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Vizepräsident Manfred Schubert-Zsilavecz und Mitarbeiterin der Privaten Hochschulförderung, Susanne Honnef, unterstützen Souad Arshid dabei, beruflich wieder Fuß zu fassen; Foto: Privat

In Syrien war Souad Arshid Apothekerin; nun lebt sie als Flüchtling bei einer Uni-Mitarbeiterin in Nidderau. Vizepräsident Manfred Schubert-Zsilavecz unterstützt sie beim Versuch, beruflich wieder Fuß zu fassen.

Der Innenhof des alten Bauernhauses hängt voller Wein. Souad Arshid pflückt fleißig für das Abendessen. Nicht die Trauben, sondern die Blätter, klärt Souad ihre Nachbarin und Vermieterin Susanne Honnef auf. Ein Missverständnis – entstanden durch sprachliche Schwierigkeiten und kulturelle Unterschiede –, das am Ende viele erfreut. Denn die gefüllten Weinblätter kommen in der Nachbarschaft in Nidderau, wo die Syrerin seit einem Jahr mit ihrer Familie lebt, gut an. An die Ankunft in einem großen Bus erinnert sich Honnef, Mitarbeiterin in der Abteilung Private Hochschulförderung an der Goethe-Universität, noch sehr gut: »›Ich bin Souad. Danke, dass ihr uns aufnehmt‹, begrüßte sie uns gleich auf Deutsch.«

In der Flüchtlingsunterkunft in Schlüchtern hatte sie sich zuvor mit dürftigen Hilfsmitteln wie YouTube die neue Sprache selbst beigebracht. Ihre Deutschkenntnisse seien inzwischen so gut, dass es nur noch selten Verständigungsprobleme gebe, so Honnef. Im Herbst 2015 hat sie die vierköpfige Familie im Seitenhaus ihres Bauernhofes aufgenommen und versucht, so gut es neben der Arbeit geht, Souad, ihren Mann Ayman und die zwei Söhne Eyas und Nawras zu unterstützen. Beispielsweisedabei, Radfahren zu lernen. »Innerhalb einer Woche hatten die Vier Fahrräder, gespendet von ehrenamtlich tätigen Nidderauern, um sich bei uns im Ort überhaupt fortzubewegen zu können, aber keiner von ihnen konnte fahren «, erzählt Honnef schmunzelnd. Ein paar gemeinsame Übungsstunden und viele blaue Flecken später war dann auch diese Hürde genommen.

Nidderau-Eichen, ein Stadtteil von Nidderau im Wetteraukreis, ist der neue Lebensmittelpunkt von Souad und ihrer Familie, seit diese sich im Dezember 2014 zur Flucht vor dem Krieg vom Nordwesten Syriens über die Türkei und Bulgarien nach Deutschland entschloss. Gießen und Schlüchtern waren die ersten Stationen in dem für sie unbekannten Land. »Ich möchte kein Flüchtling sein. Eine Aufgabe zu haben, gebraucht zu werden, das ist mir wichtig«, Souad Arshid Zuvor flüchtete die Familie bereits zwei Jahre durch ihr Heimatland, nachdem Bomben Souads Apotheke zerstörten – ihre berufliche Existenz. »Explodierende Autos, zerstörte Häuser, Soldaten mit Maschinengewehren – das sind Bilder, die die Familie bis heute beschäftigen und sie schlecht schlafen lassen«, weiß Honnef. 25 Jahre lang führte die 55-Jährige in einem Vorort von Damaskus ihr eigenes Geschäft. Zunächst war das Ferienhaus erster Zufluchtsort der Familie.

Als dann aber ihr 27-jähriger Sohn Nawras von den Streitkräften zum Wehrdienst eingezogen werden sollte, beschloss Souad, Syrien zu verlassen. »Den eigenen Besitz von heute auf morgen zu verlieren und ganz von vorne anzufangen, ist nicht einfach«, sagt Souad. Sie fühle sich hier wohl und vor allem sicher, aber nicht glücklicher als in Syrien. Souad ist eine Powerfrau, hat viel Energie und mag es nicht, untätig herumzusitzen. »Ich möchte kein Flüchtling sein. Eine Aufgabe zu haben, gebraucht zu werden, das ist mir wichtig«, sagt Souad. Ihr größter Wunsch wäre es, wieder als Apothekerin arbeiten zu können. Bei der Anerkennung ihres Bachelor- Abschlusses in Pharmaceutical Chemistry sind die Hürden in Deutschland allerdings groß.

Um Souad ihren Wunsch dennoch zu erfüllen, hat Susanne Honnef Vizepräsident Manfred Schubert-Zsilavecz um Unterstützung gebeten: »Ohne zu zögern habe ich Frau Honnef und Souad meine Hilfe zugesagt«, erzählt der Professor für Pharmazeutische Chemie und wissenschaftlicher Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker. »Als Mann vom Fach war es mir ein persönliches Anliegen, mich hier zu engagieren. Insbesondere Flüchtlinge benötigen unser Engagement, um bei all dem Elend, das sie erlebt haben, eine Perspektive zu haben.« Seit ein paar Monaten bringt Schubert-Zsilavecz Souad daher jede Woche pharmazeutische Fachzeitschriften vom Campus Riedberg mit und hilft ihr beim Wiedereinstieg in ihren Beruf.

Um den Prozess des beruflichen Neuanfangs zu beschleunigen, sei für Souad auch eine andere Tätigkeit im Pharmaziebereich denkbar, so Honnef. Daher sei es ihr großes Ziel, gemeinsam mit dem Vizepräsidenten eine Apotheke als Ausbildungsbetrieb zu finden, in der Souad all ihr Wissen über die Herstellung von Arzneimitteln, Beratung von Kunden oder Preisberechnung anwenden und erweitern kann. Erste praktische Erfahrungen auf deutschem Boden hat Souad bereits sammeln können. Eine Apotheke in Ostheim ermöglichte ihr im Frühjahr dieses Jahres ein Praktikum. Aber auch sonst ist die Syrerin rund um die Uhr mit Weiterbildung beschäftigt. Im Jobcenter besucht sie Schlüsselqualifikationskurse, um etwa zu lernen, wie man Bewerbungen schreibt. Mit Unterstützung von Academic Experience Worldwide hat die Apothekerin an der Goethe-Universität zwischenzeitlich auch bereits zwei Intensiv- Deutschkurse belegt.

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Susanne Honnef mit Souad und Eyas Arshid; Foto: Privat

Überhaupt sind die Arshids aktiv und wagen einen echten Neuanfang in Deutschland. »Kaum war die Familie eine Stunde da, fragte der jüngste Sohn Eyas, wo seine Schule sei«, erzählt Honnef. Eine Woche später war er eingeschult. Nach dem Abitur möchte Eyas Pharmazie studieren und Apotheker werden, wie seine Mutter. Das, was er selbst erfahren hat, gibt er längst zurück an seine Mitschüler, die ebenfalls geflüchtet sind und noch ganz am Anfang stehen. Nachmittags hilft der 17-Jährige ihnen bei den Hausaufgaben und dabei, Deutsch zu lernen. Sein Bruder Nawras ist ausgebildeter Journalist und macht derzeit ein Praktikum bei einer kleinen Zeitung in Gelnhausen. Perspektivisch möchte er wieder als Online-Redakteur arbeiten, wie er es auch schon in Syrien getan hat.

Zwei weitere Töchter sind ebenfalls geflohen und leben mit ihren eigenen Familien in Bulgarien und Gelnhausen. Nur Vater Ayman konnte sich bisher noch nicht so recht an die neue Situation gewöhnen. »Derzeit besucht der IT-Fachmann zwar einen Integrationskurs, aber es ist nicht einfach, als Mann mit Ende Fünfzig nach all den Ereignissen noch einmal ganz von vorne anzufangen«, sagt Honnef. Einige Aufgaben habe sie allerdings auch für den Syrer gefunden: Er hat ein paar Computer repariert und sich neustens auch als Hundesitter bewährt. Wenn die Mitarbeiterin der Goethe-Universität mal für ein paar Tage verreist oder länger arbeiten muss, kümmert sich Ayman um ihre zwei Mischlingshunde, spielt oder geht mit ihnen spazieren. So profitieren vom Zusammenleben auf dem Bauernhof letztlich alle – gefüllte Weinblätter inklusive.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.16 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.