Prof. Melissa Lê-Hoa Võ; Foto: Uwe Dettmar

Prof. Melissa Lê-Hoa Võ; Foto: Uwe Dettmar

Auf den ersten Blick scheint unsere Umwelt komplex – auch wenn ihr Aufbau bestimmten physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgt. So ruhen zum Beispiel die meisten Gegenstände auf einer horizontalen Ebene. Das menschliche Gehirn erlernt diese grundlegenden Strukturen offenbar schon früh; darüber hinaus erwerben wir schnell genaue Vorstellungen darüber, an welchem Ort in einer bestimmten Umgebung sich Objekte üblicherweise finden lassen.

Mit diesen kognitiven Abläufen beschäftigt sich Melissa Lê-Hoa Võ. Seit 2014 ist sie Professorin für Allgemeine Psychologie an der Goethe-Universität. Zuvor arbeitete die gebürtige Münchnerin als Postdoktorandin zunächst an der University of Edinburgh; es folgten fünf weitere Forschungsjahre an der Harvard Medical School in den USA. Ihre Forschung wird im Rahmen des Emmy Noether-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert: Durch die Leitung einer eigenen Nachwuchsgruppe sollen promovierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler die Befähigung erwerben, als Hochschullehrer tätig zu sein. Für Võs Projekt »Kognitive Wissensstrukturen bei der Wahrnehmung von Szenen – Behaviorale und neuronale Korrelate semantischer und syntaktischer Verarbeitung von Szenen« stehen für drei Jahre 600.000 Euro bereit.

Võ untersucht, inwiefern bestimmte Wissensstrukturen und Erwartungen es uns ermöglichen, Aufmerksamkeit und Handlungen effizient zu steuern. Dafür werden zunächst die Gesetzmäßigkeiten identifiziert, die den Aufbau von Szenen bestimmen. Ihr Team führt unter anderem umfassende Analysen von Bildstatistiken durch, um daraus ein »Real World Lexikon« zu erstellen — eine leicht zugängliche Datenbank, in der Informationen zu typischen Standorten von Objekten erfasst sein sollen.

Die Kognitions-Psychologin geht auch der Frage nach, wie sich das Szenenwissen bei Säuglingen, Kleinkindern und Erwachsenen entwickelt. »Wir scheinen eine ‚Szenengrammatik‘ zu erwerben, die uns auch in unbekannten, neuen Umgebungen leitet und orientiert«, so Võ. Schließlich erforscht sie die Nutzung des Szenenwissens in der realen Umwelt: Bei Versuchspersonen werden die Zusammenhänge von visueller Suche, Blick- und Körperbewegungen und Hirnpotentialen analysiert. Für diese Untersuchungen baute Võ am Institut für Psychologie ein Wahrnehmungslabor auf, in dem sich deutlich komplexere Datensätze generieren lassen als mit Tests am Computerbildschirm.

»Unsere Forschungsergebnisse besitzen großes Potenzial für Anwendungen innerhalb und außerhalb der Wissenschaft. Wir wollen nicht nur dazu beitragen, kognitiv geleitete technische Assistenz-Systeme weiterzuentwickeln, sondern auch die Früherkennung von Entwicklungsstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern verbessern«, hofft Võ.

Dieser Bericht ist im Jahrbuch 2014 erschienen: [PDF-Download]