Durch die Corona-Krise werden die im Selbstverständnis Juvenilen an ihr leibliches Alter erinnert. Foto: Daniele Cossu/Shutterstock

UniReport: Frau Professorin King, eine sogenannte zweite Corona-Welle, von der man nicht weiß, wie lange sie andauern wird, hat nun auch Deutschland erfasst. Sind damit auch sozialpsychologische Aussagen über die mittel- und langfristigen Auswirkungen der Pandemie schwieriger geworden? Oder ist dennoch das »typische« Muster einer Pandemie in der Gesellschaft erkennbar?

Vera King: Aussagen über langfristige Entwicklungen sind natürlich grundsätzlich schwierig. Was wir kennen: Auch in früheren Pandemien gab es schon mehrere Wellen und seit Beginn der Krise zeichnen sich teils geläufige Muster ab. Zugleich spiegeln die Umgangsweisen mit solchen Ausnahmesituationen zwangsläufig ja immer auch etwas von der jeweiligen historischen, gesellschaftlichen Verfasstheit. Insofern sehen wir Muster, die von früheren Pandemien bekannt sind, aber eben auch charakteristische Ausdrucksformen der Gegenwartskultur.

Welche typischen Muster gibt es?

Das Spektrum der Verarbeitungsformen reicht von (überwiegender) solidarischer Umsicht bis hin zu Verleugnungen oder destruktiven Entsolidarisierungen, die teils zunehmen, je brenzliger es wird. Eine Variante liegt auch in der Konstruktion von Schuldigen; in der Geschichte immer wieder beobachtbar ist etwa, wie andere Nationen als Verursacher deklariert wurden. Typisch ist, wenn Ohnmacht angesichts eines unsichtbaren gefährlichen Virus, der zudem die Abhängigkeit von anderen verdeutlicht, in Aggression transformiert wird: etwa auf vermeintlich böse Mächte, „verantwortungslose“ Jugend oder „egozentrische“ Ältere. Heftige Anklagen richten sich oft an diejenigen, die das Verlorene wiederherstellen sollen, an Fachleute und politisch Verantwortliche. Die Erfahrung, dass unter Pandemiebedingungen niemand genau ermessen oder gar garantieren kann, wie es weitergeht, ist offenkundig schwer zu ertragen. Sie begünstigt das Erleben, es handele sich bei Steuerungsversuchen mit all ihren zwangsläufigen Unwägbarkeiten um tyrannische Willkür oder Verschwörungen. Angst und Zorn werden auch politisch funktionalisiert, wie wir beobachten können.

Sie haben sich in Ihrem Beitrag für den Sammelband »Jenseits von Corona« mit sozialpsychologischen Mustern der Verarbeitung von Vergänglichkeit und Begrenztheit beschäftigt. Zunächst die Frage: Worin liegt die Paradoxie begründet, Vergänglichkeit anzuerkennen?

Die Verarbeitung von Vergänglichkeit gehört mit zu den schwierigsten psychischen Herausforderungen. Zwar gewinnt das Leben da- durch an Bedeutung, dass es begrenzt ist. Und Lebensbejahung beruht mit darauf, das unumstößliche Vergehen der Lebenszeit anzuerkennen, ihre Unverfügbarkeit. In gewisser Weise grundiert Endlichkeitserfahrung somit die Fähigkeit zu Glück und Genuss. Aber der Vergänglichkeitsschmerz ist gleichwohl schwer erträglich. Es bedarf auch der Abfederungen durch kulturelle Praktiken und Deutungsmuster, etwa im Kontext von Religion, Politik und Kunst. Und lebenspraktisch zeigen sich vielfältige Ausweichbewegungen und Kompensationen.

Vergänglichkeit wird durch die Pandemie deutlicher spürbar – mit welchen Folgen?

Zum einen treten die Endlichkeit und Verletzlichkeit der Menschen stärker hervor. Zum zweiten hat die Pandemie aber auch zeitgenössische Muster des Umgangs mit Vergänglichkeit angegriffen. Wir sind es eigentlich gewohnt, in unseren Gegenwartskulturen, wie man sagen könnte, der Unverfügbarkeit von Lebenszeit auf vielen Ebenen zu trotzen. Wie es Hans Blumenberg auf den Punkt gebracht hat, versuchen die Menschen der Moderne, Zeit zu gewinnen, um mehr von der Welt zu haben: durch ein fortwährendes Höher, Schneller, Besser, also durch stete Steigerung und Grenzüberschreitung. Und eben dies funktioniert in der Corona-Krise in einem ganz konkreten, aber auch übertragenen Sinne nicht mehr: Lockdown bedeutet nicht nur einen praktischen Stillstand der Mobilität oder Kontakte, sondern erschüttert eingeschliffene kulturelle Muster, „im Aufbruch“ zu sein.

Sie sprechen mit Blick auf die Verarbeitung von Vergänglichkeit von der Metapher des »ewigen Aufbruchs«

Steigerungs- und Optimierungsimperative wirken ökonomisch funktional. Im kulturellen Sinne, auch sozialpsychologisch betrachtet, wird damit zudem, wie eben angedeutet, eine Welterfahrung begünstigt, in der Grenzen, auch die Limitierungen von Selbst und Körper, immer nur als vorläufige, zu überwindende erscheinen. Wodurch auch Endlichheit scheinbar in den Hintergrund rücken kann. Ein solches Muster habe ich in der Metapher des ewigen Aufbruchs verdichtet, also eine paradoxe Einheit des fortgesetzten Bruchs und endlos perpetuierten Noch-Nicht. Sozialpsychologisch auch eine Art Religionsersatz.

Insbesondere beinhaltet „ewiger Aufbruch“ eine Tendenz zur Verschleierung der Generationendifferenz: Während in der klassischen Moderne die Jugend das Neue in die Welt brachte, so das vorherrschende Deutungsmuster, gewinnt in der gegenwärtigen Moderne das Bild von Erwachsenen als juvenilen flexiblen zukunftsvergessenen Dauerinnovatoren an Bedeutung. Die Welt wird dann – auch im ökologischen Sinne – ganz und gar in der Gegenwart verbraucht.

Wenn die Alten sich der Innovationslogik verschreiben und dadurch die Generationendifferenz verschleiert wird, hat das ja auch etwas mit einem ökonomischen Modell der Selbstoptimierung zu tun – alt zu sein oder zu werden kann oder will sich demnach heute keiner mehr erlauben.

Ja, wobei viele Menschen durchaus auch länger gesund und fit sind. Mit dem Älterwerden verbundene Limitierungen oder der Verlust an Vitalität werden oft erst später im Leben spürbar, sind aber auch kulturell schwieriger oder verpönter. Wie Sie sagen: Man kann es sich kaum erlauben. Doch durch die Corona- Krise sind Bilder der Vergänglichkeit unabweisbar näher gerückt, die im Selbstverständnis Juvenilen werden an ihr leibliches Alter erinnert. Und latenter „Altersrassismus“ als dunkle Kehrseite von Selbstoptimierungsnormen und Jugendlichkeitsfiktionen kommt aus dem Verborgenen heraus.

»Altersunterschiede und Generationendifferenz
sind auf neue Weise bedeutsam.«

Der »ewige Aufbruch« als kulturelles Muster wurde nun in der Corona-Pandemie nachhaltig erschüttert, das ist eine Ihrer zentralen Thesen.

Ja, „ewiger Aufbruch“ im beschriebenen Sinne ist erstmal ausgebremst, praktisch, kulturell und als psychisches Verarbeitungs- oder Abwehrmuster. Altersunterschiede und Generationendifferenz sind auf neue Weise bedeutsam. Die an Jahren Jüngeren sind weniger gefährdet, die Älteren sind umso mehr auf deren Solidarität angewiesen. Dies vor dem Hintergrund, dass die ökologische Krise in gewissem Sinne auch als Ausdruck einer Ignoranz der Älteren gegenüber den Folgegenerationen verstehbar ist, wie just vor der Pandemie durch die Klimabewegung vielfach thematisiert wurde.

Denken Sie, dass sich hinter der von Ihnen beschriebenen Konstellation die Gefahr eines massiven gesellschaftlichen Konfliktes verbirgt?

Krankheit, Tod oder ökonomische Einbrüche sind auch in der Pandemie ungleich verteilt, aus den Bedrohungen ergeben sich erhebliche soziale Verwerfungen und Krisenpotenziale. Sozialpsychologisch betrachtet sind überdies die psychischen Verlusterfahrungen umso bedrängender, je länger die Pandemie andauert: Der Verlust des früheren Lebens ist gewaltig und unglaublich traurig. Umso schwerer, wenn man nicht weiß, wie lange es noch dauern wird. Und sich in der Gegenwart umsichtig umzustellen oder einzuschränken, um künftig Schlimmeres zu verhindern, setzt eine konfliktive Abwägung auch unterschiedlicher Interessen voraus, die oft umgangen wird. Aktuell ist sie unvermeidlich geworden. Vielleicht gibt es kollektive Lernprozesse durch „Corona“, die auch bei der Bewältigung der ökologischen Krisen helfen. Aber das müsste man auch gezielter angehen und analysieren. Es wäre auf jeden Fall dringend notwendig über die Pandemie hinaus.

Fragen: Dirk Frank


Vera King ist Professorin für Sozialpsychologie und Soziologie sowie Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts.
Foto: Dettmar


Vera King
Ewiger Aufbruch oder
Einbruch einer Illusion.
Muster der Verarbeitung von Vergänglichkeit
vor und in der Folge von »Corona«
.
In: Bernd Kortmann, Günther G. Schulze (Hg.):
Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der
Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft.
Bielefeld: transcript 2020, S. 117-126.
Weitere Beiträgerinnen und Beiträger sind u. a.
Herfried und Marina Münkler, Lisa Herzog,
Andreas Voßkuhle, Eva von Contzen
und Julika Griem.


Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 6.20 (PDF) des UniReport erschienen.