In zwei Studien untersucht das Psychologen-Team um Prof. Ulrich Stangier, wie sich die Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit auswirkt. Beim sogenannten „Cave-Syndrom” wird danach gefragt, ob sich Menschen auch noch nach der Phase, in der das Social Distancing eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern sollte, dem sozialen Miteinander weiterhin entziehen, während bei „Long COVID” die Auswirkungen einer Corona-Infektion auf das Erleben und Befinden eines Genesenen untersucht werden.

Wann wird die Selbstisolation pathologisch? Foto: svitlini/Shutterstock.

Psychische Erkrankung oder Anpassung an Gegebenheiten?

Der Begriff des „Cave-Syndroms” beschreibt recht anschaulich, wie sich Menschen lieber in ihre private Höhle zurückziehen, als die soziale Nähe zu suchen. Das Syndrom taucht häufiger in Medienberichten über mögliche Corona-Spätfolgen auf. Dabei ist keineswegs unumstritten, ob es sich dabei wirklich um ein pathologisches Phänomen handelt, wie Prof. Ulrich Stangier, Professor für Psychologie an der Goethe-Universität und verantwortlich für die Studie dazu, betont. „Im engeren Sinn bezeichnet Syndrom ein psychiatrisches Krankheitsbild, das durch ein charakteristisches Muster von Symptomen gekennzeichnet ist und sich von anderen Syndromen abgrenzen lässt. Ob sich über die Ängste und Hemmungen hinaus andere Symptome feststellen lassen, die eine eigenständige Krankheitsentität rechtfertigen, müsste in epidemiologischen Studien erst empirisch geprüft werden.” Vieles spreche jedoch dafür, dass die psychopathologische Klassifikation eher ein „disease mongering“ darstelle, erläutert Stangier. Darunter verstehe man die ungerechtfertigte Pathologisierung eines psychischen Erlebnismusters, gegebenenfalls auch den gezielten Versuch der Pharmaindustrie, durch die künstliche Schaffung von Diagnosen einen neuen Absatzmarkt für Medikamente zu erschließen. Stangier sieht ein prinzipielles Problem in der Übertragung medizinischer Erklärungsmodelle auf psychische Phänomene; dass Symptome auf zugrunde liegende, latente Krankheiten zurückführbar seien, greife zu kurz. In der Psychologie gehe man eher davon aus, dass Erlebnis- und Verhaltensmuster Ausdruck eines gesunden Bemühens an die Anforderungen an die Lebenswelt sein können. „Was man vor zwei Monaten, als das Infektionsgeschehen noch überschaubar war, als ‚Cave-Syndrom’ bezeichnet hätte, erscheint vor dem Hintergrund stark gestiegener Inzidenzen und entsprechender Ratschläge des RKI, die Kontakte zu reduzieren, durchaus als rationales Verhaltensmuster”, ergänzt Schahryar Kananian, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team von Prof. Stangier.

Rückkehr zur gewohnten Normalität unrealistisch

Die Frankfurter Psychologen sehen ein „motivationales Dilemma”, das die Pandemie erzeuge: einerseits eine begründete Angst vor Infektion und soziale Distanzierung, andererseits ein Bedürfnis nach Kontakt und Geselligkeit. Bei der Frage, warum auch nach dem Ende von Kontaktbeschränkungen eine gewisse „Unsicherheit” bei einigen Menschen auftrete, sehen die Psychologen einen möglichen Grund darin, dass durch die lang anhaltenden sozialen Einschränkungen das Interesse und die Freude an sozialen Kontakten reduziert wurde. Hier spricht man von der sogenannten „sozialen Anhedonie”. Eine alternative Erklärung wäre, dass durch die Konzentration auf das persönliche Wohl das Bewusstsein der Verbundenheit mit anderen Menschen und die soziale Identität in den Hintergrund treten. Soziale Wahrnehmungen und Motivationen veränderten sich jedoch nicht in der gleichen Geschwindigkeit wie die politischen und öffentlichen Einschätzungen der Pandemiegefahr. „Eine Rückkehr zu ‚normaler’, unbekümmerter sozialer Spontaneität wird jedoch bei den meisten Menschen eine Übergangszeit benötigen. Aufgrund realer oder drohender sozialer Folgen der Pandemie, der nachhaltigen Veränderung sozialer Kommunikation durch die massive Digitalisierungswelle, wie auch das Auf und Ab der pandemischen Gefahrenlage, lassen eine Rückkehr zur gewohnten Normalität ohnehin unrealistisch erscheinen”, erklärt Ulrich Stangier. Die momentan wieder stark steigenden Infektionszahlen lassen ein Ende der Corona-Pandemie ohnehin wieder in weite Ferne rücken.

In einer aktuellen Online-Umfrage, an der alle erwachsenen Personen teilnehmen können, die noch nicht an Corona erkrankt sind, soll die Annahme überprüft werden, ob ein post-pandemisches soziales Anpassungsmuster beobachtbar ist, und ob dieses mit veränderter sozialer Wahrnehmung (d.h. einem verringerten Gefühls sozialer Identität) oder Motivationen (soziale Anhedonie) erklärt werden könnte. Bislang haben schon über 900 Personen an der Befragung teilgenommen. Studierende und Mitarbeiter*innen der Goethe-Universität, wie auch Verwandte oder Bekannte, sind herzlich eingeladen, an der Studie teilzunehmen, um eine repräsentative Erfassung der Verarbeitungsprozesse der Corona-Pandemie in der Bevölkerung zu ermöglichen. Nach Abschluss der Studie, voraussichtlich im März 2022, werden auf der Website erste Ergebnisse der Studie veröffentlicht. Zugang zu der Studie erhalten Interessenten über den Link: https://www.soscisurvey.de/Cave-Syndrome/

Long COVID: Auch psychische Defizite gehören zu den Spätfolgen

Eine weitere Studie des Instituts für Psychologie beschäftigt sich mit den Folgen der Corona- Pandemie, die ihre Ursache in einer Corona-Infektion haben. „Es hat sich herausgestellt, dass selbst bei Personen, bei denen nur ein milder Verlauf der Corona-Erkrankung zu beobachten war, eine Reihe von psychischen Symptomen auftrat, die auf die ursprüngliche Infektion zurückzuführen sind: Dazu gehören beispielsweise Vergesslichkeit, Konzentrationsschwäche, Ängstlichkeit, Depressivität und eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)”, erläutert Schahryar Kananian. Durch die Long COVID- Befragung soll überprüft werden, ob es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und den Spätfolgen gibt. Bislang, so Kananian, gebe es noch kein validiertes Instrument, um Long COVID zu diagnostizieren. Postvirale Symptome seien prinzipiell auch bei anderen Erkrankungen wie bei einer schweren Grippe häufig anzutreffen. Doch bisherige Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass nach COVID-19-Infektionen der Anteil an Spätfolgen recht hoch sei. Es müsse nun differenziert werden, ob es sich bei den psychischen Spätfolgen um direkte oder indirekte handele. „Wenn ein junger Mensch plötzlich beim Treppensteigen schnell erschöpft ist, kann das depressive Symptome nach sich ziehen, die dann aber eher indirekt von der Infektion herrühren”, erläutert Kananian.

Bei der Online-Befragung „Long COVID“ sollen sowohl Personen angesprochen werden, die schwere Krankheitsverläufe erlebt haben, als auch Personen mit leichten oder symptomfreien Krankheitsverläufen. Die Fragen beziehen sich auf sehr unterschiedliche psychologische und soziale Aspekte, die nicht zwangsläufig auf jeden Befragten zutreffen müssen. Die Umfrage richtet sich an alle Personen, die mindestens 18 Jahre alt sind und positiv auf Corona getestet wurden. Die Bearbeitung dauert ca. 15 bis 20 Minuten.

Zugang zu der Long-COVID-Studie erhalten Interessenten über den Link: https://www.soscisurvey.de/Studie_zu_Long-COVID/

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 6/2021 (PDF) des UniReport erschienen.