülerinnen und Schülern oder Lehrerinnen und Lehrern berücksichtigt haben. Die sind alle nicht berücksichtigt worden, wir haben nur Studien betrachtet, die eindeutig interpretierbare Effekte der Schulschließungen berichtet haben. Das heißt, die brauchten eine Vorher-Messung – also vor der Coronazeit – mit vergleichbaren Messinstrumenten, die brauchten eine Kontrolle von potenziellen Störvariablen und anderen Einflussfaktoren, die einen kausalen Schluss hätten einschränken können und sie mussten ein statistisches Maß für den Effekt berichten. Und da sind eben elf Studien übrig geblieben, die wir gemeinsam betrachtet und auf einer sehr hoch aggregierten Ebene eine durchschnittliche Leistungsentwicklung beschrieben haben.

Die Studie sagt nichts darüber aus, auf welche Art und Weise der Distanzunterricht organisiert war?

Richtig.

War die Tendenz in allen Ländern gleich?

Nein, da gibt es durchaus Unterschiede, es variiert ein bisschen zwischen den Ländern. Das hängt aber auch davon ab, was genau jeweils untersucht wurde, es waren ja nur elf Studien. Die Effekte bei jüngeren Kindern scheinen stärker zu sein, sie sind also weniger gut mit der Situation zurechtgekommen als ältere Kinder. Und wenn beispielweise eine holländische Studie ihr Augenmerk auf die Jüngeren gelegt hat, dann steht Holland nun mit einem stärkeren negativen Effekt da. Von der Datenlage her können wir die einzelnen Länder nicht miteinander vergleichen.

Kann man da sagen, in welchen Fächern die Kinder und Jugendlichen besonders nachgelassen haben?

Die Datengrundlage ist hierfür zu dünn. Was wir aber an einigen Studien gesehen haben, unabhängig vom Schulfach: dass Schülerinnen und Schüler durchaus profitieren konnten vom Online-Lernangebot auch während der Coronazeit, wenn das nämlich sehr gut gemacht war. Da finden wir auch Studien dazu – erfreulicherweise aus Deutschland.

Kinder aus sozial benachteiligten Schichten haben eher Kompetenzen abgebaut. Konnte man diese Kinder auch mit gutem Unterricht mitnehmen?

In einer Studie konnten gerade die sozial benachteiligten Schülerinnen und Schüler in besonderem Maße von guten Online-Angeboten profitieren. Das gibt uns einen guten Drive, auch für das kommende Schuljahr. Denn es ist nicht hoffnungslos: Es gibt Konzepte, die genau die Probleme adressieren können, deren Auswirkungen wir berichtet haben. Und jetzt heißt es, das auch umzusetzen. Erfreulicherweise hat die Bundesregierung dafür ja auch Mittel zur Verfügung gestellt mit dem Corona-Aufholpaket, die in Hessen auch durchs Land verstärkt werden. Und von daher wird es am Geld nicht scheitern im kommenden Schuljahr – eher an der Anzahl der Personen, die das in die Breite bringen. Aber zwei wichtige Bausteine sind vorhanden: die finanziellen Mittel und die Konzepte, die in dieser Situation nützlich sind.

Wenn die sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen besonders viele Kompetenzen eingebüßt haben – gilt auch der Umkehrschluss, dass Kinder aus gut behüteten und gut ausgestatteten Mittelstandshäusern weniger Leistungsabfall gezeigt haben?

Im Mittel ist das so. Weil die Schere weiter auseinanderging, haben Schülerinnen und Schüler aus sozioökonomisch bessergestellten Elternhäusern im Mittel eine bessere Leistungsentwicklung während der Schulschließungen hingelegt, die auch deutlich im positiven Bereich lagen. Aber auch da gibt es eine große Streuung, und einige werden super profitiert haben, einige werden aber auch abgetaucht sein und nicht profitiert haben.

Sie haben mir erzählt, es habe auch mit der Zeit zu tun, die man mit dem Lernstoff verbringt. Das ist aber auch von Kind zu Kind unterschiedlich?

Das variiert auch zwischen Kindern, aber das ist tatsächlich einer der Ansatzpunkte, wo man etwas verbessern kann. Das sah auch im zweiten Lockdown im Winter nicht nennenswert besser aus. Um das in Zahlen auszudrücken: Die Zeit, die Schülerinnen und Schüler an einem üblichen Wochentag mit Lernen verbringen, lag laut einer Studie des Ifo Instituts vor Corona bei 7,4 Stunden, während des ersten Lockdowns sank diese Zeit auf 3,6 Stunden ab. Das ist mit 4,3 Stunden auch nicht nennenswert höher geworden während des zweiten Lockdowns. Und wir sehen hier auch, dass gerade die Schülerinnen und Schüler mit niedrigerem Leistungsniveau ihre Lernzeit weiter runtergeschraubt haben. Diese hatten 3,4 Stunden, und die vorher schon ein hohes Leistungsniveau hatten, hatten 3,9 Stunden. Vor Corona hatten sie mit 7,4 und 7,5 Stunden eine fast identische Lernzeit. Man sollte versuchen, in Distanzlernsituationen mehr Verbindlichkeit zu schaffen, damit auch Zeit mit Lernen verbracht wird.

Am selben Tag wie Ihre Studie erschien auch eine Stellungnahme der Leopoldina, in der auch gefordert wurde, dass der Präsenzunterricht unbedingt fortzusetzen sei – vor allem aus psychosozialen Gründen. Wie eng hängen Lernleistung und psychosoziales Wohlbefinden zusammen?

Das hängt mit Sicherheit eng zusammen, aber mir sind dazu im Detail keine Zahlen bekannt. Natürlich wirkt sich ein zufriedeneres Leben positiv auf das Lernen aus.

Die heutigen Drittsemester haben ihre Universität auch noch nicht von innen gesehen, kennen weder Campus noch Mensa noch Hörsaal – und kaum Kommilitonen. Kann man die Ergebnisse Ihrer Studie auch auf die Uni übertragen?

Ich denke, für die Studierenden ist das auch eine schwierige Zeit. Der Beginn eines Studiums ist ja für viele ein Meilenstein im Leben. Man zieht unter Umständen in eine andere Stadt, verlässt das Elternhaus, all dies. Das hat ja nur sehr eingeschränkt stattgefunden, und das soziale Miteinander an der Hochschule ist auf ein sehr kleines Maß zurechtgestutzt worden. Das ist sehr schade, und ich drücke uns allen die Daumen, dass es im Herbst wirklich mit Präsenzlehre weitergeht. Inwieweit die Ergebnisse unserer Studie aus dem allgemeinbildenden Bereich auf die Situation der Studierenden übertragen werden können und auf deren Lernerfolge, dazu sind mir keine Daten bekannt, zumindest keine, die man über einen Standort hinaus generalisieren könnte. Würde mich aber interessieren.

Und wie ist Ihr persönlicher Eindruck als Hochschullehrer?

Mir geht es ähnlich wie wohl vielen Lehrkräften an den Schulen und vielen Schülerinnen und Schülern. Für mich selbst habe ich den Eindruck, dass alles eigentlich ganz gut geklappt hat. Von daher wäre ich besonders interessiert daran, ob die Studierenden tatsächlich im Mittel so viel gelernt haben, wie ich mir das so denke.

Fragen: Anke Sauter

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Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4/2021 (PDF) des UniReport erschienen.